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Brandserie in Tschetschenien : Kaukasische Rachebräuche

Das „Haus der Presse“ nach den Kämpfen am 4. Dezember Bild: dpa

Ramsan Kadyrow, Moskaus Statthalter in Tschetschenien, hat den Attentätern der vorigen Woche Vergeltung angedroht. Seitdem zünden Unbekannte die Häuser ihrer Familien an.

          5 Min.

          In Tschetschenien haben maskierte und bewaffnete Männer, die in Geländewagen unterwegs waren, seit Samstag voriger Woche mittlerweile sechs Wohnhäuser angezündet. Sie gehören Verwandten von Leuten, die in der Nacht auf Donnerstag voriger Woche den schwersten Anschlag in der russischen Teilrepublik seit Jahren verübten. Menschenrechtsschützer der Organisation Memorial berichteten, die Serie von Brandanschlägen habe begonnen, nachdem die elf Angreifer, die nach offiziellen Angaben bei der Aktion getötet wurden, identifiziert worden seien. Zudem waren bei der Attacke nach offiziellen Angaben 14 Polizisten getötet worden. Die Vorgänge im Vorfeld des 20. Jahrestags des Beginns des ersten Tschetschenien-Krieges am Donnerstag lenken aufs Neue den Blick in die Teilrepublik, von der es in Moskau lange hieß, sie sei befriedet – und sei es um einen hohen Preis: die Verlagerung des Konflikts mit dem bewaffneten islamistischen Untergrund in andere Gegenden und die Abtretung der Macht in Grosnyj an das „Oberhaupt“ Ramsan Kadyrow. Nun jedoch zeigt sich, wie brüchig der Friede dort ist – und wie es um die Macht Moskaus dort bestellt ist. Und womöglich nicht nur dort.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Schon der Maßstab des Angriffs der vorigen Woche in Grosnyj beeindruckte. Die Kämpfer – wie viele es waren, ist nicht bekannt – fuhren angeblich in drei Autos zu einem Kontrollpunkt. Einige von ihnen sollen Polizeiuniformen getragen haben. Erste tödliche Schüsse fielen. Von dort rückte ein Teil der Kämpfer zum „Haus der Presse“ vor, in dem mehrere Zeitungsredaktionen ihren Sitz haben, und besetzte es. Die Sicherheitskräfte beschossen das Gebäude, die oberen Stockwerke brannten aus. Ein anderer Teil der Angreifer besetzte einige Straßen weiter eine Schule. Es dauerte bis zum Donnerstagnachmittag, ehe die Sicherheitskräfte die Situation wieder unter Kontrolle hatten. Schnell wurde die Attacke als Botschaft an Präsident Wladimir Putin gedeutet, der am Donnerstagmittag seine Rede zur Lage der Nation hielt. Da saß Kadyrow, der Präsident der Teilrepublik Tschetschenien, mit im Saal. Angeblich hatte er es rechtzeitig zurückgeschafft, denn nach der Rede brüstete er sich im Kreml gegenüber Journalisten, als er von dem Angriff erfahren habe, sei er rasch nach Grosnyj geflogen, habe dort den Einsatz selbst geführt und die Angreifer auch getötet, ehe er zurückgeflogen sei.

          Brandserien als Vergeltungsakt sind nicht neu

          Es war nicht der erste Anschlag in Tschetschenien in diesem Jahr. Am 5. Oktober, Kadyrows 38. Geburtstag, hatte sich ein Selbstmordattentäter in Grosnyj am Eingang eines Konzertsaales in die Luft gesprengt und fünf Menschen mit in den Tod gerissen. Schon im April waren bei einem Angriff auf ein Militärfahrzeug vier Menschen getötet worden. Nach der Attacke in Grosnyj erschien auf einer Website des islamistischen Untergrunds im Nordkaukasus ein Bekennervideo im Namen des „Kaukasus-Emirats“, jener islamistischen Terrororganisation, die bis ins vergangene Jahr von Doku Umarow geführt wurde, dem etliche Terroranschläge in Russland zugeschrieben werden. Im Frühjahr wurde gemeldet, dass er schon seit Monaten tot sei. Angeblich schob ihm der Geheimdienst FSB vergiftete Lebensmittel unter. Ob das stimmt, ist unklar. Der Nachfolger des selbst ernannten Emirs soll ein Dagestaner namens Ali Abu Muhammad sein. Am Tag nach dem jüngsten Angriff in Grosnyj hatte Kadyrow geäußert, wenn ein Kämpfer in Tschetschenien einen Polizisten oder einen anderen Menschen töte, werde die Familie des Betreffenden „unverzüglich“ aus Tschetschenien „ohne Rückkehrrecht“ ausgewiesen und ihr Haus „mitsamt dem Fundament“ abgerissen. Die Erklärung griffen die russischen Staatsmedien auf, unter anderem der Sender Rossija 24 brachte sie als Nachricht.

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