https://www.faz.net/-gpf-6utfy

Beresowskij gegen Abramowitsch : Schuld und Klage

Abramowitsch Anfang Oktober auf dem Weg in den Gerichtssaal Bild: REUTERS

Vor einem Londoner Gericht stehen sich die russischen Oligarchen Beresowskij und Abramowitsch in einem Kampf der Giganten gegenüber: Es geht um vier Milliarden Euro.

          5 Min.

          Der Herbst der Oligarchen zieht in einem tristen Londoner Gerichtssaal auf: Im Kunstlicht, unter flachen Decken, eingezwängt zwischen Akten in Pappkartonstapeln und auf Ordner-Karrussells, sitzen sich Boris Beresowskij und Roman Abramowitsch gegenüber, mehrmals in der Woche viele Stunden und noch viele Verhandlungstage lang. Es wäre jetzt ja eher Saison für die Karibik oder das Mittelmeer: Dort würden die Paparazzi nach Bildern jagen von Abramowitschs Yacht (ein 170-Meter Schiff namens „Eclipse“, das fünfte Hochsee-Heim des Milliardärs), oder mit Teleobjektiven auf die Villa Beresowskijs in Cap d‘Antibes spähen.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Stattdessen richten sich die aufmerksamen Augen von Gerichtsreportern auf die beiden. Das Bild von Reichtum, Macht und Gewalt, das russische Geschäftsleute ein Jahrzehnt lang in London, ihrer westlichen Residenz, immer weiter gepflegt haben, hat unvermittelt seinen Glanz verloren. Wer oft perplex die bordeauxfarbenen Maybach-Limousinen durch Chelsea gleiten sah, welche die Oligarchen, ihre Gattinnen oder Freundinnen zum Shoppen in die Kings Road transportierten, wer staunend von den Plänen Abramowitschs las, zwei edle Mehrfamilienhäuser mit insgesamt neun Wohnungen in Londons feinster Gegend zu seiner neuen neue Behausung umzubauen, wem manche Taten der reichen Potentaten wie morgenländische Geschichten vorkamen - der braucht jetzt nur den Bus 15 vom Trafalgar Square zur Station der „London Courts of Justice“ zu nehmen und im modernen Gebäudetrakt des „Rolls Building“ den Gerichtssaal Nummer 26 im dritten Stock zu suchen: Dort sind die beiden bekanntesten russischen Oligarchen Londons in einer nüchternen Wirklichkeit angelangt.

          Das Zivilverfahren, das vor der Richterin Mrs Justice Gloster verhandelt wird, beruht auf der Klage Beresowskijs, dass Abramowitsch ihn im Jahr 2000 zum Verkauf seiner Anteile an dem russischen Ölkonzern Sibneft gezwungen und ihn dabei um rund vier Milliarden Euro geprellt habe. Die Geschichte gibt einen Einblick in die Verhältnisse des postsowjetischen Russlands: Beresowskij, in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre der Strippenzieher am Hofe des ersten russischen Präsidenten Jelzin, entdeckte und förderte zunächst den zwanzig Jahre jüngeren Abramowitsch, mit dem er - so eine der bekannten Versionen - auf einem Yacht-Törn in der Karibik bekannt geworden sein soll.

          Beresowskij rühmte sich, er habe den damals unbekannten Geheimdienstmann Putin als Nachfolger Jelzins ausgesucht - und stellte bald, aber zu spät fest, dass dieser die Spielregeln nicht nur selbst bestimmen wollte, sondern auch in der Lage war, sich durchzusetzen. Beresowskij sah sich zur Flucht aus Russland gezwungen und begann von London aus, vor der Errichtung einer Diktatur in Russland zu warnen. 2003 wurde ihm in Großbritannien der Status eines politischen Flüchtlings zuerkannt. Abramowitsch dagegen verstand die neuen Machtverhältnisse gerade noch rechtzeitig und durfte unter Putin weiter in seiner Heimat Geschäfte machen.

          Abramowitsch kaufte den Fußballclub Chelsea FC

          Während Beresowskij im Glanzjahrzehnt des Londoner Finanzbooms eher durch politische Anwürfe gegen Putin oder durch Behauptungen, er sei Ziel von Attentatsversuchen, von sich reden machte, setzten die reichen Russen, die ihm folgten, ihre neue Heimat durch den Erwerb allerlei luxuriöser Spielzeuge (abgesehen von Häusern und Schiffen) in Erstaunen. Abramowitsch kaufte den Fußballklub Chelsea FC, während sich sein Kollege Alischer Usmanow (der nahe London das einstige Domizil des amerikanischen Milliardärs Paul Getty bewohnt) mit einer Minderheits-Beteiligung am Konkurrenzclub Arsenal zufrieden gab.

          Auch das britische Zeitungswesen hat Aufmerksamkeit bei russischen Investoren geweckt: Alexander Lebedjew, einstmals Angestellter des russischen Geheimdienstes KGB, erwarb vor zwei Jahren zuerst den lokalen Londoner „Evening Standard“, und kurz darauf den überregionalen „Independent“. Lebedjew, der bei seiner Ankunft in London einst noch als „der Spion, der wegen des Geldes kam“, willkommen geheißen wurde, gehörte wie Beresowskij zur ersten Generation des russischen Geschäftsadels. Er bemüht sich seit längerem, in der Londoner Gesellschaft durch Wohltätigkeitsaktionen und öffentliches Engagement Eingliederung und Anerkennung zu finden - mit Erfolg: „Ein Oligarch, den wir noch lieben lernen“ überschrieb die Sonntagszeitung „Observer“ inzwischen ein Porträt über ihn.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.
          Wer zu den Besten in der Forschung gehören möchte, muss sich den Platz hart erkämpfen. Auch in Deutschland gibt es hierfür inzwischen Graduiertenschulen, die die Promovierenden unterstützen.

          Spitzenforschung : Wo die Promotion zur Selektion wird

          Amerikas Dominanz in der Spitzenforschung hat auch die hiesige Nachwuchsförderung kräftig umgekrempelt. Wer oben mitspielen will, muss an eine Graduiertenschule und sich von dort aus die begehrten Plätze erkämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.