https://www.faz.net/-gpf-a189n

Bevölkerungswachstum : Afrikas demographisches Dilemma

Nach Schätzungen der UN wird Delhi mit 40 Millionen Menschen im Jahr 2030 die bevölkerungsreichste Stadt der Welt sein.

Demographische Dividende oder Dilemma?

Fraglich ist, was der Kontinent aus seinem Potential macht. Afrika hat die demographische Dividende als Problem und Chance entdeckt. 2017 hat die Afrikanische Union zum Bevölkerungswachstum ein Gipfeltreffen abgehalten. Sinkt die Fertilität und steigt gleichzeitig der Anteil der Bevölkerung, die arbeitet, können Länder daraus einen wirtschaftlichen Nutzen ziehen. Frank Swiaczny von den Vereinten Nationen sagt dazu: „Kommen weniger Kinder nach, kann pro Kopf mehr in Ausbildung investiert werden. Das haben die heutigen Industrieländer in der Vergangenheit erfahren und davon profitiert. Früher oder später altert die Bevölkerung dann, in der Zwischenzeit gibt es ein Fenster, in dem der hohe relative Anteil der Erwerbsbevölkerung, bei noch geringerem Anteil an Senioren, wirtschaftliche Entwicklung beschleunigen kann.“

Die große Herausforderung ist die Schaffung von Arbeitsplätzen. Laut einer Berechnung der Weltbank müssten jedes Jahr 20 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze entstehen, um jungen Menschen eine Zukunftschance zu geben. Das war zumindest die Situation vor der Coronavirus-Krise. Die Lage hat sich durch die Pandemie deutlich verschärft. Bei der UN sieht man zudem das Problem, dass die demographische Dividende kein „Selbstläufer“ ist, da die Gefahr besteht, dass „Bevölkerungen zu altern beginnen, bevor sie wohlhabend genug geworden sind, um eine alternde Bevölkerung versorgen zu können“. Swiaczny sagt: „Das Fenster der demographischen Dividende ist in Subsahara-Afrika derzeit offen, aber die Zeit drängt.“ 

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit setzt auf Förderung von Bildung, vor allem für Mädchen und Frauen. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat die Investitionen in Bildung seit 2014 mehr als verdoppelt – von 480 Millionen Euro auf 1,2 Milliarden Euro. 25 Prozent der entwicklungspolitischen Ausgaben, so das Ziel des Ministeriums, sollen in Bildung fließen. „Der Schlüssel liegt bei den Mädchen und Frauen“, sagt eine Sprecherin des BMZ. Minister Gerd Müller strebt daneben auch eine Verstärkung privater Investitionen auf dem Kontinent an.

Hinsichtlich Migration in Richtung Europa gibt es weniger Sorgen in dem Ministerium. „80 Prozent der Migranten weltweit migrieren innerhalb ihrer Region oder ihres Kontinents. Nur 2,2 Prozent der Menschen aus Subsahara-Afrika lebt außerhalb seines Herkunftslandes – nämlich 28 Millionen. Wiederum nur ein sehr kleiner Teil dieser Migrantinnen und Migranten ist nach Europa gegangen, nämlich rund 5 Millionen“, sagt die Sprecherin. Tatsächlich nimmt der Wanderungsdruck mit wachsender Bildung zu – im Verhältnis zu den lokalen Zukunftschancen. Swiaczny von den Vereinten Nationen sagt: „Je höher die Bildung, desto mehr lohnt sich die Migration in Länder mit höherem Einkommen.“ Menschen mit geringer Bildung und Einkommen hätten demnach meist nicht die für die Wanderung notwendigen Ressourcen. Das zeigen auch diverse Studien.

Sex als Tabuthema – fehlende Aufklärung

Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) betreibt in mehreren ostafrikanischen Ländern Entwicklungsprojekte. Collin Baswony aus dem Landesbüro in Kenia erklärt, dass Jugendliche, die an den Projekten teilnehmen, häufig kaum Kenntnisse über Familienplanung, Sexualität und Verhütung hätten. „Sex ist ein Tabuthema über die Generationen hinweg“, sagt Baswony von der DSW.

Das Gesundheitswesen in Kenia stelle jungen Frauen und Männern wenige Informationen zur Verfügung, sexuelle Aufklärung in der Schule fände demnach überhaupt nicht statt. „Wir glauben, dass junge Menschen nur dann gute Entscheidungen über ihre Sexualität treffen können, wenn sie auch Zugang zu Informationen haben“, meint Baswony. Ihm zufolge seien es vor allem Jugendliche aus wirtschaftlich schwachen Familien, die früher Eltern würden. Laut einer Studie von 2017 sehen 65 Prozent der Kenianer unter 24 Jahre ein eigenes Kind in diesem Alter als Problem an. Demnach wollten sie zuerst ihre Ausbildung beenden. Dem zuwider laufen Aussagen wie die des Präsidenten von Tansania, der zur Empörung vieler im Jahr 2018 Frauen ermuntert hat, die Pille abzusetzen.

Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung mahnt anlässlich des diesjährigen Weltbevölkerungstags, dass heute immer noch nicht alle Frauen und Mädchen frei über ihren Körper und ihre Sexualität entscheiden können. Wäre das gegeben, schätzt die Stiftung, würde sich das jährliche Bevölkerungswachstum um ein Viertel verringern.

Weitere Themen

Topmeldungen

Unter Korruptionsverdacht : Früherer König Juan Carlos verlässt Spanien

In einem Brief teilt der ehemalige spanische Monarch seinem Sohn mit, dass er das Land verlassen will. Juan Carlos ist in einen Finanzskandal verstrickt. Mit dem Schritt erspart er Felipe VI. eine schwere Entscheidung.
Thomas Griesel, 34, mittlerweile Chef von 7000 Hello-Fresh-Mitarbeitern in 14 Ländern

Hello Fresh : „Wir können noch mehrere hundert Prozent wachsen“

Hello Fresh ist der Shootingstar am deutschen Aktienmarkt. Gründer und Vorstandsvorsitzender Thomas Griesel spricht im Interview über hungrige Bauarbeiter, Gewinne durch Corona und sein Verständnis als Weltmarktführer.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.