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Religiöse Bewegung : Aussteiger berichten über die Gülen-Bewegung: Wie eine Sekte

Erdogan machte Gülen für den Putsch im Juli verantwortlich - Demonstranten hängen eine Puppe mit dem Gesicht des Predigers. Bild: AFP

Höflich, gebildet, modern angezogen – so wünscht sich der islamische Prediger Fetullah Gülen seine Anhänger. Sie sollen Geld spenden und deutschen Parteien beitreten, dürfen aber keine eigene Meinung äußern. Drei Aussteiger berichten.

          Eine Zeitung der religiösen Bewegung von Fetullah Gülen heißt „Sizinti“. Das kann man mit „Infiltrieren“ übersetzen. In der Türkei macht Präsident Erdogan die Bewegung für den Putschversuch Mitte Juli verantwortlich. Gülen weist alle Vorwürfe zurück. Er stellt sich als harmloser Reformer dar, als Vertreter eines aufgeklärten Islams. Doch Leute, die seine Hizmet-Bewegung von innen kennengelernt haben, machten ganz andere Erfahrungen. Nachdem die Frankfurter Allgemeine Sobnntagszeitung Anfang August darüber berichtete, meldeten sich drei weitere Aussteiger. Sie warnen vor „der sektenartigen Organisationsform“ der islamischen Glaubensgemeinschaft.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Es handelt sich um die Juristin Tülay aus Mannheim, den Ingenieur Ercan aus Ulm und den Betriebswirt Hasan aus Stuttgart. Die Namen wurden geändert, weil die Aussteiger anonym bleiben möchten. Alle drei Aussteiger haben eine gute akademische Ausbildung und sind als Angestellte oder Selbstständige beruflich erfolgreich. Sie sind bekennende Muslime und beurteilen die Politik Erdogans durchaus skeptisch. Zwei Begriffe fallen immer wieder in ihren Berichten: „Sekte“ und „Scientology“.

          Ercan hat sich gut zehn Jahre lang für verschiedene Vereine der Gülen-Bewegung engagiert, die Dialog-Vereine und auch einen Unternehmerverband. „Es wurde mir vorgeschrieben, für was ich zuständig sein sollte“, sagt er. „Das Merkwürdige ist, dass es formal Vereine gibt, ich habe aber nie etwas von einer Mitgliederversammlung oder Vorstandswahlen mitbekommen. Wichtig war denen, dass auf der Homepage möglichst Ärzte und Juristen standen, weil sie damit besser Werbung bei den Deutschen machen konnten.“ Manchmal seien auch Beiräte für die Vereine gegründet worden, aber Sitzungen dieser Beiräte habe es nicht gegeben.

          Große Brüder und Schwestern

          Die Arbeit in den Vereinen werde über die großen Brüder und die großen Schwestern gesteuert, die Abis und die Ablas. Diese bekämen ihre Anweisungen von den für die Region zuständigen Imamen, die wiederum würden von dem für Deutschland zuständigen Iman Hayrettin Özkul angewiesen, das Vorgehen sei streng hierarchisch. „Die Vereine funktionieren nicht nach Satzung und deutschen Gepflogenheiten. Ich habe gesagt, dass mir das nicht passt. Das Ergebnis war, dass ich weniger wichtige Aufgaben übertragen bekommen habe und für die Gülen-Leute kein wichtiger Ansprechpartner mehr war“, sagt Ercan. Mehrmals sei er von dem „großen Bruder“ angewiesen worden, Funktionen in anderen Vereinen oder Regionen zu übernehmen. Immer ohne Absprache.

          Der Abi oder die Abla kontrolliere alles. Vereinzelt habe es auch die Aufforderung gegeben, sich im Sinne der Gülen-Bewegung in deutschen Organisationen zu engagieren, so Ercan. „Es gab immer mal wieder auch die Anweisung: Werdet Mitglied der SPD oder CDU oder auch der Grünen. Oder es hieß, bewirb Dich als Schöffe.“ Ercan zweifelt an der Behauptung der Gülen-Schulen, dass sie unabhängig seien und sich, wenn überhaupt, von den Ideen des in den Vereinigten Staaten lebenden Predigers nur „inspirieren“ ließen: „Das stimmt nicht. Ich habe Sitzungen in den Räumen von Gülen-Schulen erlebt, wo Imame auch Anweisungen gegeben haben. Auf die muslimischen Kinder wird außerhalb der Schule schon ein Einfluss ausgeübt.“ Transparente und demokratische Vereinsstrukturen gebe es in der Gülen-Bewegung nicht. „Die Beschlüsse in den Vereinen zählen nicht, es zählt die Meinung des externen Abi.“ Wenn der Abi nicht einverstanden sei, werde ein Beschluss einfach ignoriert.

          Bei Tülay, der Juristin aus Mannheim, liegt das Engagement ein paar Jahre zurück, in guter Erinnerung hat sie diese Zeit nicht. „Ich war in der Jugendzeit ziemlich engagiert in der Gülen-Bewegung. Ich bin ein paar Mal umgezogen, von einer Gemeinde zur nächsten Gemeinde, Cemaat heißt das bei den Gülen-Leuten. Interessant war, dass die fast alles über mich und meine Familie wussten, als ich in der neuen Cemaat ankam. Die hatten sogar Fotos von mir gesammelt.“ Inhaltlich werde man bei den Sohbets (Unterhaltungen) religiös fortgebildet. „Wenn man selbst Sohbets machen will, dann muss man die inhaltliche Vorbereitung dem Abi oder der Abla vorstellen. Man darf nur die Schriften Gülens oder die Zeitschriften der Bewegung benutzen und zitieren.“

          In der Gemeinschaft aufgehoben

          Für den Nachwuchs gebe es häufig Empfehlungen, was man studieren solle. Wenn man eine Aufgabe übertragen bekomme und dann etwas kritisiere oder verweigere, heiße es sofort, dass diese Aufgabe jemand anderes übernehmen könne. „Man wird wie in einer Sekte unter Druck gesetzt, indem suggeriert wird, man sei eigentlich auserwählt“, berichtet Tülay. Am Anfang sei sie für die Gülen-Leute nicht so interessant gewesen, weil sie keinen einflussreichen Beruf ausgeübt habe. „Dann habe ich zufällig mal erzählt, dass sich mein Mann demnächst selbständig machen will. Plötzlich waren die total interessiert und wollten meinen Mann ständig kontaktieren.“ Es gebe für jede Berufsgruppe und für jede Lebensphase die Sohbets. Ein Gülen-Mitglied solle sich nie allein, sondern immer in der Gemeinschaft aufgehoben fühlen.

          Harmloser Reformer oder rücksichtsloser Sektenführer? Der islamische Prediger Fethullah Gulen.

          Bei anderen Gelegenheiten, den Himmet-Sitzungen, würden Spendengelder eingesammelt. „Man wollte das Vertrauen von Entscheidungsträgern gewinnen und die Gesellschaft infiltrieren, deshalb hieß es, merke Dir die Geburts- oder Hochzeitstage von den wichtigen Leuten, den VIPs, wichtige Politiker hat man auch geködert und sie in die Türkei eingeladen“, erinnert sich Tülay. „Meinem Mann haben sie dann auch noch gesagt, werde jetzt Mitglied der SPD.“ Die Imame der Bewegung legten großen Wert darauf, dass man Kontakte zu wichtigen Entscheidungsträgern knüpfe. „Es hieß immer, Du musst die wichtigen Leute kennen lernen. Es gibt auch einen Verhaltens-Knigge, den bekommen nur diejenigen, die mit wichtigen Leuten in Kontakt sind.“ Dieser Knigge schreibe vor, wie man sich in der Öffentlichkeit verhalten solle, die Auftritte sollen höflich sein und einen gebildeten Eindruck hinterlassen. „Modern und gut angezogen, auch das war wichtig“, erzählt Tülay, „so sollte jeder Gesprächspartner für die Gülen-Bewegung gewonnen werden.“

          Auch Hasan, ein junger Betriebswirt aus Stuttgart, beschreibt die Gülen-Bewegung als Sekte. „Es läuft so wie bei den Scientologen, das Einsammeln des Geldes spielt eine große Rolle. Typisch ist auch, dass die alle wie Papageien das gleiche dogmatische Zeugs reden.“ Das Vorgehen sei häufig konspirativ. Wenn sich die hauptamtlichen Führungsleute träfen, würden die Handys im Nebenraum eingeschlossen. Die Hierarchie sei ziemlich klar, es gebe einen obersten Imam für Europa, Abdullah Aymaz, dann Imame für verschiedene Länder und darunter auch einige für die Regionen. In Baden-Württemberg gebe es in Stuttgart einen Imam, der für Württemberg zuständig sei. Für Baden gebe es auch einen Imam, der die Arbeit dort koordiniere. „Merkwürdig ist, dass die sich alle mit Codenamen ansprechen“, sagt Hasan.

          „Gehorsam und Opferbereitschaft“

          Wichtig für die Rekrutierung von Mitgliedern seien die Jugendcamps – türkisch „kamps“. Sie wollten vor allem Kinder aus ärmeren Familien an sich binden, weil so jahrelange Abhängigkeiten und eine gewisse Dankbarkeit entstehen sollten. „Jeder Imam berichtet über die Mitglieder der Gemeinde, vor allem die Geschäftsleute werden regelrecht durchleuchtet. Sie führen Buch über jedes Mitglied, sie wollen die Mitglieder so gut kennen, um sie manipulieren zu können.“

          Das Bild, das die Aussteiger von der Gülen-Bewegung zeichnen, deckt sich mit einigen Beobachtungen, die Friedmann Eißler gemacht hat. Eißler ist Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen und beobachtet verschiedene Glaubensgemeinschaften. Von einer Sekte will er nicht sprechen, wohl aber von einer „hohen Sozialkontrolle“, die es durch Abis oder Ablas in den Lichthäusern gebe. „Gehorsam und Opferbereitschaft sind absolute, zentrale Werte, an denen natürlich auch das Verhalten der Anhängerinnen und Anhänger gemessen wird“, sagt Eißler. Über Aussteiger würden häufig negative Geschichten verbreitet. Das „Problem der Indoktrinierung“ entstehe nicht direkt in den Schulen und Nachhilfeeinrichtungen, sondern in deren Umfeld. „Indem die jungen Menschen für die inneren Kreise interessiert und angeworben werden – mit Hilfe von Hausbesuchen, mit Geschenken, mit intensiven Gesprächen mit den Eltern – kann auch ein gewisser Druck entstehen.“

          Man müsse sich immer wieder klar machen, s0 Eißler, dass Gülen die islamischen Werte in seinen Schriften immer wieder in einen Gegensatz zu „westlichen“, also „christlichen“ Werten bringe. Gülen verteidige die Gebote und Verbote der Scharia ausnahmslos. Eißlers Fazit: „Er ist ausdrücklich kein Reformtheologe, sondern passt (lediglich) die Vermittlung der konservativ-islamischen Inhalte geschickt den Umständen der umgebenden Gesellschaft an.“

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