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Benedikt XVI. in Israel : Stille

Bild: reuters

Der Papst ist scharf dafür kritisiert worden, dass er in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gerade nicht jene Signale aussandte, die sich viele von ihm erhofft hatten. Dabei ging es Benedikt XVI. wohl darum, nicht als Deutscher oder als Papst zu sprechen - sondern als Mensch still zu werden.

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          Es kam, wie es kommen musste. Nicht nur, dass ein palästinensischer Würdenträger die Einladung zu einer Begegnung mit anderen Religionsführern in Gegenwart von Papst Benedikt XVI. zu antiisraelischen Ausfällen missbrauchte. Auch der Papst selbst sieht sich auf seiner Pilgerreise in das Heilige Land wieder einmal an den Pranger der öffentlichen Meinung gestellt. Diesmal freilich nicht, weil das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche etwas sagte oder tat, was der allgemeinen Erwartung zuwiderlief.

          Dem Papst wurde angekreidet, dass er in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gerade nicht jene Signale aussandte, die sich wohl nicht wenige von ihm erhofft, ja erwartet hatten: Worte, die zu erkennen gegeben hätten, dass der Mann im weißen Gewand auch ein Sohn jenes Volkes ist, in dessen Namen die Vernichtung von sechs Millionen Juden ins Werk gesetzt wurde; Worte, denen zu entnehmen gewesen wäre, wie er empfindet, Zeitzeuge der Schoa gewesen zu sein; Worte, die - wenn er schon nicht als Deutscher hätte sprechen wollen, so doch als Papst - nochmals die Verstrickung der katholischen Kirche in die unselige Geschichte des Antisemitismus benannt hätten.

          Weder als Deutscher noch als Papst - sondern als Mensch

          Es wäre naiv, anzunehmen, der Papst habe diese Erwartungen nicht gekannt oder sie nicht sorgsam erwogen. Aber den Ausschlag gegeben haben offenbar die Gründe, ihnen nicht zu entsprechen, trotz wohlweislicher Voraussicht des Kommenden. Hätte der Papst am späten Nachmittag in Yad Vashem wirklich dieselben eindeutigen Worte wiederholen müssen, die er am späten Vormittag unmittelbar nach seiner Ankunft in Israel über das unbeschreibliche Verbrechen der Ermordung von sechs Millionen Juden und die verwerfliche Gegenwart des Antisemitismus in vielen Teilen der Welt gefunden hatte? Vielleicht.

          Und vielleicht hätte der Papst an einem Ort, der einem das Wort im Halse steckenbleiben lässt, wenigstens mit Zeichen und Gesten versuchen können, den Deutschen in ihm zu erkennen zu geben. Doch war es ihm in Yad Vashem wohl um etwas gegangen, was vor allem dort und vielleicht nur dort seinen Ort hat: nicht als Deutscher oder als Papst zu sprechen, sondern als Mensch still zu werden, um im Widerhall der Schreie der Millionen, deren Leben einst in der Schoa ausgelöscht wurde, die Hoffnung auf Gerechtigkeit und Frieden nicht erst im Jenseits zu vernehmen.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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