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Badischer Bilderhandel : Mir gebbat nix!

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Daß Günther Oettinger ein Bild kaufen will, das dem Land Baden-Württemberg längst gehört, beweist zweierlei: Er degradiert nicht nur die Kultur zur reinen Handelsware, sondern kann nicht einmal richtig rechnen.

          Es gibt die schöne, alte Geschichte von der schwäbischen Familie, die beim Bergwandern in eine tiefe Felsspalte fällt, dort allseitig verwundet liegenbleibt. Nach zwei bangen Stunden ertönt vom Rand der Felsspalte weit oben der Ruf: „Hier ist das Rote Kreuz!“ Antwort von unten mit letzter, ermatteter Kraft: „Mir gebbat nix!“ (Wir geben nichts). Selbst noch in höchster Not, so die Moral dieser Geschichte, vermutet der sparsame Schwabe nicht selbstlose Hilfsbereitschaft, sondern unziemliche Begehrlichkeiten von Leuten, die es auf sein Geld abgesehen haben - vor allem von Leuten, die gewöhnlich mit der Sammelbüchse unterwegs sind. Insofern müßte jetzt kein ermatteter, sondern ein Ruf wie Donnerhall durch Baden-Württemberg gehen, ausgestoßen von Museen, Bibliotheken, Literaturarchiven: „Mir gebbat nix!“ Und dieser Ruf müßte, wenn diese Kulturinstitutionen nur mannslaut genug wären, dem Ministerpräsidenten als Aufruhr-Schrei in den Ohren gellen.

          Denn der demokratisch gewählte, republikanisch inthronisierte Günther Oettinger geht gerade mit der Sammelbüchse durchs Land, um Museen, Bibliotheken und Kulturinstitutionen in höchster Not Geld abzupressen, das diese durch Verkauf oder Versteigerung von wertvollen Handschriften und Bildern aufzubringen hätten - um das altfeudale markgräfliche Haus Baden sanieren zu helfen. Nur durch Spenden, behauptet Oettinger, könne ein berühmtes Gemälde des Schwäbisch Gmünder Renaissance-Meisters Hans Baldung Grien fürs Land gesichert werden; für seine Regierung nämlich gelte als oberste Maxime die Haushaltssanierung. Der Hausherr hat nur vergessen, in seinen Haushaltsbüchern nachzusehen. Denn jetzt kommt heraus, daß das Bild bereits dem Land gehört.

          Eigentlich blickt man, um beim Bild der Felsspalte zu bleiben, in einen Abgrund von Ländlesverrat: Einerseits verscherbelt Oettinger auf schäbige Weise die Kulturgüter eines Landes, in dem man einst stolz reimte: „Der Schiller und der Hegel, der Uhland und der Hauff, die sind bei uns die Regel, die fallen gar nicht auf.“ Andererseits fällt auf, daß der Ministerpräsident eines Staates, in dem seine Vorgänger, von Reinhold Maier bis zu Erwin Teufel, die Künste als Chef- und Ehrensache betrachteten, nicht nur die Kultur zur reinen Handelsware degradiert, sondern nicht einmal richtig rechnen kann.

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