https://www.faz.net/-gpf-9hpv0

Bernie Sanders’ Buch : „Steht auf und kämpft“

  • -Aktualisiert am

Der Senator aus Vermont strukturiert sein Buch als eine Art Tagebuch aus den vergangenen zwei Jahren. Er schildert, wie er im ganzen Land für den „Widerstand“ gegen Donald Trump unterwegs gewesen sei. „Ich habe mit sehr kranken Menschen in West Virginia gesprochen, die sich Sorgen darüber machen, was passiert wenn sie oder ihre Familie ihre Krankenversicherung verlieren. Ich habe mit jungen Einwanderern in Nevada gesprochen, 'Dreamers', die sich zu Tode davor ängstigen, ihren legalen Aufenthaltsstatus zu verlieren und aus dem einzigen Land abgeschoben zu werden, das sie kennen. Und ich habe mit einer jungen alleinerziehenden Mutter in Arizona gesprochen, die sich fragt, wie sie ihre Tochter von 10,45 Dollar die Stunde großziehen soll,“ schreibt Sanders. Er schildert, wie er nach seiner Vorwahl-Niederlage gegen Hillary Clinton viele seiner Forderungen in das demokratische Programm durch Verhandlungen einbringen konnte. Doch Sanders wirft den Demokraten auch vor, immer noch keine wirklich progressive Vision für die Zukunft zu haben. Und auch demokratische Kandidaten verlören zu oft den Kontakt zu den normalen Wählern: „Statt Veranstaltungen mit normalen Amerikanern zu machen, verbringen zu viele Demokraten ihre Zeit damit, Geld von reichen Spendern oder Unternehmen einzusammeln,“ kritisiert er.

Einzelne Kapitel drehen sich um konkrete Problemfelder – wie den Klimawandel, Waffengewalt oder das Krankenversicherungs-System Obamacare, mit dessen Abschaffung die Republikaner 2017 scheiterten. Die Auseinandersetzung mit den einzelnen Politikfeldern gerät aber eher kurz und thesenhaft und weniger analytisch – wie schon in Sanders' Buch „Our Revolution“ von 2016 liest sich vieles eher wie eine Standortbestimmung und Ermutigung für bereits überzeugte Aktivisten.

Eine Frage bleibt offen

Sanders widmet auch ein Kapitel dem Andenken an Martin Luther King. Im Vorwahlkampf 2016 hatte der Senator keine guten Umfragewerte bei Afroamerikanern und bemühte sich seither, das zu ändern. Im Buch betont er das gemeinsame Erbe der Bürgerrechtsbewegung und der heutigen Linken: King sei ein gewaltloser Revolutionär gewesen, dessen Widerstand sich nicht nur gegen die Segregation gerichtet habe, sondern auch „gegen das dreifache Übel von Armut, Rassismus und Militarismus“. Auch mit der Forderung nach einer „ethischen Wirtschaft“ bezieht sich Sanders auf King, der einst sagte, dass rassistische und ökonomische Ungleichheit „unzertrennliche Zwillinge“ seien. Die Republikaner versuchten, soziale Programme ebenso zurückzudrehen wie den Umweltschutz und das in Amerika geltende Recht von Frauen, über eine Abtreibung selbst zu entscheiden. Doch niemand dürfe es sich leisten, deswegen zu resignieren, schreibt Sanders: „Jetzt ist nicht die Zeit für Verzweiflung und Depression, jetzt müssen wir aufstehen und kämpfen.“

Auf eine Frage gibt das Buch aber keine Antwort: Sanders hält sich bislang stets die Möglichkeit offen, 2020 abermals als Präsidentschaftskandidat anzutreten. Vor kurzem lehnte er es ab, als ranghöchstes Mitglied in den Senats-Ausschuss für Energiepolitik zu gehen – manche fanden, das sei ein Zeichen, dass er sich auf einen zeitintensiven Wahlkampf vorbereite. „Where do we go from here“ ist tatsächlich vor allem ein Wahlkampf-Buch, auch wenn es keine Kandidatur erklärt. Viele Bücher aus diesem Genre lesen sich wie die Reden der Kandidaten – Sanders macht da keine Ausnahme, zitiert auch komplette eigene Reden. Die Rezensionen in Amerika waren dementsprechend: „Langweilig,“ urteilte etwa der öffentlich-rechtliche Radiosender NPR. Aber das liegt eben auch daran, dass Journalisten Sanders' Positionen kennen und ihm gern Redundanz vorwerfen – für den normalen Wähler bietet das Buch zumindest eine klare Zusammenfassung seines politischen Angebots und einen Alternativvorschlag zur jetzigen Politik.

Weitere Themen

Das große Unbehagen

FAZ Plus Artikel: Kampf um Meinungsfreiheit : Das große Unbehagen

Mehr als 150 Intellektuelle protestieren gegen ein erstickendes Meinungsklima und Repressalien gegen Andersdenkende. Dabei werfen sie vor allem dem Journalismus, den Wissenschaften und Künsten Intoleranz und Moralisieren vor.

Topmeldungen

Eines der großen Anliegen unserer Zeit: Nach der Demo bleibt das durchweichte Schild.

Kampf um Meinungsfreiheit : Das große Unbehagen

Mehr als 150 Intellektuelle protestieren gegen ein erstickendes Meinungsklima und Repressalien gegen Andersdenkende. Dabei werfen sie vor allem dem Journalismus, den Wissenschaften und Künsten Intoleranz und Moralisieren vor.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.