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Baden-Württemberg : Urban und unvorsichtig

Andreas Renner: „Zeugen Sie doch selbst Kinder” Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Sozialminister Andreas Renner ist der bekannteste Politiker über die Grenzen Baden-Württembergs hinaus. Jetzt hat er sich vielleicht einmal zu oft bekannt gemacht - durch eine rüde Äußerung zu Bischof Fürst.

          2 Min.

          Andreas Renner dürfte wohl der über die Grenzen Baden-Württembergs hinaus bekannteste Landesminister im Kabinett von Ministerpräsident Oettinger sein. Mal zeigt eine große Boulevardzeitung seinen Brillantohrstecker auf ihrer ersten Seite, mal erfährt die Öffentlichkeit von seiner Tätowierung auf der Schulter.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Renner ist in Oettingers CDU so etwas wie der Paradiesvogel, und das ist gewollt. Mit ostentativer Modernität will die CDU am 26. März auch großstädtische Wähler erreichen. Das Problem ist nur, daß der 46 Jahre alte Renner nicht zur Leisetreterei neigt. Seit Ende April 2005 ist er im Amt und macht nun zum dritten Mal von sich reden, ohne daß hieraus ein Nutzen für seine eigene Reputation zu erkennen ist:

          Im Sommer 2005 schrieb er für das Stuttgarter Homosexuellen-Fest Christopher Street Day (CSD) ein Grußwort und sprach bei der Eröffnungsgala; im vergangenen Herbst äußerte er sich kritisch über das Krisenmanagement des amerikanischen Präsidenten Bush bei der Flutkatastrophe in New Orleans und sagte umgangssprachlich in alemannischer Mundart: „Der gehört abg'schosse.“

          „Halten Sie sich da raus“

          Nun ist eine dritte verbale Ungeschicklichkeit bekanntgeworden, die für die Geduld vieler katholischer und protestantischer Wähler und Parteimitglieder eine harte Probe sein dürfte: Am Mittwoch wurde durch den SWR öffentlich, daß Renner am 12. Juli 2005 bei einem Gespräch der CDU-Landtagsfraktion mit dem Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, und dem Weihbischof Thomas Renz seine Unterstützung des Christopher Street Day forsch verteidigt haben muß.

          Nach Renners Darstellung hat er Bischof Fürst gesagt, er solle in seiner Kirche dafür sorgen, daß auch Priester Kinder zeugen dürfen. Zeugen des Gesprächs wollen sich an eine härtere Formulierung Renners erinnern: „Halten Sie sich da raus. Fangen Sie doch erst einmal selbst damit an, Kinder zu zeugen.“ Renner hat am 25. Juli mit Bischof Fürst noch einmal über die Angelegenheit gesprochen und, wie es in einer Presseerklärung heißt, „alle Unstimmigkeiten ausgeräumt“.

          Rätselhaft bleibt, warum die Angelegenheit erst jetzt öffentlich wurde und wer sie lancierte. Der Wahlerfolg der baden-württembergischen CDU hängt auch davon ab, wie die Partei in den stark katholisch geprägten Landesteilen abschneidet - etwa in Oberschwaben. Deshalb ist die Beunruhigung über Renners Äußerungen in der CDU groß. Mit einer Diskussion auf dem Parteitag in Offenburg am Samstag sei zu rechnen, heißt es.

          CDU fordert Rücktritt

          Inzwischen forderte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU im Landtag, Seimetz, den Rücktritt des Ministers. Und der einflußreiche Vorsitzende der baden-württembergischen CDU-Landesgruppe im Bundestag, Brunnhuber, äußerte sich kritisch: „Ich rate Andreas Renner, einmal darüber nachzudenken, was er seinem Ministerpräsidenten und seinen Wählern zumutet.“

          An diesem Freitag wollen sich Renner, Oettinger und Bischof Fürst zu einem klärenden Gespräch treffen. „Was ist schlimmer - mitten im Wahlkampf einen Minister zu verlieren oder mit dem Feindbild der konservativen CDU-Anhänger in den Wahlkampf zu ziehen?“ fragen CDU-Mitglieder. Einige Abgeordnete der Landtagsfraktion rechnen sogar mit Renners Rücktritt an diesem Freitag. Renner sagte zu dem Konflikt mit der katholischen Kirche: „Das Thema ist seit langem erledigt, es hat ein intensives Gespräch mit dem Bischof gegeben.“

          Die baden-württembergische CDU, so Renner, würde heute nicht dort stehen, wo sie steht, wenn sie nicht eine liberale Partei wäre. Über seinen Auftritt beim Christopher Street Day hat Renner allerdings noch einmal nachgedacht: Sein Grußwort hätte „besser vorbereitet und kommuniziert“ werden müssen. „Das war nur ein Tag im Leben des Sozialministers. Das war ein Ausnahmetatbestand und kein Regeltatbestand“, sagte Renner dieser Zeitung.

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