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Benedikt XVI. in Lourdes : Papst ruft Katholiken zur Mission auf

  • -Aktualisiert am

Benedict XVI. in Lourdes Bild: dpa

In einer Messe vor rund 100.000 Zuhörern hat Papst Benedikt XVI. die Katholiken am Sonntag zur Mission aufgerufen. „Die Liebe ist stärker als die Bedrohung durch das Böse“, sagte der Papst und erinnerte an die Marienerscheinungen vor 150 Jahren in Lourdes: „Maria ist der Stern der Hoffnung.“

          Papst Benedikt XVI. hat den Katholiken in einer Festmesse im französischen Wallfahrtsort Lourdes Mut zugesprochen und zu einer Erneuerung des „missionarischen Geistes“ aufgerufen. „Die Kraft der Liebe ist stärker als das Böse, das uns bedroht“, sagte er in seiner Predigt vor rund 100.000 Gläubigen. Die Sonntagsmesse war der Höhepunkt der viertägigen Frankreichreise, zu der Benedikt am Freitag in Paris eingetroffen war.

          Darin setzte Benedikt die Kraft des christlichen Glaubens und die Überzeugung der Gläubigen den heidnischen Idolen der modernen Gesellschaft entgegen. Dies solle nicht in einem unversöhnlichen Kulturkampf zwischen Kirche und Staat geschehen, sondern in einem intellektuellen und sozialen Beitrag der Kirche zur Heilung der europäischen Gesellschaft von ihren verschiedenen Problemen. Das ist die Botschaft, die Benedikt während seines Besuchs in Frankreich - in der Hauptstadt Paris und im Marienwallfahrtsort Lourdes im Südwesten des Landes - in ungewöhnlich vielen Predigten und Ansprachen entfaltete. Er entsprach damit dem Vorschlag des französischen Staatspräsidenten Sarkozy, der eine unfruchtbare Trennung zwischen dem pluralistischen Staat und der christlichen Kirche durch eine „positive Laizität“ überwinden will.

          Ein mitfühlender Gesellschaftskritiker

          Vor Beginn des Gottesdienstes war der Papst im Papa-Mobil durch das Meer der Katholiken gefahren. Immer wieder ließ er den Wagen anhalten, um Kinder zu segnen. Am Nachmittag wollte der Papst mit französischen Bischöfen über die Probleme der Katholiken in Frankreich sprechen. Nach einer weiteren Messe für Kranke am Montag soll er zurück nach Rom reisen. Es ist die zehnte Auslandsreise für Benedikt seit seiner Wahl vor drei Jahren.

          Andacht unter freiem Himmel: der Papst in Lourdes

          Schon in seinen Reden am Freitag in Paris - beim Treffen mit den führenden Politikern Frankreichs im Elysée-Palast, bei der Begegnung mit Vertretern der jüdischen Gemeinschaft, vor Repräsentanten der Kultur im neuen mittelalterlichen Zentrum des Collège des Bernardins (Ansprache des Papstes im Collège im Wortlaut), beim Vesper-Gebet mit Priestern und Ordensleuten in der Kathedrale von Notre Dame und in den Grußworten an Zehntausende Jugendliche vor einer Gebets-Nachtwache - sprach Benedikt mit den vorsichtigen Worten eines mitfühlenden Gesellschaftskritikers von den Grenzen und Beschränkungen des modernen liberalen Staates. Für jene Wert-Fundamente, die der Staat nicht schaffen könne, bot der Papst theoretisch, theologisch, historisch und sozial-pädagogisch die Hilfe und die Erfahrungen der Kirche aus Jahrhunderten in Frankreich und im ganzen christlichen Abendland an. „Die Suche nach Gott“, so hatte der ehemalige Theologieprofessor seine Vorlesung ggenant, sei die Grundlage der Europäer und der europäischen Kultur.

          Warnung vor einem Rückfall ins Heidnische

          Am Samstagvormittag hatte der Papst eine Pontifikalmesse mit rund 200.000 Gläubigen aus dem Pariser Großraum auf der „Esplanade des Invalides“, vor dem Invalidendom mit dem Grab Napoleons, gefeiert. Zehntausende junge Leute hatten die Nacht über eine Gebetswache gehalten. Der Papst forderte dazu auf, die „modernen Idole von Geld und Macht, auch des Habens und des bloßen Wissens zurückzuweisen, um zu Gott und dem wahren Glück zurückzukehren“. „Hat sich die gegenwärtige Welt nicht ihre eigenen Götzen geschaffen?“ fragte Benedikt XVI. „Hat sie etwa nicht, vielleicht auch unbewusst, die Heiden des Altertums nachgeahmt, indem sie den Menschen von seinem wahren Ziel abbrachte, von der Glückseligkeit, ewig mit Gott zu leben? Dies ist eine Frage, die jeder Mensch, der sich selbst gegenüber ehrlich ist, sich stellen muss.“ Die Vergötzung dieser Idole sei, so Benedikt, ein Rückfall ins Heidnische, dem die befreiende Kraft des Christlichen entgegenzusetzen sei.

          Noch direkter als in Paris sprach der Papst in dem Marien-Wallfahrtsort Lourdes das gläubige Frankreich an, das der Kirche in allen Wirren der Geschichte mit Frömmigkeit die Treue gehalten habe. Dabei ist der französische Katholizismus insgesamt von Auszehrung - wie in anderen katholischen Ländern mit einem Rückgang an kirchlicher Bindung -, zugleich jedoch von Zeichen gläubiger Vitalität gekennzeichnet. Noch am Samstagabend nahm Benedikt in Lourdes an der Prozession zum 150. Jubiläumsjahr der Marienerscheinungen teil.

          Der Wallfahrtsort Lourdes - s echs Millionen Pilger im Jahr

          Niemand muss an Lourdes glauben. Daran, dass vor 150 Jahren, von Februar 1858 an, die Jungfrau Maria, Mutter des Jesus Christus, 18 Mal dem 14 Jahre alten Mädchen Bernadette Soubirous erschienen sei. Auch kein gläubiger Christ muss das glauben. Und es ist nicht einmal sicher, ob Papst Benedikt XVI. einfach blind daran glaubt oder ob er nicht vielmehr in den weiten Räumen seiner theologischen Vernunft auch dafür ein Plätzchen gefunden hat. Aber wer nach Lourdes, zu einem ganz auf religiösen Tourismus eingestellten Städtchen mit 15.000 Einwohnern am Fuß der französischen Pyrenäen, pilgert, so wie es Benedikt am Samstag tat, wo er bis zu diesem Montag bleibt, erlebt ein anderes Wunder: Viele glauben etwas mehr an die Menschen, an die eigene Kraft und die des Nächsten, einander beizustehen.

          Die „Visionen“ der Bernadette, geistliche Gesichte von Maria - als der „Unbefleckten Empfängnis“, der vollkommenen Frau, die erst vier Jahre zuvor, am 8. Dezember 1854, ihren dogmatischen Siegeszug in der Kirche angetreten hatte - wurden von Anfang an, gerade auch von den amtlichen Vertretern der Kirche, mit Misstrauen beargwöhnt. Aber das gläubige Kirchenvolk stimmte einfach mit den Füßen ab, später mit Fuhrwerken, Eisenbahn, Autos und Flugzeugen aus aller Welt. Im 21. Jahrhundert kommen bis zu sechs Millionen Pilger jährlich aus 70 Ländern.

          66 anerkannte Heilungen in 150 Jahren

          Es geschieht sehr selten, dass jemand nach einem Schluck vom heilbringenden Lourdes-Wasser aus der damals entsprungenen Quelle seine Krücken wegwirft. Von den Abermillionen Pilgern, physisch und seelisch Kranken und ihren Begleitern, meldeten nur 7000 in 150 Jahren dem offiziellen Gesundheitsbüro in Lourdes eine spontane Heilung. Von diesen wurden nur 66 von der Kirche „als Wunder-Geschehnisse“ anerkannt. Skeptiker geben dagegen viel zu bedenken, zum Beispiel die Merkwürdigkeit, dass die Madonna mit Vorliebe (80 Prozent) Frauen heile.

          Atheisten, Schriftsteller, Kranke kamen in den Wallfahrtsort und fanden - Hoffnung. Vom „Stern der Hoffnung“ sprach auch Benedikt. Die Kranken, die häufig in Sonderzügen kommen und gewöhnlich keine Heilung finden, kehren doch fast immer gestärkt zurück. Getröstet in ihrer Krankheit, gefestigt in ihrem christlichen Glauben. Auch Benedikt setzt nicht auf Wunder. Nach der feierlichen Messe sagte er zu den deutschen Pilgern: „Maria ist unsere Mutter. Als ihre Kinder wollen wir Maria unser Leben anvertrauen - Freuden und Sorgen, Krankheit und Leid,
          all unsere Anliegen. Denn wir wissen: Maria führt uns sicher zu ihrem Sohn Jesus Christus.“

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