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Barack Obama : Der Überlebenskünstler

Wir schaffen das: Barack Obamas zentrales Mantra ist ein einziges großes Wollen. Mit seinem Geschick in der Wright-Affäre hat Obama angedeutet, dass er als Überlebenskünstler begabt ist. Womölich ähnlich begabt, wie seine Rivalin Hillary Clinton.

          Yes, we can: Es ist schon bezeichnend, dass das zentrale Mantra von Barack Obamas Wahlkampf inzwischen auch als eindringlicher Hip-Hop-Song vorliegt und als Video bei YouTube mehr als zehn Millionen Mal abgefragt worden ist. Schließlich ist einer der wichtigsten Gründe für den Erfolg des jungen Senators aus Illinois bei den amerikanischen Vorwahlen die Autosuggestion: Ja, wir schaffen das. Wir schaffen das, wir schaffen das. Obama selbst hat es geschafft, dass Millionen Amerikaner seine so gegen alle Wahrscheinlichkeit unternommene Bewerbung um den Chefsessel im Oval Office nun in eins setzen mit ihrer eigenen Sehnsucht nach dem Neuen mit ganz großem N. Sein Ehrgeiz ist identisch mit ihrem Traum. Es ist ein einziges großes Wollen, das sich sicher ist, mit seiner bloßen Existenz die amerikanische Politik zu verändern: Wir schaffen das, wir schaffen das.

          Doch hat Obama gerade eben auch bewiesen, dass seine Fähigkeiten sich nicht im Charismatischen erschöpfen. Manch anderen Kandidaten hätte die Kontroverse darüber, ob er sich nicht früher und eindeutiger von einem afroamerikanischen Pastor hätte distanzieren müssen, der zum Beispiel findet, statt „Gott segne Amerika“ sollten Schwarze besser „Gott verdamme Amerika“ sagen, der das Aids-Virus als eine Verschwörung der Weißen gegen alle „Farbigen“ sieht, mächtig ins Stolpern gebracht. Die Aufregung um den Reverend Jeremiah Wright, der Obama einst zum christlichen Glauben brachte, war die erste ernstzunehmende Krise von dessen Kandidatur - erstaunlich, wenn man bedenkt, wie kurz davor er ist, von seiner Partei nominiert zu werden -, und Obama hat sie fürs Erste überstanden. Die Meinungsumfragen zumindest zeugen davon, dass die Angelegenheit seine Aussichten nicht geschmälert hat.

          Weiterhin gibt es nagende Fragen

          Letztlich ausgestanden ist die Sache freilich noch keineswegs: Obama muss sich weiterhin nagenden Fragen zu Wright stellen, und sollte er tatsächlich der Kandidat der Demokraten werden, dürfte die republikanische Angriffsmaschinerie schon dafür sorgen, dass die Videoclips mit dem feuerspeienden Pastor nicht in Vergessenheit geraten.

          Dabei ist Obama durch das Hochblubbern der Affäre Wright nur zu etwas gezwungen worden, was er früher oder später ohnehin hätte tun müssen: Er musste über seine Hautfarbe sprechen. Von Beginn des Wahlkampfs an hatte er, der Sohn einer Weißen und eines Kenianers, sich große Mühe gegeben, als ein Kandidat zu erscheinen, der über für das Präsidentenamt essentielle Fähigkeiten verfügt - und der nur wie zufällig schwarz ist. Er „transzendiere“ die Rassenfrage, sagen seine Fans oft.

          Ist Obama wahrlich ein schwarzer Politiker neuer Prägung?

          In Jeremiah Wright indessen wurde dem weißen Amerika vorgeführt, wie grundsätzlich anders schwarze Amerikaner die Welt sehen, mit welch enormer innerer Distanz die meisten der etwa 39 Millionen Afroamerikaner ihrer Nation gegenüberstehen: Gott verdamme Amerika. Als die Äußerungen des Predigers, in dessen Kirche Obama seit zwei Jahrzehnten geht, bekannt wurden, waren die Zweifel da: Ist Obama wahrlich ein schwarzer Politiker neuer Prägung, anders als die Generation der Jesse Jacksons, die sich als Präsidentschaftskandidaten stets als Repräsentanten ihrer Minderheit verstanden?

          Mit seiner Rede am Dienstag vor Ostern begegnete Obama dieser Skepsis gerade unter seinen weißen Anhängern mit Eleganz und intellektueller Gewandtheit. Er tat es, indem er die Verletzungen, die Sklaverei und Rassendiskriminierung bis heute im Leben vieler Schwarzer hinterlassen haben, ebenso benannte wie die Mitschuld der schwarzen Kultur an der Lage der Afroamerikaner - nicht zu vergessen das Ressentiment, das Weiße empfinden, wenn sie sehen, wie Schwarze bevorzugt werden, „und das wegen einer Ungerechtigkeit, die sie selber nicht begangen haben“. Sicher, auch politisch ist diese Differenziertheit klug; zugleich lässt sie die Hoffnung zu - noch so ein Obama-Mantra! -, dass er weiß, wie man den Schmerz der Rassenfrage, dieser offenen Wunde der amerikanischen Gesellschaft, mindert.

          Auch Clintons Hauptverkaufsargument ist Hartnäckigkeit

          Mit seinem Geschick in der Wright-Affäre hat Barack Obama außerdem angedeutet, dass er als Überlebenskünstler womöglich ähnlich begabt ist wie seine Rivalin Hillary Clinton, deren Hartnäckigkeit geradezu ihr Hauptverkaufsargument ist: Hillary kämpft für Sie! Für die Demokraten könnte es indes gefährlich werden, dass sie gleich zwei Kandidaten haben, deren Einzug ins Weiße Haus historische Dimensionen hätte. Die erste Präsidentin! Der erste schwarze Präsident!

          Denn: Für wen werden die Frauen stimmen, die sich nun so stimmgewaltig mit Hillary identifizieren, wenn ihr ein Mann das wegnimmt, was sie sich angeblich verdient hat? Andererseits: Was werden die Schwarzen, inzwischen die verlässlichste Wählerklientel der Demokraten, tun, sollte Clinton Obama kurz vor der Ziellinie doch noch abfangen? Das nämlich geht, so wie die Zahlen bei den Vorwahlen jetzt aussehen, wahrscheinlich nur, indem die Clintons ein wenig tricksen. Es wäre eine weitere Demütigung für das schwarze Amerika.

          Bertram  Eisenhauer

          Verantwortlich für das Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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