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„Beluga Fortune“ wieder frei : Flucht in den „Panikraum“ bringt die Freiheit

Das Foto zeigt den Frachter MS „Beluga Felicity” - das baugleiche Schwesterschiff „Beluga Fortune” wurde vor der somalischen Kueste von Piraten attackiert Bild: dapd; "Quelle Institut fuer Seeverkehrswirtschaft und Logistik, ISL, Bremen"

Eines der beiden am Sonntag von somalischen Piraten gekaperten Frachtschiffe, die „Beluga Fortune“, ist wieder frei. Die Besatzung blieb unversehrt. Ihr war es gelungen, in einen Schutzraum zu flüchten. Ohne Geiseln flohen die Piraten vor der anrückenden Marine.

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          Eines der beiden am Sonntag von Piraten gekaperten Frachtschiffe, die „Beluga Fortune“, ist nach Angaben der Reederei wieder frei. Die 16 Personen umfassende Besatzung sei unversehrt.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Zu dem von somalischen Piraten aufgebrachten Flüssiggas-Tanker „MV York“, der unter der Führung eines deutschen Kapitäns unterwegs war, teilte das Auswärtige Amt in Berlin lediglich mit, dass er in den Händen von Piraten sei.

          Spähdienst entdeckte Piraten

          Die „Beluga Fortune“ war auf dem Weg vom Golfemirat Fujairah nach Richards Bay in Südafrika. Dort sollte das Schiff der Bremer Schwergut-Reederei Beluga Shipping in einer Woche ankommen. Doch am frühen Sonntagmorgen, 1500 Seemeilen von der Küste entfernt, erfolgte der Angriff. Sicherheitshalber hatte der Kapitän zwei Besatzungsmitglieder zum Spähdienst eingeteilt. Daher wurden die Piraten gleich entdeckt, als sie mit ihren stark motorisierten kleinen Booten (Skiffs) auf den 140 Meter langen Frachter zurasten.

          Die Reaktion darauf hatte die Besatzung zuvor eingehend geübt: Der Kapitän schlägt einen Zickzack-Kurs ein, um möglichst hohe Wellen zu erzeugen und so das Entern des Schiffes zu erschweren. Über Funk informiert er das Aufklärungsflugzeug, das im Rahmen des militärischen EU-Piratenschutzprogramms Atalanta in der Region patrouilliert. Schon bevor die Beluga Fortune in das Risikogebiet im Golf von Aden eingefahren war, hatte die Besatzung Nato-Draht rund um die Reling gelegt.

          Der Kapitän blies zum Rückzug

          Doch weder Stacheldraht noch Schlangenlinien fahren reichten zur Abwehr der Seeräuber aus. Denn der Schwergutfrachter hat einen baulichen Nachteil gegenüber großen Containerschiffen: Die Bordwand ragt nur rund drei Meter über den Wasserspiegel hinaus. Als die bewaffneten Piraten das Schiff enterten, blies der Kapitän zum Rückzug. Die sechzehnköpfige Besatzung, darunter zwei Deutsche, flüchteten in einen eigens für solche Fälle ausgerüsteten Schutzraum.

          Diese Sicherheitszelle, auch Panikraum oder Zitadelle genannt, ist meist der Maschinenkontrollraum, der durch Stahlplatten und anderes Gerät verstärkt und gesichert wird. Von dort kann der Kapitän mit der Marineeinsatzzentrale und seiner Reederei kommunizieren. Und er kann das Schiff lahmlegen - was er in diesem Fall auch tat: Er schaltete die Hauptmaschine ab und kappte die Treibstoffzufuhr.

          Am Montag erreicht dann eine englische Fregatte das vor sich hin dümpelnde Schiff. Eine Spezialeinheit geht an Bord der Beluga Fortune. Bis an die Zähne bewaffnet durchkämmten die Marinesoldaten alle Decks. Aber die Piraten waren schon weg. Weil ihnen die Seeleute als Faustpfand für Lösegeldforderungen und als Schutzschild vor dem Zugriff der Soldaten fehlten, hatten sie sich wieder aus dem Staub gemacht.

          Umso größer ist die Erleichterung in der Reederei in Bremen. „Wir sind heilfroh. Unsere Kollegen an Bord haben den Überfall glimpflich überstanden und sind mit dem Schrecken davon gekommen“, sagt Beluga-Chef Niels Stolberg am Montagabend.

          Flüssiggas-Tanker York weiter in der Hand von Piraten

          Die vierzehn Seeleute an Bord des Flüssiggas-Tankers York, darunter der 68 Jahre alte deutsche Kapitän, haben indes noch keinen Grund zum Lachen. Sie sind am Samstag in die Hand von Piraten gefallen. Die Seeräuber haben den Tanker, der sich zur Zeit des Angriffs 50 Seemeilen östlich der kenianischen Stadt Mombasa befand, inzwischen in Richtung Somalia in Bewegung gesetzt. Zwar hat ein türkisches Kriegsschiff zur Aufklärung einen Hubschrauber zur York entsandt. Aber wegen der Geiselnahme war ein Zugriff (bislang) nicht opportun. Das Schiff fährt unter der Flagge Singapurs und gehört einer griechischen Reederei.

          Vermutlich werden die Piraten innerhalb der nächsten Tage Lösegeld fordern. Dabei werden Mittelsmänner und Anwaltskanzleien eingeschaltet, deren „Leistungen“ zu „Rechnungen“ führen können, die zuweilen genauso hoch ausfallen wie die Lösegelder. Letztere bewegten sich zuletzt in einer Spannbreite von 1 bis 6 Millionen Dollar. Das ist der Bruchteil des Wertes eines Schiffes, der sich einschließlich Ladung schnell auf einen dreistelligen Millionenbetrag addiert.

          Jenseits der Gefahr für Leib und Seele der Seeleute verursacht Piraterie hohe Kosten. Pro Passage durch den Golf von Aden sind je nach Schiffsgröße und -art Versicherungsprämien von 10 000 bis 150 000 Dollar fällig. Darin sind mögliche Lösegeldversicherungen nicht enthalten. Die meisten Schiffe schließen sich den Konvois an, die von der EU-Mission Atalanta und anderen militärischen Einheiten organisiert werden. Aber auch eine solche Fahrt im Transitkorridor gewährt keinen absoluten Schutz, wie die Kaperung der Magellan Star jüngst gezeigt hat.

          Somalische Piraten haben derzeit 19 Schiffe mit 428 Geiseln in ihrer Gewalt. Ohne den Einsatz der internationalen Seestreitkräfte wäre die Bilanz noch viel verheerender. Trotzdem geht den Reedern der Einsatz der Marine nicht weit genug. Sie wollen kleine bewaffnete Einheiten an Bord ihrer Schiffe nehmen, denn das sei der wirksamste Schutz, sagt Ralf Nagel vom Verband deutscher Reeder. Für einen solchen Einsatz auf Handelsschiffen haben die deutschen Marineschutzkräfte am Golf aber kein Mandat. Piratenbekämpfung fällt nach deutschem Recht unter die Hoheit der Küstenwache.

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