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Bandenkriminalität : Brandstiftung als Spektakel

  • -Aktualisiert am

Der Brandschaden in der Willehadi-Kirche soll sich auf eine Million Euro belaufen Bild: dpa

Zwei Jugendbanden tyrannisieren Garbsen nahe Hannover. Mal werden Müllcontainer angezündet, mal Mehrfamilienhäuser. Jüngst sogar eine Kirche.

          Auf der Rückseite eines kleinen Geschäfts steht wie anderswo in Garbsen ein Graffiti „AIG 23“, „Ausländer in Garbsen“. Von dort aus sieht man auf dem Nachbargrundstück die Willehadi-Kirche, die Spuren eines Brandes trägt. Eine Million Euro soll der Schaden betragen. Die Kirche stand wohl in Flammen in Folge einer Brandstiftung. Aber der Stadtsuperintendent und die Pastorin glauben nicht an Absicht, sondern eher an ein „Spektakel“, das außer Kontrolle geriet. Bauschutt sei angesteckt worden, „von wem auch immer“. Das Feuer griff dann auf die Kirche über.

          Seit dem Brand vor knapp zwei Wochen gibt es zwei gegenläufige Strömungen in der Stadt. Die einen weisen auf den nachlässigen Umgang mit zwei rivalisierenden Jugendbanden hin, die Teile der Stadt tyrannisierten. Neben der AIG ist das die ADHP, die „Auf der Horst Power“. Andere fordern besonnenes Handeln und sagen, es gebe keine Hinweise darauf, wer die Kirche in Brand steckte. Und sie verweisen darauf, dass danach nicht nur die christliche, sondern auch die muslimische Gemeinde eine Mahnwache gegen die Zerstörer hielt und für einen Wiederaufbau sammelte.

          „Garbsen ist Multikulti and I love it“

          Die Gegend Garbsens an der Stadtgrenze zu Hannover wirkt zwar mit grauen dreistöckigen Reihenhäusern öde, aber nicht ärmlich. Es gibt einen Spielplatz mit Fußballfeld nahebei und viel Grün, um die nahe Autobahn abzuschirmen. In jenen Straßen im „Problemviertel“ Sperberhof sammeln sich zwei Jugendgangs, voneinander getrennt durch eine Schneise mit Garagen. Hier steht ein auffallend hoher Anteil von Autos einer deutschen Luxusmarke. Eine Bewohnerin berichtet, abends gingen sie und ihre Tochter aus Sorge kaum mehr auf die Straße. Als sie frühmorgens mit der Polizei ins Gespräch kam, habe diese gesagt, um diese Zeit brauche sie nicht besorgt zu sein, da schliefen die Jugendlichen. Trotzdem warnt sie vor schnellen Schuldzuweisungen.

          Die Kirche ist nun ohne Dach und mit zersplitterten Fenstern. Immer wieder machen Anwohner Halt am Bauzaun. Dort hängen zahllose bunte Schleifen und Plakate mit guten Wünschen. Dazu ein Schild: „Garbsen ist Multikulti and I love it“. Mit drei Herzen. Zum ersten Gottesdienst nach dem Brand kamen 600 Menschen. Die benachbarte katholische St. Raphael-Kirche bot der evangelischen Kirche Obdach bis zum Neubau. Die Landessuperintendentin gedachte der Brände der Synagogen im Nationalsozialismus und der Kirchen, auf die im Krieg Bomben fielen - man habe gedacht, das sei vorbei. Es sei nun wichtig, nicht nur nach den Urhebern der Brandstiftung zu suchen, sondern auch nach den Ursachen zu fragen. Dazu gehöre möglicherweise auch der Bau von Quartieren Ende der Sechziger, in denen Menschen nur schwer zueinander finden könnten. Man solle auch auf hoffnungsvolle Bilder setzen - in der zerstörten Kirche trägt die bronzene Christusfigur einen verkohlten Balken auf den Schultern.

          Die Polizei glaubt an vorsätzliche Brandstiftung, für Mutmaßungen über die Täter sei es aber „noch viel zu früh“. Seit Jahresbeginn gab es im Stadtviertel „Auf der Horst“, zu dem der Sperberhof zählt, mehr als 30 Brandstiftungen. Müllcontainer, aber auch Mehrfamilienhäuser wurden angezündet. Auch in Hameln gab es vor wenigen Tagen Feuer auf einem Kirchengelände.

          15.000 Euro Belohnung für Hinweise

          Die Polizei sucht mit Plakaten nach den Tätern, 15.000 Euro sind für Hinweise ausgelobt. Bürgermeister Alexander Heuser (SPD) will ein „breites Bündnis gegen Vandalismus und Brandstiftung“ bilden und bat am Wochenende zu einer Bürgerversammlung neben der Kirche. Dort hatten auch die „Hannoveraner“, eine rechtspopulistische regionale Gruppierung, einen Informationsstand aufgestellt. Sie baute ihn aber nach einer halben Stunde in Folge von Anwohnerprotesten wieder ab.

          Die Stadt will nun vier neue Sozialarbeiter einstellen. Sie sollen gezielt auf etwa zwanzig namentlich bekannte Jugendliche zugehen, die in dem Gebiet um die Kirche herum für Unruhe sorgen. Auf die schweren Probleme in Garbsen hatte schon vor zwei Jahren ein Hauptschulleiter hingewiesen. Er bat kurz vor seiner Pensionierung um Polizeischutz und wies auf Pöbeleien hin, auf zerstochene Autoreifen, Gewalt gegen Lehrer und Erpressung. Damals ging es um Konflikte zwischen kurdischen und türkischen Schülern. Polizei und Landespolitik reagierten rasch, während die Stadtverwaltung abwiegelte. Seitdem aber kam manches in Gang. Kontaktbeamte der Polizei gehen in Grundschulen und suchen das Gespräch, weisen auf die schwierigen sozialen Bedingungen von Jugendlichen ohne deutschen Pass und ohne berufliche Chancen hin.

          Auf der Bürgerversammlung neben der Kirche nun herrschte eine aufgeheizter Stimmung. Jugendliche würden mal Steine gegen Balkone werfen, mal Gartenhecken anzünden, beschwerten sich einige. Andere wendeten ein, die Lage im Horst habe sich gebessert. Der Bürgermeister und die Sozialdezernentin sagten, dass „Präventionsrat und Arbeitsgruppen“ sich mit dem „Problem“ beschäftigten. Jetzt reagierte auch der Bürgermeister und lud die Staatsanwaltschaft für die kommenden Tage zu einem „Behördengespräch“ ein. Auch diesmal hatte der Leiter der Polizeiinspektion Garbsen dieses Treffen angeregt mit dem Hinweis, dass eine Gruppe Jugendlicher einen ganzen Stadtteil tyrannisiere, festgenommene Täter aber stets nach wenigen Stunden auf freien Fuß kommen. Im März stand einer der Anführer der Garbsener Jugendgang, 21 Jahre alt und mit einem Dutzend Vorstrafen, vor dem Amtsgericht Neustadt. 26 Taten in 13 Anklagepunkten wurden ihm vorgeworfen, darunter Bedrohung, Körperverletzung und Raub. Als die Richterin zwei Jahre Jugendstrafe auf Bewährung gegen ihn verhängte und er freigelassen wurde, feierten ihn seine Freunde wie einen Helden.

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