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Australien : Papst will sich für Missbrauchsfälle entschuldigen

Papst Benedikt XVI. vor seinem Abflug nach Australien Bild: dpa

Papst Benedikt XVI. ist zum Weltjugendtag nach Sydney abgereist. Das Fest, zu dem eine halbe Million Pilger aus aller Welt erwartet werden, ist überschattet von einer hässlichen Diskussion. Sie dreht sich um sexuellen Missbrauch - und vor allem um die Reaktion der katholischen Kirche in Australien.

          3 Min.

          Papst Benedikt XVI. ist am Samstag zu einer zehntägigen Reise nach Australien aufgebrochen. Ein Sonderflug der Alitalia mit dem Papst und seiner Delegation an Bord startete gegen 10.30 Uhr vom Flughafen Leonardo da Vinci in Rom. In Australien nimmt der 81-Jährige am katholischen Weltjugendtag teil. Höhepunkt wird eine Messe unter freiem Himmel am 20. Juli sein, zu der rund 250.000 Gläubige erwartet werden. Am 21. Juli kehrt der Papst nach Italien zurück. Es ist die bislang weiteste Reise seines Pontifikats.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Schon Tage vor dem Eintreffen des Papstes haben die Devotionalienhändler im Hyde Park ihre Stände geöffnet. Am Eingang der ehrwürdigen St.-Marys-Kathedrale in Sydney werden Kappen, Windjacken und Schals angeboten, mit denen die Pilger des Weltjugendtages ihre Zugehörigkeit signalisieren können. „I love Jesus“ ist darauf zu lesen, oder „Pilgrim WYD/SYD 08“. Selbst Trikots sind im Angebot - auf dem Rücken, wo gewöhnlich der Spielername zu lesen ist, steht: „Benedetto 16“.

          Wurde der Fall vertuscht?

          Ein bisschen Geschäft sei nicht unmoralisch, beruhigte der Erzbischof von Sydney, George Kardinal Pell, als er das erste Verkaufszelt gemeinsam mit dem populären Fernsehprediger Christian Mike Willesee eröffnete. Kritik an der Kommerzialisierung des religiösen Massenereignisses gehört zu den kleineren Sorgen, die Kardinal Pell vor dem Weltjugendtag plagen. Das mehrtägige Fest, zu dem in der kommenden Woche eine halbe Million Pilger aus aller Welt erwartet werden, ist überschattet von einer hässlichen Diskussion. Sie dreht sich um Fälle sexuellen Missbrauchs - und vor allem um die Reaktion der katholischen Kirche in Australien.

          In den vergangenen zehn Jahren, berichten die Zeitungen, seien der Kirche mehr als 1000 Missbrauchsfälle durch Geistliche bekanntgeworden. Unter den Opfern seien 24 geistig Behinderte gewesen. In den Mittelpunkt der Debatte ist aber der mysteriöse, 26 Jahre zurückliegende „Fall Jones“ geraten. Seit der staatliche Fernsehsender ABC Anfang der Woche neue Dokumente veröffentlichte, vergeht kaum ein Tag, ohne dass die Zeitungen darüber berichten und Kardinal Pell sich rechtfertigen muss.

          Im Kern geht es um die Frage, ob Pell versucht hat, den Fall zu vertuschen. Anthony Jones, ein ehemaliger Religionslehrer, hatte vor Jahren einem Priester in Sydney, Pater Terence Goodall, vorgeworfen, ihn sexuell genötigt zu haben, und Aufklärung verlangt. Vor fünf Jahren hatte Kardinal Pell dem Klageführer dann mitgeteilt, dass nicht geklärt werden könne, ob der sexuelle Kontakt mit oder ohne gegenseitiges Einvernehmen zustande gekommen sei. Das Wort eines Paters, der sich bisher nichts habe zuschulden kommen lassen, stehe gegen das von Jones. Die neu aufgetauchten Dokumente scheinen nun zu belegen, dass Pell im Sommer 2003 bereits wusste, dass Pater Goodall unter anderem einen elf Jahre alten Jungen und ein 16 Jahre altes Mädchen missbraucht sowie mehrere Messdiener aufgefordert hatte, sich nackt auszuziehen. Auch habe dem Kardinal ein interner Untersuchungsbericht vorgelegen, der Goodall als Täter und Jones als Opfer ansah.

          „Ein neues Kapitel in der Geschichte Australiens“

          Pell wies den Vorwurf zurück, er habe bewusst etwas unter den Teppich kehren wollen, nannte seinen Brief an Jones aber „schlecht formuliert“ und einen „unschuldigen Irrtum“. Er habe erst später von Goodalls Vergehen erfahren und zu dem Zeitpunkt die Akte Jones für geschlossen gehalten. Pell weigerte sich, sein Amt ruhenzulassen oder gar aufzugeben. Während die linksliberalen Medien des Landes versuchen, den Kardinal weiter in die Enge zu treiben, nehmen ihn konservative Publizisten in Schutz und betonen den Umstand, dass der Missbrauchte zum Zeitpunkt der Tat immerhin 29 Jahre alt war. Die öffentliche Aufmerksamkeit für Jones sei kalkuliert und diene dem Zweck, der katholischen Kirche Australiens kurz vor dem Weltjugendtag „maximalen Schaden“ zuzufügen, schrieb die Tageszeitung „The Australian“.

          Die hitzige Debatte spiegelt auch Verschiebungen innerhalb der Gesellschaft. Im traditionell säkularen Australien hat die Bedeutung der Kirchen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, was nicht allen behagt. Repräsentiert wird dieser Wandel unter anderem von der politischen Spitze. Dass nach dem konservativen Regierungschef John Howard nun auch dessen Labor-Nachfolger Kevin Rudd in politischen Fragen mit der Bibel argumentiert, hat nach den Worten des Politikprofessors und Publizisten Robert Manne „ein neues Kapitel in der Geschichte Australiens“ eröffnet.

          Papst will sich entschuldigen

          Auf Rudd wird Papst Benedikt XVI. wohl erst Mitte der Woche treffen. Der Pontifex, der am Sonntag auf dem Militärflughafen Richmont eintreffen soll, will sich zunächst von seiner langen Reise erholen und im entlegenen „Kenthurst Study Center“, einem vom Opus Dei betriebenen Heim ohne Fernseher, auf die anstrengenden Tage vorbereiten. Mit Pell, heißt es, werde er aber schon vorher sprechen und unter anderem darüber beraten, ob eine offizielle päpstliche Entschuldigung für die Missbrauchsfälle in Australien angebracht sei.

          „Es ist entscheidend für die Kirche, zu versöhnen, vorzubeugen, zu helfen und die Schuld bei diesem Problem zu sehen“, sagte der Papst am Samstag während seines Fluges von Rom nach Sydney. Er wolle in Australien daher ähnliche Worte finden wie während seines Besuchs in den Vereinigten Staaten im April. Damals hatte sich der Papst offiziell für die sexuelle Misshandlung von Kindern und Jugendlichen durch katholische Würdenträger entschuldigt. „Es muss klar sein, dass das Priesteramt mit so etwas nicht in Einklang zu bringen ist“, sagte er.

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