https://www.faz.net/-gpf-2ne0

Berlin : Gysi verspricht Spannung

  • -Aktualisiert am

Auf dem Weg ins Rote Rathaus? Bild: AP

Der Wahlkampf in der Hauptstadt verspricht Spannung. Nicht ganz unerwartet hat PDS-Aushängeschild Gregor Gysi am Sonntag seine Bereitschaft zur Kandidatur bekannt gegeben.

          2 Min.

          Der Wahlkampf in der Hauptstadt verspricht Spannung. Nicht ganz unerwartet hat PDS-Aushängeschild Gregor Gysi am Sonntag in Berlin bekannt gegeben, bei den voraussichtlich im September stattfindenden Neuwahlen für das Amt des Regierenden Bürgermeisters zu kandidieren. Notfalls will er sich auch mit dem Amt eines Senators begnügen.

          „Wenn es Gysi wird, ist das Land wiedervereinigt.“ Mit Vergnügen berichtete Gysi in den letzten Tagen, dass ihn seine Schwiegermutter angerufen und ihm dieses Zitat des Tübinger Rhetorik-Professors Walter Jens übermittelt habe.

          Zustimmung auch im Westteil

          Wie kein anderer hat Gysi die Ostpartei PDS im Westen populär gemacht. Das zahlt sich jetzt aus. In den Umfragen trauen ihm mit 53 Prozent die meisten der Befragten zu, Berlin aus der Finanzkrise zu befreien. Selbst im Westteil der Stadt findet das frühere SED-Mitglied 41 Prozent Zustimmung.

          Bis zuletzt habe er mit sich gerungen, ob er dem immer stärker werden Druck aus seiner Partei und Teilen der Öffentlichkeit nachgeben solle. Erst am Samstagabend habe er sich wirklich entschlossen, bekannte er am Sonntagmittag des 17. Juni, der noch vor zwölf Jahren Gedenktag an den Arbeiteraufstand in Ost-Berlin 1953 war.

          Äußerlich war er bei seinem Presseauftritt ganz dem künftigen Amt angepasst in dunklem Anzug, weißem Hemd und dezenter weinroter Krawatte. Innerlich aber wirkte die Anspannung der letzten Wochen fort. Es dauerte schon ein paar Fragen, bis Gysi zu seiner gewohnten Unverkrampftheit zurückfand und locker erzählte, dass sein endgültiger Entschluss erst nach einem Telefonat mit seinem Sohn am Abend zuvor erfolgt sei. Der habe ihm klar gemacht, entweder müsse er ganz auf die Politik verzichten oder diese einzigartige Chance ergreifen.

          Ein Jahr Abstinenz

          Zur Freude seiner Partei ist Gysi nach einem Jahr freiwilliger Abstinenz in die erste Reihe zurückgekehrt. Aus Verärgerung über die Betonköpfe in seiner Partei hatte sich Gysi nach dem Münsteraner Parteitag vom Fraktionsvorsitz im Bundestag zurückgezogen. Wenn er nun noch einmal ins Rennen steigt, so liegt das auch am Berliner Landesverband, den er als den fortschrittlichsten sieht. Deren Vorsitzende Petra Pau hat sich zusammen mit PDS-Chefin Gabriele Zimmer vor wenigen Monaten für die Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED entschuldigt.

          Die Berliner PDS hat sich im Gegensatz zu PDS-Vize Peter Porsch in diesen Tagen aber auch kritisch zum Bau der Mauer vor 40 Jahren geäußert. Gysi bezog die Berliner Linie: „Kein Staat darf das Recht haben, Menschen vorzuschreiben, wo sie ihr Leben verbringen wollen.“ Für eine Entschuldigung sah allerdings auch Gysi keine Notwendigkeit, denn die setze ja eine Schuld voraus.

          Gysi setzt auf SPD

          Der begnadete Selbstdarsteller Gysi strebt in erster Linie das Amt des Regierenden an. Da eine absolute Mehrheit für die PDS trotz Meinungsumschwung nicht in Sicht ist, setzt Gysi also auf eine Koalition. Um Bürgermeister zu werden, müsste die PDS stärker werden als die SPD. Mit dem Zugpferd Gysi ist das nicht ausgeschlossen. Vor zwei Jahren kam die SPD auf 22,4, die PDS auf 17,7 Prozent. In Thüringen hat es die PDS 1999 bereits geschafft, die SPD auf Rang drei zu verweisen.

          Für die SPD hat Landeschef Peter Strieder jedoch bereits angekündigt, dass Gysi keine Chance habe, Regierender Bürgermeister zu werden, „weil er keine Partner hat, die ihn wählen.“ Gysi sieht das weitaus weniger pessimistisch. Er geht davon aus, dass sich die SPD an die parlamentarischen Gepflogenheiten halten würde, wonach die stärkere Fraktion den Kabinettsschef stellt. Vor allem aber setzt Gysi darauf, dass die SPD sich bei einem solchen Ergebnis unter keinen Umständen eine Neuauflage der großen Koalition leisten kann. Nicht zuletzt diese Überlegung habe zu seiner Kandidatur beigetragen, verriet Gysi.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Donald Trump und Liu He, Vizepremier von China, gemeinsam in Washington. Infolge des Handelskriegs mit Amerika habe die Korruption in Chinas Privatwirtschaft wieder zugenommen, berichtet Philipp Senff von der Wirtschaftsanwaltskanzlei CMS in Schanghai.

          Vorfälle der Deutschen Bank : In China lauert die Korruption bis heute

          Mit teuren Geschenken an chinesische Politiker wollte sich die Deutsche Bank Vorteile verschaffen. Der Fall lenkt den Blick auf ein Land, das trotz Mühen immer noch unter Bestechung leidet – auch wegen des Handelskriegs mit Amerika.
          Andreas Scheuer am Mittwoch in Berlin

          Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

          Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.