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Beslan : Aus Haß wurde Terror

Der FSB spricht von direkten Verbindungen Bassajews zu Al Qaida, stützt sich darauf, daß Araber, die in Tschetschenien kämpfen, in Afghanistan in Lagern der Al Qaida ausgebildet wurden. Die Zeitung "Washington Post" berichtet, Bassajew habe über Telefon Befehle an die Geiselnehmer gegeben. Der 39 Jahre alte Tschetschene wird auch verdächtigt, den Anschlag auf die beiden Passagierflugzeuge am 24. August organisiert zu haben, bei dem 90 Menschen ums Leben kamen.

Diese Anschläge waren nach Ansicht von Sicherheitsfachleuten so perfekt organisiert, die relativ geringe Sprengstoffmenge, die zum Abbrechen des Flugzeughecks führte, war so genau berechnet, daß hinter den tschetschenischen Täterinnen eine größere internationale Terrororganisation zu vermuten sei.

Unterschiedliche Einschätzungen über Maschadow

Unterschiedliche Einschätzungen gibt es hingegen, inwieweit der tschetschenische Rebellenführer Aslan Maschadow hinter der Geiselnahme von Beslan steht. Maschadow arbeitet mit Bassajew immer wieder zusammen; zugleich gibt es zwischen ihnen eine lange Geschichte von Konflikten. Der Kreml setzt Maschadow seit Putins Amtsantritt offiziell mit dem fanatischen Terroristen Bassajew gleich.

Der getötete ehemalige tschetschenische Präsident Achmed Kadyrow hatte aber inoffiziell Kontakt zu Maschadow. Kurz nach den Anschlägen des 11. September 2001 gab es in Moskau ein Treffen eines Abgesandten Putins, des Generals Kasanzew, mit Maschadows Emissär Sakajew. Doch wurden diese Gespräche nicht fortgesetzt.

Auslieferung Maschadows gefordert

Maschadow habe die Geiselnahme in Beslan geplant, um dann als Retter der Kinder aufzutauchen, zum Held von Beslan zu werden und den Kreml dazu zu zwingen, sich mit ihm an einen Tisch zu setzen, verbreiten Geheimdienstkreise in Moskau. Daß Maschadow in einer Erklärung die Geiselnahme verurteilte und erklärte, man kämpfe nicht gegen Frauen und Kinder, widerspricht nicht grundsätzlich dieser Interpretation.

Doch der Ablauf der Geiselnahme, die Tötung von Geiseln und die beispiellose Quälerei der Kinder, spricht nicht für den ehemaligen Armeegeneral als Urheber. Dennoch wird Maschadow, der in freien Wahlen in Tschetschenien keine Mehrheit mehr bekommen würde, nach der Tragödie von Beslan als Verhandlungspartner auf absehbare Zeit nicht in Frage kommen. Das Moskauer Außenministerium hat am Dienstag noch einmal die Auslieferung seines Emissärs in London, Sakajew, und seines "Außenministers" Iljas Maschadow aus Amerika gefordert.

Keinen Plan für einengewaltlosen Ausgang

Die Tatsache, daß sie eine kaum kontrollierbare Menge Menschen, darunter so viele Kinder, über drei Tage in ihrer Gewalt hielten und nicht in kleinen Gruppen freiließen, um die Situation zu entspannen und eine Erstürmung zu verhindern, spricht dafür, daß die Terroristen keinen Plan hatten, um ihre Terroraktion zu einem gewaltlosen Ausgang zu führen.

Es sind Leute, für die das Leben eines Menschen, zumal eines Christen, keinen Wert hat. Es ist die sogenannte Generation der "Usamisten", die wegen einer "verlorenen Kindheit", allgemeiner Perspektivlosigkeit und einer kriminellen Vorbelastung geeignet sind für die Haßindoktrination unter islamischen Vorzeichen. Nicht nur in Rußland werden sie weiter diesen Haß in Terror verwandeln.

MOSKAU, 7. September. "Man hat uns im Wald zusammengeholt, der Mann mit dem Decknamen ,Oberst', und man hat uns gesagt, wir müssen die Schule in Beslan in unsere Gewalt bringen. Dieser Auftrag, hat man uns gesagt, dieser Auftrag stammt von Maschadow und Bassajew", stammelte der Mann in die Kamera. "Als wir den ,Oberst' fragten, warum wir das machen sollen, mit welchem Ziel, hat er gesagt: um einen Krieg im ganzen Kaukasus zu entfesseln". Der Terrorist, den das russische Staatsfernsehen präsentiert, ist der 24 Jahre alte Nurpaschi Kulajew. Unter welchen Umständen seine Aussage zustande gekommen ist, läßt sich nicht beurteilen. "Ich habe nicht geschossen, ich habe selber Kinder", ruft der offensichtlich eingeschüchterte Mann. Ein verletzte Geisel im Krankenhaus erkennt ihn als Schützen.

Sein sieben Jahre älterer Bruder Chanpaschi Kulajew soll nach Presseberichten zu den am 3. September getöteten Geiselnehmern von Beslan gehören. In Tschetschenien hat er ein Ausbildungslager des Jordaniers Chattab durchlaufen, er sei als mehrfacher Mörder von Soldaten und Zivilisten bekannt. Die beiden Brüder haben zur Truppe des berüchtigten tschetschenischen Terroristen, Geiselnehmers und Islamisten Schamil Bassajew gehört, der sich der meisten großen Anschläge in Rußland bezichtigt hat.

Freilich hätte der getötete Chanpaschi Kulajew gar nicht in Beslan als Geiselnehmer dabei sein dürfen. Denn er wurde am 21. August 2001 verhaftet, wie damals der Inlandsgeheimdienst FSB mitteilte. Er habe auf einen Überfall auf die Militärkommandantur in dem tschetschenischen Wedeno, der Heimat von Bassajew, teilgenommen, sei verwundet und verhaftet worden, schreibt die Zeitung "Wremja nowostjej". Doch schon nach einem Jahr sei er unter ungeklärten Umständen freigekommen. Ein weiterer getöteter Terrorist, Majrbek Schajbekchanow, wurde im vergangenen Herbst in Inguschetien verhaftet. Doch "aus rätselhaften Gründen" sei auch er freigelassen worden. Ein Kommandeur der prorussischen tschetschenischen Sonderpolizei Omon versichert, man sei überzeugt gewesen, daß beide Terroristen weiter im Gefängnis säßen. Das nahmen bis zur Geiselnahme in Beslan auch die Bewohner des tschetschenischen Dorfes an, aus dem beide stammen. Für Geld ist in Rußland vieles möglich.

Als weiterer Terrorist, der in Beslan dabei war, wird unter Berufung auf Sicherheitskreise der 25 Jahre alte Wladimir Chorow mit dem Decknamen Abdullah genannt. Er wurde in Nordossetien geboren, soll in Dagestan eine Koranschule besucht haben und war wegen Beteiligung an verschiedenen Anschlägen zur Fahndung ausgeschrieben. Ihn sollen die Terroristen den Geiseln als Nordosseten vorgestellt haben: "Hier ist euer eigener Mann, ein Ossete. Und wenn was passiert, erschießt er euch alle." Der leitende Staatsanwalt teilte mit, daß der zuvor als Anführer verdächtigte Ingusche Magomed Jewlojew nicht unter den getöteten Terroristen gefunden worden sei. Ihr Anführer war jedenfalls der erwähnte "Oberst" - wer sich dahinter verbirgt, bleibt unklar. Der verhaftete Nurpaschi Kulajew soll berichtet haben, daß es zum Streit unter den Geiselnehmern gekommen sei. Einige seien dagegen gewesen, Kinder als Geiseln zu nehmen. Der Anführer habe daraufhin zwei der Frauen, die Sprengstoffgürtel trugen, per Fernsteuerung in die Luft gesprengt, um die Unzufriedenen einzuschüchtern. Indes kann dies auch nur eine Schutzbehauptung sein.

In der tschetschenischen Diaspora in Moskau geht man davon aus, daß es sich bei den Geiselnehmern vor allem um Inguschen gehandelt habe. Mehrere von ihnen sollen früher mit ihren Familien aus dieser Gegend von den Osseten vertrieben worden sein. Sie hätten damit ein Rachemotiv. Jedenfalls kannten sich die Terroristen anscheinend gut in Beslan aus. Mehrere von ihnen hatten im Sommer als Bauarbeiter in der Schule gearbeitet und Waffen und Lebensmittel in der Schule versteckt - Bewohner der Stadt haben das bestätigt. Zwischen den Osseten, die mehrheitlich christlich-orthodoxen Glaubens sind, und den muslimischen Inguschen herrschen Mißtrauen und Haß. Stalin hatte die Inguschen 1944 deportieren lassen, die Osseten hatten ihre Siedlungsgebiete übernommen. Als die Inguschen in den fünfziger Jahren ihre Häuser in Besitz nehmen wollten, brachen Konflikte aus. Sie führten auch zur Sowjetzeit, etwa Anfang der achtziger Jahre, als die Terroristen von Beslan geboren wurden, zu offenen Auseinandersetzungen. Bei blutigen Kämpfen kamen 1992 etwa fünfhundert Osseten und Inguschen ums Leben. Die Eltern der getöteten Kinder von Beslan machen die Inguschen für die Geiselnahme verantwortlich, wollen Rache üben. Am Sonntag konnte ein Pogrom bei Wladikawkas gerade noch von der Polizei verhindert werden. Deshalb gibt die Staatsanwaltschaft und der Geheimdienst die Namen der inguschischen Geiselnehmer nicht bekannt, um deren Familien nicht Todesgefahr auszusetzen.

Der FSB ist nach wie vor bemüht, die Zahl der Araber unter den Geiselnehmern hervorzuheben. Das soll die internationale Verbindung, etwa zu Al Qaida, unterstreichen. Auch in deutschen Sicherheitskreisen wird davon berichtet, daß Geiselnehmer aus Syrien und Jordanien kommen könnten. Nach einigen Angaben könnte es sich bei diesen Arabern um ethnische Tschetschenen handeln. Vor allem in Jordanien gibt es zehntausend Tschetschenen, deren Vorfahren im 19. Jahrhundert mit anderen Kaukasiern, wie den Tscherkessen, aus Rußland ins Osmanische Reich auswanderten. Im jordanischen Parlament sind für Tscherkessen Sitze reserviert.

Daß hinter den Anschlägen Schamil Bassajew steht, wird von russischen wie westlichen Sicherheitsfachleuten für wahrscheinlich gehalten. Bassajew hat sich vom Separatisten zum radikalen Islamisten entwickelt und besitzt enge Verbindungen zu den Arabern, die in Tschetschenien kämpfen und nach Angaben des FSB dort einen großen Teil der Anschläge finanzieren. Der FSB spricht von direkten Verbindungen Bassajews zu Al Qaida, stützt sich darauf, daß Araber, die in Tschetschenien kämpfen, in Afghanistan in Lagern der Al Qaida ausgebildet wurden. Die Zeitung "Washington Post" berichtet, Bassajew habe über Telefon Befehle an die Geiselnehmer gegeben. Der 39 Jahre alte Tschetschene wird auch verdächtigt, den Anschlag auf die beiden Passagierflugzeuge am 24. August organisiert zu haben, bei dem 90 Menschen ums Leben kamen. Diese Anschläge waren nach Ansicht von Sicherheitsfachleuten so perfekt organisiert, die relativ geringe Sprengstoffmenge, die zum Abbrechen des Flugzeughecks führte, war so genau berechnet, daß hinter den tschetschenischen Täterinnen eine größere internationale Terrororganisation zu vermuten sei.

Unterschiedliche Einschätzungen gibt es hingegen, inwieweit der tschetschenische Rebellenführer Aslan Maschadow hinter der Geiselnahme von Beslan steht. Maschadow arbeitet mit Bassajew immer wieder zusammen; zugleich gibt es zwischen ihnen eine lange Geschichte von Konflikten. Der Kreml setzt Maschadow seit Putins Amtsantritt offiziell mit dem fanatischen Terroristen Bassajew gleich. Der getötete ehemalige tschetschenische Präsident Achmed Kadyrow hatte aber inoffiziell Kontakt zu Maschadow. Kurz nach den Anschlägen des 11. September 2001 gab es in Moskau ein Treffen eines Abgesandten Putins, des Generals Kasanzew, mit Maschadows Emissär Sakajew. Doch wurden diese Gespräche nicht fortgesetzt.

Maschadow habe die Geiselnahme in Beslan geplant, um dann als Retter der Kinder aufzutauchen, zum Held von Beslan zu werden und den Kreml dazu zu zwingen, sich mit ihm an einen Tisch zu setzen, verbreiten Geheimdienstkreise in Moskau. Daß Maschadow in einer Erklärung die Geiselnahme verurteilte und erklärte, man kämpfe nicht gegen Frauen und Kinder, widerspricht nicht grundsätzlich dieser Interpretation. Doch der Ablauf der Geiselnahme, die Tötung von Geiseln und die beispiellose Quälerei der Kinder, spricht nicht für den ehemaligen Armeegeneral als Urheber. Dennoch wird Maschadow, der in freien Wahlen in Tschetschenien keine Mehrheit mehr bekommen würde, nach der Tragödie von Beslan als Verhandlungspartner auf absehbare Zeit nicht in Frage kommen. Das Moskauer Außenministerium hat am Dienstag noch einmal die Auslieferung seines Emissärs in London, Sakajew, und seines "Außenministers" Iljas Maschadow aus Amerika gefordert.

Die Tatsache, daß sie eine kaum kontrollierbare Menge Menschen, darunter so viele Kinder, über drei Tage in ihrer Gewalt hielten und nicht in kleinen Gruppen freiließen, um die Situation zu entspannen und eine Erstürmung zu verhindern, spricht dafür, daß die Terroristen keinen Plan hatten, um ihre Terroraktion zu einem gewaltlosen Ausgang zu führen. Es sind Leute, für die das Leben eines Menschen, zumal eines Christen, keinen Wert hat. Es ist die sogenannte Generation der "Usamisten", die wegen einer "verlorenen Kindheit", allgemeiner Perspektivlosigkeit und einer kriminellen Vorbelastung geeignet sind für die Haßindoktrination unter islamischen Vorzeichen. Nicht nur in Rußland werden sie weiter diesen Haß in Terror verwandeln.

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