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Software-Roboter : Automatisierter Hass im Netz

Bots aus den „Troll-Fabriken“

Wie viele Bots genau in den sozialen Netzwerken unterwegs sind, weiß niemand, ihre Zahl dürfte aber gigantisch sein. Bis zu 20 Prozent aller Twitter-Nutzer, schätzt Hegelich, könnten Social Bots sein – mit stark wachsender Tendenz. Facebook schätzt die Zahl der Bot-Accounts weltweit auf rund 15 Millionen – eine enorme Zahl, die die sozialen Netzwerke zum fruchtbaren Nährboden für staatliche und terroristische Propaganda macht. Hegelich fand bei einer Auswertung von Twitter-Daten „gesicherte Erkenntnisse“ für 15.000 ukrainische Twitter-Bots. Unter dem Hashtag #ukraine posteten sie während der Krim-Krise und danach im Schnitt 60.000 Tweets täglich, in denen rechtsextreme Propaganda verbreitet wurde. Hegelich glaubt, dass die Bots aus organisierten „Troll-Fabriken“ stammten, in denen eine Heerschar bezahlter Mitarbeiter gezielt in die sozialen Netzwerke eingreift und sich dabei auch automatisierter Posts durch Bots bedient.

Welche Schäden diese neue Form der Propaganda anrichten kann, musste auch die Bundesregierung schon erfahren. Im vergangenen Juni tauchten auf dem neuen „Instagram“-Kanal von Kanzlerin Merkel massenhaft Kommentare russischer Nutzer auf, in denen Merkel und die Ukraine mit Hasstiraden überzogen wurden. Die Instagram-Konten vieler dieser Nutzer bestanden nur aus einem einzigen Benutzernamen – ein Hinweis darauf, dass der Angriff auf das Konto von Social Bots ging. Auch dass der „Islamische Staat“ die sozialen Netzwerke im großen Stil manipuliert und so Anhänger werben will, gilt unter Experten längst als gesichert.

Hegelich: Demokratie in Gefahr

Die Folgen dieser Entwicklung sind schon jetzt verheerend – nicht nur für die sozialen Netzwerke, sondern für das Selbstverständnis des gesamten Netzes. Wie soll noch Authentizität, wie Wahrhaftigkeit vermittelt werden, wenn alles unbemerkt manipulierbar ist? Wem soll man im Netz noch glauben, wenn man stets befürchten muss, dass die Information oder die Meinung, die man gerade liest, nicht von einem Menschen, sondern von einer Maschine stammt, die ihr Fähnchen entweder nach dem gut zahlenden Auftraggeber oder nach der neuesten Erregungskurve eines beliebigen Mobs ausrichtet?

Hegelich sieht sogar die Demokratie in Gefahr, wenn Politiker sich von der künstlichen Stimmungsmache im Netz beeinflussen ließen und sie fälschlicherweise für die „wahre“ Stimme des Volkes hielten. Und das Problem ist: Propaganda war nie billiger. Der Markt mit falschen Twitter-Accounts boomt. Wer will, findet schnell 10.000 Konten für 499 Dollar. Wer noch mehr will, lässt seine neuen „Freunde“ mit künstlicher Bot-Intelligenz ausstatten. „Es kostet fast nichts, mit Social Bots im großen Stil die Netzwerke zu überfluten“, sagt Hegelich, „dafür braucht man nur ein paar gute Computerspezialisten.“ Der Cyberwar spielt sich nicht mehr nur in den versteckten Sphären von Nachrichtendiensten und staatlichen Sicherheitssystemen ab, sondern vor allem als Meinungskrieg in den sozialen Netzwerken.

Der Kampf gegen die Social Bots ist schwierig, wenn nicht sogar aussichtslos. Das liegt zum einen an der schieren Masse der Konten in den Netzwerken. Hegelich und sein Team brauchen 15 Minuten, um 150 Accounts zu überprüfen – eine flächendeckende Kontrolle: undenkbar. Und selbst wenn man einen Bot identifiziert hat und versucht, ihn rückzuverfolgen, sitzen seine Verursacher eben nicht in Dortmund oder München, sondern in der Ukraine, in Panama oder den Vereinigten Staaten. Dagegen nachhaltig vorzugehen, ist schier unmöglich. „Social Bots werden nicht mehr verschwinden“, glaubt Hegelich. „Auch wenn wir sie mit aller Macht bekämpfen.“

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