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Essen und Trinken : Beim Essen hören die Gemeinsamkeiten auf

Die Orangen sind reif, aber bei den Amerikanern werden nur Import-Navelinas aus Spanien aufgetischt Bild: Matthias Rüb/F.A.Z.

Amerikaner und Iraker ringen in Bagdad gemeinsam um Sicherheit und Stabilität. Die Waffenbrüder teilen spartanische Unterkünfte und jede Menge Softdrinks. Aber beim Essen wird Unterschiedliches aufgetischt.

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          Küche kann man das nicht nennen. Es sind zwei kleine Elektrokocher, von Ölspritzern verklebt. Dazu drei gusseiserne Töpfe, ein paar Pfannen, Kochbesteck aus Aluminium. Aus Aluminium sind auch die große Schüsseln, in denen sich der Abwasch türmt - Pozellanteller mit Blümchenmuster, Besteck aus Chromargan - sowie die kreisrunden Tabletts, auf denen Fladenbrote und Reisreste liegen. Dass der junge Polizist Hamza aus Bagdad Koch, Kellner und Küchenjunge in einem ist, hängt damit zusammen, dass er einer der rangniedrigsten unter den vielleicht drei Dutzend Polizisten des Ersten Bataillons der Sechsten Brigade der Zweiten Division der Irakischen Nationalen Polizei ist. Und vor allem damit, dass er einfach am besten kochen kann.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die Iraker sind in einem sunnitischen Mittelstandsviertel im Westen Bagdads untergebracht, gemeinsam mit etwa 60 amerikanischen Soldaten der Kompanie Charlie, Erstes Bataillon, 64. Panzerregiment der 101. Luftlandedivision des amerikanischen Heeres in der „Joint Security Station“ (JSS) in Khadra. Diese „Gemeinsamen Sicherheitsstationen“ sind die Eckpfeiler der amerikanischen Strategie zur Befriedung Bagdads, deren Grundlage die im Februar begonnene und etwa im Juni abgeschlossene Truppenaufstockung von 130.000 auf 165.000 Mann ist.

          Gelebte Waffenbruderschaft

          Es gibt etwa 70 JSS in und um Bagdad. Untergebracht sind sie in großen Privathäusern, Polizeiwachen, Supermärkten oder Lagerhallen mitten in den Wohn- und Geschäftsvierteln der Hauptstadt. Jede JSS ist ein eigenes Biotop des improvisierten Zusammenlebens amerikanischer und irakischer Sicherheitskräfte. Man geht gemeinsam auf Patrouille, jagt gemeinsam Extremisten, benutzt die gleichen Toilettenhäuschen im Hof der JSS, schluckt den selben allgegenwärtigen Staub, schläft in benachbarten stickigen Räumen: gelebte Waffenbruderschaft.

          Beim Essen aber hören die Gemeinsamkeiten auf - auch weil die Mahlzeiten der Amerikaner kaum je nach dem muslimischen Halal-Gebot zubereitet sind, mithin zum Beispiel Schweinefleisch enthalten. In der JSS Khadra bekommen die Amerikaner wie in allen anderen JSS ihre warme Mahlzeit am Abend vom nächstgelegenen Heereslager in großen Plastikbehältern geliefert. Die Iraker in der JSS Khadra kochen selbst.

          Das heißt: Hamza kocht. Dann steigt am späten Nachmittag der Duft von gerösteten Zwiebeln und Knoblauch, von Safran-Reis und Hammelfleisch durchs Treppenhaus - und quält die „Privates“ und die „Specialists“, die „Sergeants“ und die „Lieutenants“, die noch zwei Stunden auf ihre Essenslieferung warten müssen.

          Kaffee gibt es so gut wie nie

          Und wenn abends gegen 18.30 Uhr die Warmhaltebehälter aus den Kofferräumen der „Humvees“ gewuchtet, auf die wackeligen Tische im ersten Stock gestellt und endlich geöffnet werden, dann ist das meistens noch dampfende Essen oft sonderbar geruchsfrei. Es ist das typische Großküchenessen, in riesigen Packungen aus Kuweit und von anderswo herbeigeschafft. Mitarbeiter des amerikanischen Großunternehmens „Kellog Brown and Root“ erhitzen die Mahlzeit in den Großküchen von „Camp Liberty“ oder „Camp Victory“ am Bagdader Flughafen und schaffen es schließlich in großen Behältern zu den Jungs im Fronteinsatz.

          Gewiss, das KBR-Essen ist nicht schlecht: Es gibt frischen Blattsalat, Tomaten und Obst, dazu Müsli, Cornflakes und H-Milch aus Bahrein oder Kuweit, zum Naschen „Tostito“-Chips, „Poptarts“ - Teigtaschen mit Schokoladen-Marshmallow-Füllung - und unglaublich süßen Fertigkuchen. Weil aber die Kaffeemaschinen alle verdreckt und kaputt sind, gibt es so gut wie nie Kaffee. Bleiben die unvermeidlichen „Softdrinks“ in den Aluminiumdosen, die „Diet Coke“ und die „Classical Coke“, die „Diet Pepsi“, „Fanta“ und „Sprite“, Unmengen von „Gatorade“ sowie hin und wieder das koffein- und taurinhaltige Energiegetränk „Rip it“, das in Wahrheit aber auch nur süß ist und nicht munter macht. An den Softdrinks bedienen sich die Iraker gern und reichlich, auf das immergleiche Essen von KBR haben sie keinen Appetit.

          Die Sehnsucht nach „richtigem Essen“

          So wenig wie ihre amerikanischen Waffenbrüder, die freilich Hunger haben und keine Wahl, sich aber schon nach wenigen Wochen des fünfzehnmonatigen Einsatzes im Irak kaum etwas sehnlicher wünschen als wieder einmal „richtiges Essen“. Es müsste ja nicht gleich Hammelfleisch sein. Im Übrigen gilt auf beiden Seiten ein striktes Alkoholverbot - bei den einen aus religiösen, bei den anderen aus disziplinarischen Gründen.

          Wenn Hamza nach dem Essen einen Tee kocht oder einen mit Kardamom verfeinerten arabischen Kaffee, dem namenlosen „Kompaniehund“ im Hof Fleischreste und Reis in den Fressnapf legt und schließlich den Abwasch macht, dann lässt der Gefreite Hernandez aus Texas noch eine Dose „Rip it“ zischen und trägt den prall mit Essensresten, Plastikbesteck, Verpackungen, Getränkedosen und Einweggeschirr gefüllten Müllsack weg. Und wenn Hernandez Appetit auf eine Orange hat, greift er in den Karton mit den Navelinas aus Spanien. Hamza dagegen pflückt sich seine Orange einfach selbst, auf dem Rückweg vom Markt, vom Orangenbaum im Garten irgend eines Hauses.

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