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Beschlagnahmte Kunst : Der Missbrauch des privaten Kulturgutbesitzes

  • -Aktualisiert am

Vortag der Ausstellungseröffnung «Bestandsaufnahme Gurlitt. Entartete Kunst - beschlagnahmt und verkauft», 1. November 2017. Bild: dpa

Was ist aus den Washingtoner Prinzipien zu von den Nationalsozialisten beschlagnahmten Kunstwerken geworden?

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          1998 hat die Bundesregierung zusammen mit 23 anderen Staaten die Washingtoner Prinzipien betreffend von den Nationalsozialisten beschlagnahmte Kunstwerke unterzeichnet. Sie sehen unter anderem vor, dass derartige Kunstwerke und ihre Vorkriegseigentümer oder deren Erben ausfindig gemacht werden – die sogenannte Provenienzforschung. Der Bundestag hat in einem Beschluss vom 15.11.2019 an die Unterzeichnung erinnert und aufgelistet, was Deutschland und insbesondere die jetzige Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) in Umsetzung der Washingtoner Prinzipien alles getan hat. Ist das Bild wirklich so positiv wie dargestellt?

          Die Washingtoner Prinzipien sagen selbst, dass sie unverbindlich sind und dass die Teilnehmerstaaten im Rahmen ihrer eigenen Rechtsvorschriften handeln. Davon ausgehend, haben die Bundesregierung, die Länder und die kommunalen Spitzenverbände durch eine Gemeinsame Erklärung von 1990 (vielfach Potsdamer Erklärung genannt) die Washingtoner Prinzipien nach Deutschland „importiert“ und dabei zum einen erweitert, zum anderen beschränkt. Zentrale Einrichtung bei der realen Umsetzung der Prinzipien ist das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste (DZK) mit seiner Lost-Art-Datenbank. Ihren Zweck können Such und Fundmeldungen im Register nur erfüllen, wenn sie ausreichend spezifiziert sind. Zudem gibt es evidente Ungleichbehandlungen – wegen der Provenienzlücken für die Zeit 1933 bis 1945 hat die BKM alle Objekte der privaten Sammlung Gurlitt im Register eintragen lassen, während aus demselben Grunde diejenigen Werke der öffentlichen Sammlung Berggruen, bei denen nach intensiver Beforschung Lücken verblieben waren, nicht in das Register eingetragen wurden. Ebenso verwunderlich ist es, dass zahlreiche Objekte, zum Beispiel fast die vollständige Sammlung Adelsberger, als mutmaßliche NS-Raubkunst eingetragen wurden, die erwiesenermaßen bereits einige Jahre vor 1933 von ihren jüdischen Eigentümern wegen ihrer wirtschaftlichen Schwierigkeiten als Folge der Weltwirtschaftskrise verkauft worden waren.

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