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Benedikt XVI. : Der Grundzufriedene

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Joseph Ratzinger, seit knapp vier Jahren Papst Benedikt XVI., hat in seinem Leben schon viele gereizt. Er denkt modern, ohne der Moderne zu verfallen. Das provoziert.

          4 Min.

          Joseph Ratzinger, seit knapp vier Jahren Papst Benedikt XVI., hat in seinem Leben (seit 1927) schon viele gereizt. Zum Widerspruch, zur Empörung. Andere hat er mit begeisterter Zustimmung erfüllt. Als „außerordentlicher“ Professor der Theologie (seit 1958) beunruhigte er konservative Katholiken, weil er aus dem alten Schatzhaus der Kirche ganz unbekümmert scheinbar ganz neue Einsichten hervorholte und sie vor den Bischöfen des Zweiten Vatikanischen Konzils überzeugend ausbreitete.

          Als „ordentlicher“ Universitätslehrer (seit 1959), in Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg, irritierte er Progressive, weil er in dem breiten Strom der gefälligen Meinungen der sechziger und siebziger Jahre nicht mitschwamm. Als Erzbischof von München (seit 1977) brachte er die Gläubigen mit seiner Gelehrsamkeit in Verlegenheit. Für den Präfekten der vatikanischen Glaubenskongregation (seit 1981/82) prägte man bald das Etikett „Panzer“ in den Divisionen Johannes Pauls II.

          Alle vor den Kopf gestoßen

          Er stieß Friedensbewegte vor den Kopf, weil er den Kommunismus früh, schon im September 1984, eine „Schande unserer Zeit“ nannte, und Protestanten, weil er an katholische Grundüberzeugungen vom Vorrang der eigenen Kirche erinnerte. Als Papst (seit 2005) hat Benedikt XVI. Muslime provoziert, in einer Vorlesung an der Universität zu Regensburg 2006, als er das Verhältnis zwischen Glaube und Vernunft, Religion und Gewalt erhellen wollte - nicht unwichtig in dieser Zeit -, mit einem Zitat über Mohammed.

          Und jetzt steht Benedikt, weil er die Exkommunikation von vier Bischöfen der Pius-Bruderschaft zurücknahm, darunter die von Richard Williamson, der die Vernichtung der europäischen Juden in Abrede gestellt hat, in dem Verdacht, er rehabilitiere Holocaust-Leugner, sympathisiere mit Rechtsextremisten, gebe Antisemitischem und finsteren Reaktionären wieder eine Heimstatt in der Kirche.

          Dieses Teufelswerk sollte doch ein für allemal verbannt sein, hoffte man. Seit einiger Zeit schon nahmen dem Papst auch Juden dies und das übel, kritisierten sein geringes Wohlwollen für Israel und die Verehrung für seinen Vorgänger Pius XII. Doch jetzt scheint Benedikt, der demütige, verzweifelte Papst von Auschwitz, das er im Mai 2006 besuchte, es sich mit ihnen verdorben zu haben. Zumindest bis auf weiteres.

          Ein langes Sündenregister

          Ein langes Sündenregister. Was treibt denn den Joseph Ratzinger aus Marktl am Inn nur um, dass er sich mit allen anlegt? Aggressiv von Natur scheint er nicht. Salutschüsse aus Kanonen und Gewehren von Schützenvereinen erschrecken ihn noch immer. Es muss wohl daran liegen, dass Joseph Ratzinger vor allem eines ist: grundzufrieden katholisch. Dies ist im intellektuellen Europa eine relativ seltene, und wenn, dann meist verborgene Geisteshaltung; damit zieht man wie der heilige Sebastian die Pfeile bei jeder Gelegenheit auf sich.

          Katholisch - und dann noch zufrieden damit. Welche Provokation. Aber so ist er. Seit der Kindheit in einer gläubigen Familie, seit der Jugend in Bayern. Seine Intelligenz richtet er darauf, in seiner Kirche aus allem das Gute hervorzuheben, an ihrer Geschichte das Erfreuliche herauszustellen, von ihrer Gegenwart das Beste darzulegen. Er kann nicht anders. Mit den Defiziten, die er sehr wohl kennt, hält er sich nicht auf. Das besorgten andere schon zur Genüge, meint er. Er sieht um sich und findet, dass unter den Werken Gottes die „Erfindung“ der katholischen Kirche zum Wohl der Menschheit alles in allem besonders gut sei. Da sind ihm die Gegner sicher, die Kritischen innerhalb der Kirche und die Skeptiker außerhalb.

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