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Auswärtiges Amt : Die Historiker und das Amt

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Umstrittenes Buch: „Das Amt und die Vergangenheit” Bild: AFP

Das Auswärtige Amt hat den Bericht der Fischer-Kommission voreilig zur neuen Diplomaten-Bibel erklärt. Er sollte die Legende von der Wilhelmstraße als einem „Hort des Widerstandes“ zerstören. Genauer betrachtet erweist sich aber vieles als geschickte Verpackung.

          Die Studie „Das Amt und die Vergangenheit“ hat im wahrsten Sinne des Wortes eingeschlagen. Die mediale Aufgeregtheit vor der offiziellen Buchübergabe im Auswärtigen Amt ließ Außenminister Westerwelle angesichts einer als neu präsentierten, allerdings seit fast sechzig Jahren bekannten Reisekostenabrechnung („Liquidation von Juden in Belgrad“ als Reisegrund) ausrufen: „Das Unfassbare war Realität. In diesem Auswärtigen Amt konnte man Mord als Dienstgeschäft abrechnen.“ Höchst betroffen kündigte Westerwelle an, das Buch werde „künftig ein fester Bestandteil der Ausbildung deutscher Diplomaten sein“.

          Dem schlossen sich am nächsten Tag der Außenamts-Staatssekretär und der Personalratsvorsitzende an, auf einer Veranstaltung mit aktiven und pensionierten Diplomaten, in nacheilendem Gehorsam. Zwar kamen da schon der eine oder andere Fehler und Einseitigkeiten des Buchs zur Sprache, das den Eindruck erweckt, als ob die Vernichtung der europäischen Juden zwischen dem Reichssicherheitshauptamt und dem Auswärtigen Amt einvernehmlich geplant worden sei.

          Immerhin musste die im Jahr 2005 vom damaligen Außenminister Fischer eingesetzte „Unabhängige Historikerkommission“ das erste und bisher einzige Mal Rede und Antwort stehen. Das Ganze endete mit einem – an vornehmen AA-Maßstäben gemessenen – kleinen Eklat. Auf die permanenten Beschwerden und Verdächtigungen von zwei der vier Kommissionsmitglieder über das Politische Archiv des Amtes und den angeblich behinderten Aktenzugang reagierte ein Mann des „einfachen Dienstes“: er erkundigte sich bei den Ordinarien Eckart Conze und Norbert Frei, ob sich deren negative Meinung etwa auf den „einen Tag“ beziehe, an dem sie in den vergangenen Jahren das Archiv benutzt hätten. Conze versuchte den vom Publikum mit Zustimmung bedachten Magaziner mit der arroganten Bemerkung abzuschmettern, es sei eine interne Angelegenheit der Kommission, wie die Arbeit organisiert werde; dies gehöre zu ihrer Unabhängigkeit.

          „Das Amt“ ist eine Auftragsarbeit

          So fiel wieder einmal dieses viel strapazierte Wort, obwohl es sich bei dem in Buchform vorliegenden Bericht über „Das Amt“ um eine Auftragsarbeit handelt. Eine von der Regierung eingesetzte Kommission sei „nicht per Definition unabhängig“, gab der Zeithistoriker Hans Mommsen jüngst treffend zu bedenken: „Dass die Deutschen sich angewöhnen, das für Unabhängigkeit zu halten, lässt tief blicken“, sagte er. Dies lässt sich an der Historiker-Kommission zeigen, weil in mindestens dreifacher Hinsicht Abhängigkeiten hervorstechen.

          Zunächst einmal vom Auftraggeber: im „Nachwort“ dankt die Kommission überschwänglich dem früheren grünen Außenminister, während Fischer-Kritiker aus der „Nachrufdebatte“ von 2005 – allen voran der verstorbene Erwin Wickert – im Buch schlecht wegkommen. Überhaupt wird eine Ost-Berliner „Braunbuch“-Perspektive, mit der Bonner Spitzenbeamte im Jahr 1965 unter Beschuss gerieten, jetzt mit einem gesamtdeutschen Ritterschlag belohnt.

          Die Herausgeber haben offenbar keine Zeile selbst geschrieben

          Abhängig machte sich die Kommission zudem von ihren Recherche- und Schreib-Truppen: zwölf Wissenschaftler werden unter Angabe der von ihnen zu verantwortenden Seiten am Schluss des Buchs – unmittelbar vor den Anmerkungen – namentlich aufgeführt. Daher darf man getrost annehmen, dass die auf der Titelseite von „Das Amt“ prangenden Herausgeber offenbar keine Zeile selbst geschrieben haben. Neben zwölf „Mitautoren“ standen vierzehn Rechercheure und sieben Hilfskräfte zur Verfügung. Und die „Endredaktion“ oblag einem früheren Verlagslektor, der eine Agentur für Autoren betreibt. Der sah seine Aufgabe offensichtlich nicht nur in der sprachlichen Verfeinerung, sondern auch in der inhaltlichen „Zuspitzung“, um dann dem Kommissionssprecher Conze, der das Amt der Nazi-Zeit als „verbrecherische Organisation“ bezeichnete, die neue Interpretation der alten Wilhelmstraße zu liefern.

          Schließlich stand – als größte Abhängigkeit – die Kommission mit ihrer 1,5 Millionen Euro Steuermittel verschlingenden Arbeit unter Erwartungsdruck und Rechtfertigungszwang. Fachleute wussten, dass Überraschendes kaum zu erwarten sei – wenn man von Personalakten absieht, die das Amt der Kommission erstmals großzügig zugänglich machte. Dennoch wollte man das Rad der Behördengeschichte neu erfinden. Conze und Frei taten so, als hätten sie letzte Wahrheiten zu verkünden; vor allem als müssten sie endlich die Legende von der Wilhelmstraße als einem „Hort des Widerstandes“ zerstören. Darauf beruht der Erfolg des Buches. Genauer betrachtet erweist sich aber vieles als geschickte Verpackung.

          Westerwelle sollte auf Distanz gehen

          Daher täte Westerwelle gut daran, auf Distanz zur Amtsgeschichts-Bibel zu gehen und überstürzte Schlussfolgerungen aus dem fast als Diplomaten-Thriller rezipierten Kommissionsbericht zu stoppen. Der 60. Geburtstag des Auswärtigen Dienstes der Bundesrepublik im März wäre ein guter Anlass, die Kommission nebst „Mitautoren“ mit denen an einen Tisch zu bringen, die fachliche und methodische Bedenken äußern. Das wäre der Beginn des notwendigen offenen Diskurses über „Das Amt“.

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