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Zeman : "Benes-Dekrete sind keine kollektive Schuldzuweisung"

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          6 Min.

          Herr Ministerpräsident, glauben Sie, daß der Ton, den Sie in politischen Debatten anschlagen, dem europäischen Integrationsprozeß förderlich ist?

          In Europa gibt es zwei unterschiedliche politische Strömungen. Eine demokratische, die sich aus linken und rechten Kräften zusammensetzt, und eine totalitäre, nicht bloß autoritäre Strömung, die pronazistisch, profaschistisch oder prokommunistisch sein kann. Daher muß man auch zwei verschiedene Sprachen sprechen, je nachdem, ob man es mit demokratischen Politikern zu tun hat oder mit Haider, Le Pen oder Schirinowskij. Es wäre ein schwerer Fehler, demokratischen Politikern gegenüber einen harten Ton anzuschlagen, und es wäre ein ebensolcher Fehler, gegenüber totalitären Politikern in einen weichen Ton zu verfallen. Alles, was ich der österreichischen Zeitschrift "Profil" gesagt habe, hat sich einerseits auf Haiders Kampagne gegen die Tschechische Republik bezogen, andererseits auf die Forderung österreichischer Sudetendeutscher, in tschechischen Städten und Dörfern zweisprachige Ortsschilder aufzustellen. Darauf habe ich reagiert, und, wie ich durchaus zugebe, in einer sehr harten Sprache.

          Wörtlich sagten Sie, "daß die Sudetendeutschen die fünfte Kolonne Hitlers waren, um die Tschechoslowakei als einzige Insel der Demokratie in Mitteleuropa zu zerstören. Kann man jetzt wirklich Versöhnung für Verräter fordern?" Da machen Sie keine Unterschiede, da sprechen Sie eine kollektive Beschuldigung aus.

          Ich habe immer wieder gesagt, daß ich die Sudetendeutschen, die gegen Hitler gekämpft haben, hochschätze. Um Ihnen eines von vielen Beispielen zu nennen: Ich habe über Leopold Pölzl gesprochen, den Bürgermeister von Aussig, den die Gestapo ermordet hat. Es gab viele Opfer des totalitären Systems unter ihnen und viele Kämpfer gegen den Totalitarismus. Der Begriff "fünfte Kolonne" wird von den Historikern gebraucht, auch von den deutschen, da habe ich gar nichts Neues gesagt. Und ich habe niemals von "allen Sudetendeutschen" gesprochen, denn das hätte nicht der historischen Wahrheit entsprochen. Andererseits ist es eine Tatsache, daß neunzig Prozent der Sudetendeutschen im Frühjahr 1938 bei den Kommunalwahlen für Henlein gestimmt haben und daß sich Henlein zum Statthalter Adolf Hitlers erklärt hat. Aber gleichzeitig habe ich immer wieder die Tschechen kritisiert, die mit Hitler kollaboriert haben oder später mit der sowjetischen Besatzungsarmee. Niemand hat mir da vorgeworfen, daß ich die Tschechen kollektiv schuldig spreche. Genausowenig gebe ich den Sudetendeutschen kollektiv schuld, denn in Wirklichkeit verläuft die Trennlinie zwischen den Feiglingen und jenen, die gegen totalitäre Regime kämpfen, und das hat mit der Nationalität nichts zu tun.

          Wenn die Sudetendeutschen die "fünfte Kolonne" Hitlers waren, waren dann die Tschechen die "fünfte Kolonne" Stalins? Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sie die Kommunistische Partei zur stärksten Partei des Landes gemacht, in demokratischen Wahlen, ganz ohne sowjetische Besatzung.

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