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Kardinal Pell vor Gericht : Australische Hassfigur

George Kardinal Pell am Dienstag vor seinem Gerichtstermin in Melbourne Bild: dpa

Als bisher höchster Vertreter der katholischen Kirche steht George Pell in Australien wegen möglichen Kindesmissbrauchs vor Gericht. Der Fall des Kurienkardinals stürzt den Vatikan in eine Krise.

          George Kurienkardinal Pell gehörte zu den Mächtigen im Vatikan. Doch nun stürzt er den Heiligen Stuhl in eine Krise. Als bisher höchster Vertreter der katholischen Kirche muss sich der Australier in seinem Heimatland gegen Vorwürfe des Kindesmissbrauchs vor Gericht zur Wehr setzen. In Melbourne befand die Richterin Belinda Wallington zum Ende einer langen Vorverhandlung, dass die Vorwürfe gegen den früheren Priester und Erzbischof von Melbourne ausreichten, um von einer höheren Instanz verhandelt zu werden. Pell war zur Verkündung der Entscheidung am Dienstag persönlich vor Gericht erschienen. Er erklärte sich für „nicht schuldig“.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Als er das Gericht verließ, wurde der Kardinal von rund zwei Dutzend Polizisten begleitet, vor dem Gebäude hatten sich Demonstranten versammelt. Darüber, was dem 76 Jahre alten Kardinal im Einzelnen genau vorgeworfen wird, darf in Australien aus rechtlichen Gründen nicht berichtet werden. Wie es hieß, wurde etwa die Hälfte der Anklagepunkte fallengelassen, darunter auch einige besonders schwerwiegende. So zweifelte die Richterin an einem Zeugen und hielt einige der Vorwürfe für nicht substantiell genug. In anderen Fällen sind Zeugen verstorben oder erkrankt.

          Unter anderem berichtete die australische Presse über einen Fall, in dem sich Pell 1978 in einem Kino an einem Jungen vergangen haben soll. Diese Vorwürfe werden wegen Zweifeln der Richterin an dem Zeugen aber nicht weiter verfolgt. Vor dem zwölfköpfigen Geschworenengericht des Bundesstaats Victoria werden aber offenbar Vorkommnisse aus einem Schwimmbad in Pells Heimatort Ballarat und in der Kathedrale von St. Patrick in Melbourne verhandelt werden.

          Der Vatikan in der Krise

          Pell war zwischen 1976 und 1980 Priester in Ballarat und dann zwischen 1996 und 2000 Erzbischof von Melbourne. Nach früheren Recherchen australischer Journalisten wurde ihm unter anderem vorgeworfen, in dem öffentlichen Pool in Ballarat mindestens zwei Jungen in unsittlicher Weise angefasst zu haben. Die Vorwürfe in der Kathedrale könnten aber noch schwerer wiegen. Dort soll der damalige Erzbischof zwei Chorknaben zum Oralverkehr gezwungen haben. Ein Datum für den Beginn des Prozesses vor einem Geschworenengericht in Melbourne steht noch nicht fest. Bis dahin könnte es noch einige Monate dauern.

          Wegen der herausragenden Stellung des Kurienkardinals stürzt der Fall den Vatikan in eine Krise. Der ranghöchste australische Katholik ist ein Vertrauter von Papst Franziskus. Der Papst hatte ihn in den Vatikan geholt, damit er die Finanzen des Heiligen Stuhls regelt. Für die Zeit des Prozesses hat Franziskus den Kardinal von seinen Aufgaben freigestellt. Wann er zurückkehren kann, ist ungewiss. Das Gericht ordnete an, dass der Kardinal das Land vorerst nicht verlassen dürfe.

          Der Entscheidung vom Dienstag war eine wochenlange Vorverhandlung vorausgegangen. Dabei waren etwa 30 Zeugen gehört worden. Der Prozess hat in Australien viel Aufmerksamkeit erregt. In dem Land war 2012 eine unabhängige Kommission damit beauftragt worden, den teilweise systematischen Missbrauch in australischen Institutionen zu untersuchen. Sie hatte Ende des vergangenen Jahres ihren Abschlussbericht veröffentlicht. Demnach war die katholische Kirche besonders stark von dem Skandal betroffen. Der Kommission zufolge wurden gegen sieben Prozent der australischen Priester Anschuldigungen erhoben. In einem Orden soll sogar jeder zweite Priester an Kindesmissbrauch beteiligt gewesen sein. Mittlerweile hat die Regierung angekündigt, die Opfer zu entschädigen.

          Täten wurden nur versetzt – der Missbrauch ging weiter

          Im Zusammenhang mit Vorwürfen gegen andere Geistliche hatte 2016 auch Pell per Videokonferenz aus Rom die Fragen der Royal Commission beantwortet. Dabei war es um die Frage gegangen, ob er über die abscheulichen Umtriebe einiger notorischer Priester und Laienbrüder in Ballarat und anderen Orten informiert war. Den Vorwürfen nach soll die Kirche damals die Fälle vertuscht haben. Beschuldigte, gegen die Vorwürfe erhoben worden waren, wurden einfach in andere Diözesen geschickt. Dort setzten sie den Missbrauch teilweise fort.

          Pell hatte in seiner Aussage behauptet, nichts von den Vorwürfen gewusst zu haben. Seine Haltung wurde damals von vielen als unsensibel gegenüber den Opfern empfunden. Der erfolgsverwöhnte Kardinal war in manchen Kreisen in Australien zu einer regelrechten Hassfigur geworden. Pell selbst bezeichnete sich als Opfer einer „Rufmordkampagne“. In einer Stellungnahme kündigte er am Dienstag an, sich „standhaft“ weiter zu verteidigen. Er habe ausgiebig mit der Polizei des Staates Victoria kooperiert und sei für die Verhandlungen nach Australien zurückgekehrt. Außerdem bedankte er sich bei seinen Unterstützern in dieser „fordernden Zeit“.

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