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Neues Lager auf Lesbos : „Zustände noch schlimmer als in Moria“

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Migranten im neuen Lager Kara Tepe auf Lesbos graben Abflussrinnen nach schweren Regenfällen (Aufnahme vom 14. Oktober). Bild: AP

Zelte nur weniger Meter vom Meer entfernt, keine Krankenversorgung, kein Essen: Nothelfer schlagen Alarm. Im neuen Lager auf Lesbos sei es noch schlimmer als im abgebrannten Lager Moria.

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          Angesichts sinkender Temperaturen kritisieren die SOS-Kinderdörfer die Lage von Migranten auf der griechischen Insel Lesbos. Man sorge sich um rund 7500 Menschen in einem neuen Flüchtlingslager, das nach dem Feuer im Camp Moria errichtet worden war. Es sei „absolut ungeeignet für den Winter“, erklärte die Nothilfekoordinatorin der SOS-Kinderdörfer, Popi Gkliva, am Donnerstag. „Die Zelte stehen teilweise nur wenige Meter vom Meer entfernt, so dass die Menschen dort ohne Schutz vor Wind und Wetter sich selbst überlassen sind.“

          Die Gesundheit der Menschen sei in Gefahr, und besonders für Kinder sei die Situation unzumutbar. Erst im Oktober war den Angaben zufolge ein Teil der Zelte durch starke Regenfälle überschwemmt worden. „Die Zustände hier sind noch schlimmer als zuvor in Moria“, betonte Gkliva. Es gebe keine festen Bauten, keine Angebote für Kinder oder geeignete Versorgung für Kranke. Außerdem fehle es an fließendem Wasser und Lebensmitteln. „Die Betroffenen haben ein Recht auf eine menschenwürdige Unterkunft.“

          Allgemein habe sich die Situation für die Migranten auf Lesbos in den vergangenen Wochen weiter verschlechtert. Für Empörung hatte die Räumung des Lagers Pikpa gesorgt, in dem vor allem Kinder und Familien untergebracht waren. Auch für Familien, deren Asylantrag bewilligt worden sei, sei der Winter eine massive Bedrohung, denn die meisten bekämen keine Unterstützung von der Regierung, hieß es. „Selbst Familien mit Kleinkindern müssen auf der Straße schlafen“, berichtete Gkliva.

          IOM: Mehr Schiffsunglücke auf Seeroute zu den Kanaren

          Unterdessen berichtete die Internationale Organisation für Migration (IOM), dass sie eine Zunahme der tödlichen Bootsunglücke auf der Seeroute von Afrika zu den spanischen Kanaren-Inseln befürchtet. Die lange Fahrt auf dem Atlantik sei wegen der oft unvorhersehbaren Wetterbedingungen besonders gefährlich, sagte IOM-Sprecherin Safa Msehli dem Evangelischen Pressedienst in Genf.

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          Mehr als 400 Migranten sind laut der IOM in diesem Jahr auf der Route bereits ums Leben gekommen, rund doppelt so viele Tote wie im gesamten Jahr 2019. Msehli, Expertin für Seenotrettung, verwies auf das schwerste Schiffsunglück in diesem Jahr, bei dem Ende Oktober vor der Küste Senegals ein Boot mit 200 Passagieren sank. Davon überlebten 140 Menschen nicht, sie alle waren auf dem Weg zu den Kanaren gewesen.

          Schlepperbanden haben laut Msehli in diesem Jahr bereits deutlich mehr Menschen über die riskante Route geschleust. Von Januar bis Oktober seien mehr als 11.000 Migranten auf den Kanaren eingetroffen. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres seien es 2.557 Migranten und Flüchtlinge gewesen. Anders sieht die Lage laut der IOM auf dem Mittelmeer aus. Dort sank die Zahl der Menschen, die auf dem Seeweg Europa erreichten, in diesem Jahr im Vergleich zu 2019 stark.

          Aufnahmezentren überfüllt

          Derzeit seien die Registrierungs- und Aufnahmezentren des Roten Kreuzes und der spanischen Regierung auf den Kanaren überfüllt, erklärte Msehli. Für die angekommenen Menschen sei es darum sehr schwierig, Abstand zu halten, um eine mögliche Corona-Übertragung zu vermeiden. Laut der IOM-Expertin nutzten die spanischen Behörden auch Hotels für die Unterbringung. Die Polizei habe ihre Zentren auf den Kanaren geschlossen, in denen sie Migranten ohne Aufenthaltserlaubnis festgehalten habe.

          Die spanische Regierung habe die Lage noch unter Kontrolle, sagte die IOM-Expertin weiter. In den Zentren auf den Kanaren seien erbärmliche Verhältnisse wie in den Camps auf den griechischen Inseln in absehbarer Zukunft nicht zu befürchten. Die IOM gehört zu den Vereinten Nationen und hat ihren Sitz in Genf.

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