https://www.faz.net/-gpf-8hwxj

Stuttgart 21 : Wasser als Gefahr

Immer teurer: Die Kosten für den Umbau des Stuttgarter Bahnhofs drohen zu explodieren. Bild: Jonas Wresch

Immer wieder schlechte Neuigkeiten um Stuttgart 21: Das Infrastrukturprojekt erweist sich erneut teurer als gedacht. Die Bahn blockt ab und weist die Schuld von sich. Wer aber bleibt letztlich auf den zusätzlichen Kosten sitzen?

          2 Min.

          Immer wenn es um Kosten und Termine für das Infrastrukturprojekt Stuttgart 21 geht, verstecken sich die Verantwortlichen der Bahn hinter bürokratischen Wortungetümen. Es gebe „extern induzierte Risiken“ und einen „Gegensteuerungsbedarf“ in Höhe von 524 Millionen Euro. Im Klartext: Das für die Verkehrsinfrastruktur des Wirtschaftslandes Baden-Württemberg so bedeutsame Projekt wird teurer, der Bahnhof kann wahrscheinlich erst Ende 2022 oder Anfang 2023 in Betrieb gehen, und die Schuld hierfür hat nicht die Bahn, sondern „Externe“, die Artenschützer, die feindseligen Politiker in Stuttgart oder die schwierigen geologischen Gegebenheiten der Stadt.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Um vorzuführen, was „Gegensteuern“ aus Sicht der Bahn bedeutet, hat die Projektgesellschaft die Journalisten am Montagmorgen an den „Zwischenangriff Nord“ geladen, das ist eine Brachfläche am Nordbahnhof, wo derzeit der Cannstatter Tunnel gebaut wird, direkt unter der Rebhalde und der Robert-Mayer-Straße. Es geht siebzig Meter in die Tiefe, erst mit einem provisorischen Bauaufzug, dann fährt man mit VW-Bussen in der halbfertigen Tunnelröhre in Richtung „Ortsbrust“, also den vorderen Bereich des Tunnels, dort, wo der Tunnelvortrieb stattfindet. Gebaut wird in konventioneller Spritzbauweise. Blaue Neonleuchten weisen auf Hydranten hin, rote erinnern die Bergleute daran, dass sie sich in einem Abschnitt befinden, in dem quellfähiger Anhydrit im Berg steckt. Kommt quellfähiger Anhydrit mit Wasser in Verbindung, kann er sich um bis zu 60 Prozent ausdehnen. Für die spätere Stabilität des Bauwerks ist das problematisch. „Hier wird nicht mit Wasser gebaut, hier darf noch nicht einmal getrunken werden“, sagt Christoph Lienhart, der zuständige Projektleiter der Bahn.

          Über eine Strecke von fünfzig Metern darf nur trockener Spritzbeton verwendet werden, das Aufquellen von Anhydrit-Schichten wollen die Ingenieure der Bahn mit allen Mitteln vermeiden. Im Stuttgarter Untergrund befinden sich mehrere dieser Anhydrit-Linsen. Die Gegner von Stuttgart 21 haben davor immer gewarnt. Die Bahn-Ingenieure waren auf die Schwierigkeiten vorbereitet, dann analysierte aber das auf Tunnelbauten spezialisierte Ingenieurbüro Witt den Zustand des Engelbergbasistunnels in der Nähe von Leonberg. Der Tunnel für die Autobahn81 ist einst auch durch Anhydrit-Schichten gebauten worden, das Bauwerk macht deshalb bis heute Probleme.

          Teure Verzögerungen

          Die Bahn-Ingenieure entschieden sich beim Cannstatter und Feuerbacher Tunnel für eine andere Bauweise: Das Querschnittsprofil der Tunnels wurde geändert, in die porösen Gesteinsschichten sollen nun flüssige Kunststoffe injiziert werden, um das Eindringen von Wasser und das Aufquellen des Anhydrits zu verhindern. Wie viele Tonnen flüssiger Kunststoff verbaut werden müssen, ist noch nicht absehbar; sicher ist aber, dass allein diese Umplanung etwa 144 Millionen Euro kosten wird. 166 Millionen Euro kosten die Verzögerungen von Genehmigungen, etwa 45 Millionen Euro müssen zusätzlich für den Artenschutz aufgebracht werden. 78 Millionen Euro, heißt es in einer Vorlage der Projektgesellschaft für den Bahn-Aufsichtsrat, kosten verbesserte Brandschutzmaßnahmen für den Tiefbahnhof.

          Nach der Schlichtung 2010, nach der Volksabstimmung 2011 und nach der Erhöhung der Gesamtkosten von 4,5 auf 6,5 Milliarden Euro im Jahr 2013 beteuerte die Bahn stets, dass man jetzt alle Risiken und Kostensteigerungen kalkuliert habe. „Wir befinden uns immer noch im Finanzierungsrahmen des Gesamtprojekts, das ist unsere wichtigste Mitteilung. Gewiss ist es so, dass Veränderungen zu Mehrkosten führen“, sagt Ingenieur Liehnhart. Wenn es der Bahn nicht gelingt, beträchtliche Summen einzusparen, dann hat sie derzeit nur noch einen finanziellen Spielraum von 15 Millionen Euro. Das ist nicht üppig. Erst wenn die Risikopuffer aufgebraucht sind, müssen die Gerichte die Frage beantworten, wer die Mehrkosten zahlen soll.

          Weitere Themen

          Eine Stadt steht unter Schock

          Heftige Explosion in Beirut : Eine Stadt steht unter Schock

          Eine gewaltige Explosion in Beirut fordert zahlreiche Menschenleben, mehr als 2750 Personen werden verletzt. Auslöser der Detonation war eine enorme Menge Ammoniumnitrat, die ohne Vorsichtsmaßnahmen in einem Hafenlager aufbewahrt wurde.

          Topmeldungen

          Ein Soldat des libanesischen Militärs schaut auf den Ort der Explosion in Beiruts Hafen

          Libanon : Mehr als 70 Tote und 3000 Verletzte bei Explosion in Beirut

          Der Libanon steckt derzeit in einer seiner schwersten Krisen seit Jahrzehnten. Mitten in diesen politischen Turbulenzen kommt es am Hafen von Beirut zu einer gewaltigen Explosion. Verantwortlich gewesen sein könnte eine Lagerhalle mit Ammoniumnitrat sein.
          SPD-Politiker Kevin Kühnert

          SPD-Führung : Kühnert auf dem Weg

          Kevin Kühnerts Ziel, der Bundestag, ist der beste Weg, um die SPD-Führung weiter rutschen zu lassen. In wessen Richtung? Dumme Frage.
          Noch eine reine Idylle, soll sie bald für den nächsten „Mission: Impossible“-Teil von Tom Cruise in die Luft gesprengt werden: Die majestätisch in dreißig Metern Höhe über den Bober schwingende Stahlfachwerkbrücke des Ingenieurs Otto Intze von 1905.

          Cruise bedroht Brücke : Was die Wehrmacht nicht schaffte

          Mission: Unmöglich! Tom Cruise will für seinen neuen Film eines der schönsten Brückenmonumente Polens sprengen. Wenn er damit durchkommt, wäre das ein Skandal.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.