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Berater-Affäre : Streng und kerzengrade

  • -Aktualisiert am

Acht Jahre lang führte Florian Gerster das rheinland-pfälzische Sozialministerium als einen Hort strenger Amts- und Lebensführung. Seinem Abschied aus Mainz trauerten nur wenige hinterher.

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          So hat Mainz den früheren Sozialminister Florian Gerster in Erinnerung: kerzengrade die Haltung, so wie es sich für einen Reserveoffizier gebührt, und eine leicht näselnde, belehrende Stimme, die das Gefühl der Distanz zu seinem Gegenüber und zu seinem Publikum weckt und in der ein Quentchen Hochmut mitschwingen könnte. Die ausbeulende Aktentasche, die gerade an der Seite des eher klein gewachsenen Trägers noch optisch an Mächtigkeit gewann, war nicht nur zum ständigen Begleiter, sondern gar zum Markenzeichen diese Mannes geworden, der nicht nur über einen aufgeräumten Kopf verfügt, sondern auch jederzeit auf die aktuelle Aktenlage zurückzugreifen in der Lage ist. Nüchtern kalkulierend und aller sozialen Schwärmerei und Gerechtigkeitslyrik abhold hat Florian Gerster gleichwohl seine sozialdemokratische Seele nicht unter den Scheffel angeblicher finanzieller Zwänge gestellt.

          Wenn der langjährige stellvertretende SPD-Landesvorsitzende und rheinhessische Bezirksvorsitzende auf Parteitagen das Wort ergriff, dann sah sich keiner seiner Zuhörer zu enthusiastischen Beifallsbekundungen verführt. Nüchtern, in klaren Worten - und damit oft in Gegensatz zu seinem das Publikum mit einer pfälzischen, irgendwie unbestimmten und doch angenehm zu hörenden Sprache einlullenden Landesvorsitzenden und Ministerpräsidenten Kurt Beck - beschrieb Gerster die Sachverhalte, zu deren Lösung er ebenso in seinem Mainzer Ministeramt wie an der Spitze der Bundesagentur für Arbeit seinen Beitrag leisten wollte.

          Strenge Amts- und Lebensführung

          Kompetenz, das war die Aura, die Gerster umgab. Eine telegene Wirkung ging und geht Gerster bis heute ab. Daß in Mainz, der Stadt des organisierten Frohsinns, das von Florian Gerster über acht Jahre geführte Sozialministerium eher als ein Hort strenger Amts- und Lebensführung herausstach, ist nicht nur der Rolle eines Amtsträgers geschuldet, der für benachteiligte Menschen die Verantwortung trägt. Wenn irgendein Ministerium wegen seiner effektiven Arbeit ein Lob verdient hätte, dann wäre dies dem Hause Gersters zugefallen. Die andere Seite der Medaille bekamen seine Mitarbeiter zu spüren. Die Belastung zeigte sich in der Beanspruchung seiner Mitarbeiter durch einen Chef, der von sich viel verlangte und den gleichen Einsatz auch von seinen Mitarbeitern erwartete.

          Aus dem Hause Gerster kamen Initiativen, die in ihrer Radikalität an das Wirken eines Heiner Geißler erinnern, der einst als rheinland-pfälzischer Sozialminister die neue soziale Frage entdeckte. Mit dem "Mainzer Modell" nahm Gerster sich des Umstandes an, daß Langzeitarbeitslose und Sozialhilfeempfänger nur schwer in den ersten Arbeitsmarkt zurückfinden. Sein Versuch, diese Menschen mit Zuschüssen zur Sozialabgaben und zum Kindergeld in niedrig entlohnte Arbeitsverhältnisse zu bringen, brachte in den vier hierfür ausgewählten rheinland-pfälzischen Arbeitsamtsbezirken seinerzeit allerdings nur mäßigen Erfolg.

          Mangel an Anpassungsfähigkeit

          So sicher die vom politischen Gegner vorgetragene Unterstellung als falsch zu bewerten ist, Gerster spare bei den Armen und fülle sich und einem Kreis üppig versorgter Berater die Taschen, so deutlich tritt aber sein Defizit zu Tage, wenn es um seine Fähigkeit geht, sich zu verteidigen. Harsch weist er, der in seiner Rolle als Reformer der deutschen Arbeitslosigkeitsverwaltung nun vor dem Ende zu stehen scheint, alle Vorwürfe zurück. Aber es fehlen ihm Freunde, die ihn in seinem Amt halten könnten. Als sich Gerster aus Mainz verabschiedete, um in Nürnberg Remedur zu schaffen, hielt sich am Rhein die Trauer um den Abschied in Grenzen.

          Sein Satz "Ich fühle mich verantwortlich für den Faktor Arbeit" mag seine Aufgabe zutreffend beschreiben. Aber da spricht eben keiner, der mit Herzblut um seine Ziele kämpft, sondern ein Behördenleiter, der seinen Auftrag erkannt hat. Der in eine Wormser Arztfamilie mit strengen Prinzipien hineingeborene Gerster hat schon als Bub den Widerspruchsgeist gezeigt, der einerseits auf eine starken Willen hindeutet, andrerseits aber auf einen Mangel an Anpassungsfähigkeit. Zeitweilig schickte die Familie den widerspenstigen Knaben, der schon als Schüler der SPD beitrat, auf ein Internat. In der Partei entwickelte der später Psychologie studierende junge Mann eine Vorliebe für - aus sozialdemokratischer Mehrheitssicht - randständige Positionen. Er wurde eine der tragenden Säulen des konservativen Seeheimer Kreises und entwickelte zeitig Vorstellungen wie die vom notwendigen Umbau des Sozialstaates. Der Gewerkschaftsflügel der Partei schätzte solche Vorstellungen wenig und verbaute dem ehrgeizigen Gerster die Möglichkeit, nach dem Ausscheiden Scharpings 1994 dessen Nachfolge als Ministerpräsident anzutreten. Da war der stets um die Versöhnung von Gegensätzen bemühte Kurt Beck davor.

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