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Trassen durch Bayern : Der Wink mit dem Strommast

  • -Aktualisiert am

Demonstration gegen geplante Stromtrassen in Bayern, Archivbild Bild: dpa

Statt durch Bayern könnte die umstrittene Stromtrasse „Südlink“ doch auch durch Hessen und Baden-Württemberg führen, findet die CSU. Die betroffen Länder bezeichnen das Ansinnen als „Dreistigkeit“ und „Unverschämtheit“.

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          Der Kampf um neue Stromtrassen führt in Bayern zu einem Kreativitätsschub. Im Münchner Wirtschaftsministerium werden eifrig Pläne gewälzt, dass die umstrittene, bislang als „Südlink“ bezeichnete Leitung, die Windstrom von der Nordsee in den Süden transportieren soll, weiter westlich verlaufen könnte. Aus bayerischer Sicht hätte die Verschiebung den Vorteil, dass die Leitung in weiten Strecken nicht durch Bayern, sondern durch Hessen und Baden-Württemberg führen würde. Erst auf den letzten Kilometern wären die weiß-blauen Fluren betroffen; statt Grafenrheinfeld in Unterfranken wäre Gundremmingen in Schwaben der Endpunkt – beides Standorte von Kernkraftwerken und damit als Knotenpunkte zur weiteren Stromverteilung geeignet. Es fehlt nicht an neuen Namen für diese Leitungsführung, auch wenn sie noch nicht regierungsamtlich sind. Mehr traditionell gestimmte Gemüter sprechen vor einer „St-Florians-Trasse“; die international Gestimmten sehen schon die „Nimby-Trasse“ vor sich, nach der Abkürzung „Not in my backyard“.

          Die St.-Florians- oder Nimby-Trasse ist in Bayern schon länger im Gespräch; um die Hessen und Baden-Württemberger nicht unnötig zu beunruhigen, wurde aber bislang Flüsterlautstärke bevorzugt. Damit ist es vorbei, seit am Wochenende eine Stellungnahme des Münchner Wirtschaftsministeriums in die Öffentlichkeit lanciert wurde. Adressat der Stellungnahme ist die Bundesnetzagentur, die in der Wahrnehmung der CSU vor lauter Strommasten nicht mehr die bayerischen Wälder sieht – und neben dem „Südlink“ auch noch eine zweite Leitung von Sachsen-Anhalt nach Bayern plant. Bayern sei das einzige Land, das zwei Trassen schultern solle, sagt die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU). Die Versorgung über den „Südlink“ sei auch für Hessen und Bayern-Württemberg von Bedeutung – „und deshalb verhandeln wir genau in diese Richtung“.

          Aigner setzt dabei ihr charmantes Angriffslächeln auf, das sie schon in ihrer Zeit als Bundeslandwirtschaftsministerin in Brüssel zückte, wenn das Ringen um Agrarsubventionen ins Stocken geriet. Doch die Wirtschaftsminister Hessens und Baden-Württembergs, Tarek Al-Wazir (Grüne) und Nils Schmid (SPD), geben sich dem Aigner-Zauber nicht geschlagen, ganz im Gegenteil. Al-Wazir geißelt den bayerischen Versuch, die Strommasten nach Westen zu verschieben, als „Dreistigkeit“, die nicht zu überbieten sei; die Wiesbadener Landesregierung werde sich die „Unverschämtheiten aus München“ nicht gefallen lassen. Und Schmid wütet gegen den „bayerischen Egoismus“; Bayern könne sich bei einer nationalen Aufgabe wie der Energiewende nicht einen schlanken Fuß machen.

          Leicht wird es für die CSU nicht werden, den Ärger, den sie im eigenen Land mit der bisherigen „Südlink“-Planung hat – mit zahlreichen Bürgerinitiativen in Nordbayern, die gegen Stromautobahnen sind – nach Westen zu schieben. Die schwarz-grünen und grün-roten Regierungen in den Nachbarländern brauchen keine Kenntnisse in höherer politischer Mathematik, um sich ausrechnen zu können, dass die Begeisterung unter ihren Wählern über Strommasten auch nicht größer ist als in Bayern. Die bayerischen Gedankenspiele über eine Westwanderung der Strommasten dürfte auch eine andere Stoßrichtung haben, als in Wiesbaden und Stuttgart Begeisterung über eine Invasion der Strommasten zu entfachen. Sie zielen auf eine Förderung der Einsichtsfähigkeit, dass das bayerische Begehr nach neuen Gaskraftwerken durchaus Unterstützung verdienen könnte – auch finanziell, in welcher Subventionsform auch immer.

          Bild: F.A.Z.

          Denn die schöne neue Energiewelt, wie sie sich die CSU für Bayern wünscht – mit Gaskraftwerken, die auch Strom produzieren, wenn Windstille im Norden herrscht – hat ihren Preis. Es ist ein hoher Preis, den die Bayern nicht alleine zahlen wollen. Politik funktioniere nicht wie ein Teppichhandel, sagt der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Horst Seehofer gerne: „Jede Lösung muss in sich logisch erklärbar sein.“ Die Logik des bayerischen Winks mit dem Strommasten dürfte in Wiesbaden und Stuttgart verstanden worden sein.

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