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Zypern : Drehkreuz der Interessen

Nicht nur bei Touristen beliebt: Zyperns strategisch günstige Lage ist für die Politik vieler Länder interessant Bild: AFP

Zypern verfügt über Rohstoffe und über eine strategisch günstige Lage, um die sich die großen Mächte seit Jahrhunderten balgen. Beides ist bis heute von großer Bedeutung. Das wissen die Zyprer, nur können sie sich aktuell nichts dafür kaufen.

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          Zypern ist Krisengebieten wie dem Nahen Osten und Nordafrika vorgelagert, auch der Kaukasus liegt nicht weit. Nun ist die Inselrepublik aber selbst in eine Krise geraten. Die beiden Trümpfe des Landes - seine Bodenschätze und die strategische Lage der Insel - reichen derzeit nicht dafür aus, dem Land bei der Befreiung aus der Schuldenfalle entscheidend zu helfen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          In der Antike war es das Kupfer, das Zypern Wohlstand beschert hatte. Das deutsche Wort „Kupfer“ ist von „Zypern“ abgeleitet. In der Zukunft soll das Erdgas, das sich südlich der Insel im Mittelmeer befindet, der Insel wieder Reichtum bescheren. Zypern braucht jedoch in diesen Tagen Liquidität, nicht erst im Jahr 2017, wenn - nach optimistischen Prognosen - das Erdgas gefördert werden könnte.

          Vergeblich versuchte die zyprische Regierung, Moskau für das Erdgas zu interessieren, es zu verpfänden oder aber russische Investoren für die Ausbeutung der Vorkommen zu gewinnen. Die Gasvorkommen sind groß. Die zyprische Regierung schätzt ihren Wert, in heutigen Preisen, auf mehr als 1.000 Milliarden Dollar.

          Russland und Zypern stehen sich nahe

          Es wäre allerdings nicht in westlichem Interesse, wenn der von der russischen Regierung kontrollierte Energiekonzern Gasprom im Gegenzug für Finanzhilfen Zugriff auf die Ausbeutung der Gasfelder bekommen würde. Aber auch Moskau scheint, wie das Ergebnis der Gespräche der Zyprer in Moskau nahelegt, selbst nicht sonderlich interessiert daran zu sein, den Plan Europas für einen neuen, von Russland unabhängigen Gasversorgungskorridor zu unterlaufen.

          Russland und Zypern stehen sich kulturell nahe. Russland hatte sich bis ins frühe 20. Jahrhundert als Schutzmacht für die orthodoxen Christen im Osmanischen Reich verstanden. Bis 1878 hatten die Osmanen auch über Zypern geherrscht. Moskau und Nikosia kamen sich nach dem Ende des Kalten Kriegs wieder näher.

          Aufsehen erregte Zypern im Jahr 1997, als es in Russland vierzig Raketen des Typs S-300 im Wert von 200 Millionen Dollar bestellte, um sich gegen die Türkei im Norden zu verteidigen. Mit der Annahme der Bestellung reagierte Moskau auf die Erweiterung der Nato in den früheren Einflussbereich der Sowjetunion. Nach heftigen Protesten der Nato und vor allem der Türkei verzichtete Russland jedoch auf die Lieferung.

          Überwachungszentrum für gesamte Region

          Die militärische Zusammenarbeit mit Zypern blieb indes Teil der russischen Außenpolitik, auch als Gegengewicht zum wachsenden Einfluss der Türkei im Kaukasus. Heute ist Russland mutmaßlich auf der Suche nach einem Ersatz seiner Militärbasis in der syrischen Hafenstadt Tartus, die weniger als 200 Kilometer von Zypern entfernt liegt.

          Mit der Basis in Tartus hatten die Sowjets endlich den Zugang zum warmen Meer, den im 19. Jahrhundert eine Allianz des Osmanischen Reichs und Großbritanniens noch verhindern konnte. Als Dank dafür traten die Osmanen 1878 Zypern an die britische Krone ab, und London konnte von Zypern aus den 1869 eröffneten Suezkanal kontrollieren, der das Mittelmeer zu einer Transitroute nach Indien machte.

          So wie die Briten ihre Luft- und Marinebasen Akrotiri und Dhekelia in Zypern als Horchposten für die umliegende Region nutzen - sie sollen auch den Funk des syrischen Regimes abhören und die Erkenntnisse an die syrische Opposition weiterleiten -, so nutzen die Russen Tartus nicht nur als gewöhnliche Marinebasis, sondern auch als Überwachungszentrum für die gesamte Region.

          Zypern als Alternative

          Sollte in Syrien Präsident Assad gestürzt werden oder die Hafenstadt Tartus nicht länger kontrollieren, müssten die Russen ihre Basis vermutlich aufgeben. Zypern, das nicht Mitglied der Nato ist, würde sich für Russland als Alternative anbieten. Für Europa wäre sowohl ein russischer Griff nach dem Erdgas wie auch die Einrichtung einer Militärbasis kaum akzeptabel.

          Denn im Kalten Krieg hatte sich die Insel als „unversenkbarer Flugzeugträger“ des westlichen Bündnisses bewährt. Die Briten kontrollieren von Zypern aus weiter alle Bewegungen um die Insel, während des Irakkriegs von 2003 starteten britische und amerikanische Kampfflugzeuge von hier aus, und die UN-Patrouillen, die den Waffenschmuggel der Hizbullah unterbinden sollten, hatten von 2006 an ihre Basis in der zyprischen Hafenstadt Limassol.

          Um die zwischen ihren Ländern liegenden Gasvorkommen profitabel auszubeuten, müssen auch Israel und Zypern eng zusammenarbeiten. Zypern kann nur dann von den großen Vorkommen profitieren, wenn es das Gas, das über seinen eigenen Bedarf hinausgeht, exportieren kann.

          Da eine Gasleitung über die Türkei unrealistisch ist, bleibt die Option einer Gasverflüssigungsanlage. Die ist so teuer, dass man den Schulterschluss mit Israel sucht. Anfang 2012 hatte mit Benjamin Netanyahu erstmals ein israelischer Ministerpräsident Zypern besucht. Zudem wirbt Israel um so mehr um das nahe gelegene Zypern, als sich sein Verhältnis zur Türkei weiter abkühlt.

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