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Baerbock und Habeck : Das erste grüne Prinzenpaar

Habeck und Baerbock nach der Wahl Bild: dpa

Die Grünen wollen wieder jung sein: Annalena Baerbock und Robert Habeck bilden die neue Doppelspitze. Sie werden neue Wege finden müssen, um außerhalb des Bundestags Aufmerksamkeit zu erregen.

          Der linke Flügel der Grünen hat keine Mehrheit mehr – jedenfalls nicht unter den Delegierten des Grünen-Parteitags in Hannover. Die auf der Parteilinken positionierte Kandidatin Anja Piel, die sich als Parteivorsitzende bewarb, sammelte nur rund ein Drittel der Stimmen; ihre Gegenkandidatin,  die junge Repräsentantin des Realo-Lagers Annalena Baerbock, kam hingegen auf fast zwei Drittel.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Das Ergebnis setzte sich aus vielen Motiven zusammen. Baerbock riss die Delegierten in ihrer Vorstellungsrede stärker mit als die konventioneller wirkende Piel. Die 38 Jahre alte Baerbock wirkte offener dort, wo ihre Konkurrentin an traditionellem sozialpolitischen Vokabular festhielt, und erschien um vieles tatkräftiger als die 52 Jahre alte Piel, die in ihrem Auftritt an die emotionale Mütterlichkeit erinnerte, mit der einst Claudia Roth ihre Partei tröstete und mobilisierte.

          „Links hat in der Gegenwart keinen Ort“

          Aber die Grünen wollen in diesem Augenblick nicht getröstet werden, wieder jung sein wollen sie schon. Und während Baerbock dieses Bedürfnis durch ihre eigene Jugend stillte – und sehr geschickt die Bemerkung einfließen ließ, in schwierigen Lagen rufe sie mitunter Claudia Roth an, „weil die weiß immer Rat“, während sie also Witz und Charme präsentierte, stillte ihr neuer  Partner im Parteivorsitz, Robert Habeck, die Sehnsucht der Grünen nach neuen Formulierungen, neuen Sichtweisen, neuen Hoffnungen.

          Während die unterlegene Bewerberin Piel mit Begriffen wie „Solidarität“, „Fairness“, „Spaltung der Gesellschaft“ hantierte, führte Habeck die Grünen in ihre Gründungszeit zurück und behauptete, die gesellschaftliche Lage sei heute ja ganz ähnlich wie in den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts: Es gebe „ein Gefühl in der Gesellschaft, dass etwas neues beginnen muss“. Wie damals sei die Politik heute nicht in der Lage, gesellschaftliche Ansichten und Unbehagen aufzunehmen. Habeck schenkte dem Parteitagspublikum Sätze wie den, dass es gelte, „die Maßlosigkeit unseres Optimismus in konstruktive Politik zu verwandeln“, oder den, dass „Liberalität heißt, die Menschen nicht gehen lassen zu wollen aus der Gesellschaft“.

          Der Kieler Umweltminister, der dort im vergangenen Sommer erfolgreich ein Jamaika-Bündnis mit FDP und CDU zustande brachte, der vor seiner Politik-Karriere einen Beruf als Schriftsteller hatte, präsentierte in Hannover politische Positionen, die denen der Parteilinken Piel gar nicht fern waren: Grundeinkommen, stärkere Kapital- und Vermögensbesteuerung, stärkerer Staat. Aber Habeck drückte es schöner aus. Er sagte: „Wir müssen der Durchökonomisierung des Privaten eine Grenze setzen.“ Oder auch: „Links hat in der Gegenwart keinen Ort.“

          Die Wahl Habecks hat die grüne Partei zumindest für den Moment ein Stück weg gerückt vom glanzlosen Berliner Politikbetrieb, wo ihnen nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen im Bund gegenwärtig als kleinster Oppositionspartei im Bundestag nur eine bescheidene Rolle zufällt und wo ihre Führungskräfte in der Fraktion, Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter, gerade nur mit mäßigen Zwei-Drittel-Mehrheiten in ihren Positionen bestätigt wurden.

          Sie bekam 64 Prozent der Stimmen, er 81.

          Die Grünen werden, falls die große Koalition im Bund demnächst zustande kommt, neue Wege suchen wollen, um außerhalb des Bundestags Aufmerksamkeit zu erregen. Habeck kennt die Einflussmöglichkeiten grüner Landesminister im Bundesrat; er dürfte das deshalb versuchen, indem er die grünen Regierungsbeteiligungen in den Ländern bündelt. Auch das wird mühsamer als in der vergangenen Legislaturperiode, da die Grünen mittlerweile in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen ihre (Mit-)Regierungsmacht verloren haben.

          Am Anfang werden dem Duo Baerbock/Habeck ihre Frische und ihr Selbstbewusstsein helfen. Nach der Wahl wirkten sie auf der Parteitagsbühne, die Arme umeinandergelegt, Blumensträuße in den Händen haltend, strahlend ins jubelnde Delegiertenpublikum, wie das erste grüne Prinzenpaar.

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