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Zum Tode von Václav Havel : Das Leben in der Wahrheit

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Vaclav Havel als Präsidentschaftskandidat während eines Interviews in Prag am 19. Dezember 1989 Bild: Reuters

Václav Havel kämpfte gegen das sozialistische System, für die Begründung einer „Bürgergesellschaft“, gegen den Zerfall der Tschechoslowakei. Als Politiker war ihm nicht immer Erfolg beschieden. Doch als moralische Autorität blieb er unübertroffen.

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          Unter den Losungen, die im November 1989 in Prag entstanden, befand sich eine von rarer Prägnanz: „Ahoj, Godote“ (Hallo, Godot). Das Warten war zu Ende, das Unverhoffte war eingetreten. Eben noch war nichts mehr möglich gewesen; plötzlich schien alles möglich geworden zu sein.

          Ein Foto, aufgenommen am 24. November, dem Tag des Rücktritts des Politbüros, zeigt Václav Havel, wie er lachend vor Erleichterung Alexander Dubček in die Arme fällt. Wie weggewischt waren die Jahre, die den Frühling 1968 vom Herbst 1989 trennten. Auf den Kundgebungen, in deren Verlauf sich der Widerstand seiner Kraft vergewisserte, rief man zuerst „Dubček auf die Burg“, dann „Havel auf die Burg“.

          Nach zwei Jahrzehnten der „Normalisierung“ unter sowjetischen Vorzeichen standen im Lande nur noch zwei Persönlichkeiten zur Wahl, die bekannt genug waren und denen man zutraute, der Wende Glaubwürdigkeit zu verleihen. Dubček und Havel ähnelten einander, in ihrem scheuen Lächeln wie in ihrem Projekt, den Meißel politisch-sozialer Gestaltung genau dort wieder anzusetzen, wo er ihnen im August 1968 aus der Hand gerissen wurde. Aber der durch Dubček symbolisierte reformkommunistische Flügel war nicht mehr in der Lage, die führende Rolle wahrzunehmen, die er sich anmaßte. Im November 1989 schlug in Prag die Stunde der Intellektuellen. Wie und wohin sie das Land führen sollten, war ihnen noch nicht klar.

          Václav Havel und Alexander Dubček, Schlüsselfigur des „Prager Frühlings“ und ehemaliger Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, im November 1989 Bilderstrecke

          Im Mai 1989 war Havel dank internationalen Drucks vorzeitig aus der Haft entlassen worden. Am 15. Juli 1989 sendete Radio Free Europe ein Interview mit ihm. „Ich bin überzeugt“, sagte Havel damals, „dass sich das totalitäre Regime in der Krise befindet. Was wir heute sehen, sind die Symptome der Geburt eines neues, demokratischeren Systems. Aber ich weiß nicht, um welches System es sich handeln wird. Jedenfalls wird es nicht eine Rückkehr in die Vergangenheit sein. Es hat den Anschein, dass es sich von einer normalen parlamentarischen Demokratie unterscheiden wird.“

          So unbestimmt die politische Vision auch war, von der sich Havel leiten ließ, so unübersehbar war die moralische Autorität, die er sich erworben hatte. Das Regime hatte diesen Mann, der am 22. November auf dem Prager Wenzelsplatz vom Balkon des Melantrich-Hauses zum ersten Mal vor einer riesigen Menschenmenge das Wort ergriff, zum Staatsfeind erklärt, ihn jahrelang verfolgt und schikaniert, ihn wie einen Verbrecher gefangen gehalten. Doch er hatte nicht nachgegeben, sich nicht mit der Macht arrangiert, sich nicht korrumpieren lassen.

          Er hatte den ideologischen Schleier zerrissen

          Durch legitimes Handeln hatte er die Legitimität des Systems in Frage gestellt und den ideologischen Schleier zerrissen, der die Gewalt des Systems verhüllte. Bis 1989 hatte seine Biographie in der exemplarischen Inszenierung eines bürgerlichen Lebens unter realsozialistischen Bedingungen bestanden. Der junge Havel war ein Dandy gewesen. In einer sozialistischen Gesellschaft ist Dandytum reinste Subversion, weil es den Individualismus zelebriert, den das Kollektiv als asozial brandmarkt.

          „Alles, womit der Mensch seine im voraus bestimmte Stellung überschreitet, betrachtet das System als Angriff gegen sich selbst. Und es hat recht: in der Tat widerlegt jede solche Überschreitung das System als Prinzip“, schrieb er in seinem wichtigsten politischen Text vor der Wende, dem „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ (1978).

          Havel ist wohlbehütet aufgewachsen

          Václav Havel war zwölf, als die Kommunisten in der Tschechoslowakei ihre Alleinherrschaft errichteten. Geboren am 5. Oktober 1936 in Prag, war er als wohlbehütetes Kind großbürgerlicher Eltern aufgewachsen. Die Jahre des Terrors, die auf Enteignung und Entrechtung folgten, überstand seine Familie in einer jener Nischen, die das Regime für den Rückzug ins Private offenließ. Freunde des jungen „Vaek“, der einen Kreis literarisch interessierter Jugendlicher inspirierte (die sogenannten „Sechsunddreißiger“), faszinierte er mit seinem Charme und seinem Talent, das Leben wie ein Schauspiel zu inszenieren.

          In der Kunst, sich in unterschiedlichen Rollen (Dandy, Schriftsteller, Dissident, Präsident) darzustellen, brachte er es zu solcher Perfektion, dass die Persönlichkeit hinter diesen Rollen für das Publikum kaum noch zu erkennen war. „Das Thema der menschlichen Identität“, schrieb er 1982 seiner Frau Olga aus dem Gefängnis, „ist von jeher wesenhaft mit dem Phänomen des Theaters verbunden“.

          Seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte Havel 1956 auf einer Tagung junger Schriftsteller auf Schloss Dobříš. Das war das Jahr, in dem der 20. Parteitag der KPdSU das totalitäre Kapitel in der Geschichte des sowjetischen Imperiums beendete. Im posttotalitären System, das nunmehr seine Lebenswelt begrenzte, war der offene Terror eine Ausnahme. Das Verhältnis zwischen dem kommunistischen Machtapparat und den Bürgern regelte ein „Gesellschaftsvertrag“, der den Bürgern private Freiräume konzedierte, sofern sie sich politischer Betätigung enthielten.

          Der Bürger, schrieb Havel, muss „die Lüge nicht akzeptieren. Es reicht, dass er das Leben mit ihr und in ihr akzeptiert. Schon damit nämlich bestätigt er das System, erfüllt es, macht es – er ist das System“. Die Unterschiede zwischen Tätern, Mitläufern und jenen, die versuchten, ihr eigenes Leben zu leben, so gut es eben ging, hielt Havel für nahezu irrelevant. Alle seien „für den Gang der totalitären Maschinerie verantwortlich, niemand ist nur ihr Opfer, sondern alle sind wir zugleich ihre Mitschöpfer“, sollte er 1990 in seiner ersten Neujahrsansprache als Präsident sagen.

          Der Lüge erteilte er eine moralische Absage

          Wer wollte in dieser sanften Revolution dann noch nach Schuldigen fahnden? Havels moralische Absage an die Lüge des Systems, sein „Versuch, in Wahrheit zu leben“ schöpfte tief aus der hussitischen Quelle des tschechischen Selbstverständnisses: „Suche die Wahrheit, höre die Wahrheit, lerne die Wahrheit, liebe die Wahrheit, sprich die Wahrheit, bleib bei der Wahrheit, verteidige die Wahrheit bis zum Tod“.

          Politik definierte er als „Moral in Aktion“, als „die Kunst, sich selbst und die Welt besser zu machen“. Die platonische Auffassung der Wahrheit als Staatszweck ordnete er ein in die „Tradition von Kyrill und Method über Hus bis zu Masarýk, Stefaník und Patočka“. In den Augen der Tschechen schloss sich ein Kreis: auf den „Philosophen-Präsidenten“ Masarýk am Anfang des Jahrhunderts folgte der „Schriftsteller-Präsident“ Havel an seinem Ende.

          Was dazwischen lag, konnte nun ausgeklammert und abgelegt werden als ein dunkles, tragisches, niemals von der tschechischen Nation erzeugtes, sondern erlittenes, ihr zuerst von den Deutschen, dann von den Russen aufgezwungenes Übel. Nicht auf politische Ursachenforschung, sondern auf „die Perspektive einer sittlichen Rekonstitution der Gesellschaft“ kam es Havel an. In der programmatischen Erklärung des Bürgerforums (OH) vom 26. November 1989 wurde die Krise des Landes – in dieser Reihenfolge – als „tiefe moralische, geistige, ökologische, soziale“ beschrieben, dann erst als „ökonomische und politische“.

          Totalitarismus als Ausdruck einer Krise der Zivilisation

          Havel propagierte eine „existentielle Revolution“, eine „neue Erfahrung des Seins“, die „Erneuerung der Verankerung im Universum“. Der Totalitarismus war ihm Ausdruck einer existentiellen Schieflage, extremste Erscheinungsform einer tiefen Krise der westlichen Zivilisation. Eine zweite Traditionslinie wird hier sichtbar, die von Havels verehrtem Lehrer Jan Patočka über Hannah Arendt zurück zu Heidegger führt.

          „Die planetare Krise der menschlichen Situation durchdringt freilich die westliche Welt genauso wie die unsere, nur dass sie dort andere gesellschaftliche und politische Formen annimmt“: Sätze wie dieser machen die Anziehungskraft verständlich, die Havel im politikverdrossenen und von moralischen Selbstzweifeln befallenen Westen ausüben sollte, als der ideologische Bankrott des Marxismus nicht mehr geleugnet werden konnte und sich die Utopie um neue Kleider umsehen musste. Im tschechischen Diskurs bestätigten sie die moralische Mission, die sich die Nation selbst zuschreibt und in der sie den Sinn ihrer Geschichte zu erkennen vermeint.

          Der Kommunismus wurde ausgesondert

          Im November 1989, als das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei implodierte, rekonstruierte sich die Nation zunächst nicht auf der Grundlage eines politischen Programms, sondern einer Wertordnung, die als eigentümlich „tschechische“ verstanden wurde. Der Kommunismus wurde aus der Nationalgeschichte ausgesondert, als von einem Systemwechsel zum Kapitalismus noch gar nicht die Rede war.

          Noch am 23. und 24. November 1989 hatte das Institut für die Untersuchung der Öffentlichen Meinung (UVVM) eine Umfrage durchgeführt, in der sich 45 Prozent „für den sozialistischen Weg“ aussprachen, drei Prozent „für den kapitalistischen“ und 47 Prozent „für etwas dazwischen“. Die Hoffnung, dass nun, ähnlich wie im Prager Frühling, etwas Neues, bisher nicht Gekanntes, noch nicht einmal Definierbares entstehen könnte, das die Vorteile beider Systeme bündelt und zugleich Freiheit und Sicherheit garantiert, war nicht auf Havel und den kleinen Kreis der Dissidenten beschränkt.

          Zum Problem wurde das erst in den Mühen der Ebene. Die „Charta 77“ war ein Zweckbündnis gewesen zwischen Intellektuellen mit sehr unterschiedlichen Ansichten auf der einen und Reformkommunisten auf der anderen Seite. Die Gemeinsamkeiten beschränkten sich auf die Ablehnung des Regimes und die Forderung nach Respektierung der Menschenrechte. Im Bürgerforum gab es Sozialisten, Christdemokraten, Liberale, Kommunisten.

          Havel begann mit harter Hand zu regieren

          Havel, der Ende Dezember in der Prager Burg einzog und dort mit viel Enthusiasmus und harter Hand zu regieren begann, wollte diese lose Form der Organisation bewahren und die Herausbildung von politischen Parteien oder auch nur festen ideologischen Kernen verhindern. Wechselnde Arbeitsgruppen, Klubs und bunte Initiativen aller Art sollten den Schwung erhalten, die Führung sollte dem Machtzentrum der Burg vorbehalten bleiben. Mit der Lösung konkreter Fragen sollten sich die „Techniker“ beschäftigen. Unter ihnen Václav Klaus, ein Ökonom des Prognostischen Instituts der Akademie der Wissenschaften, über den Havel damals im Gespräch mit dem Reformkommunisten Valtr Komarek einmal bemerkt haben soll: „Klaus wird allem zustimmen, was Sie ihm sagen oder was ich ihm sage“.

          Ein Jahr später war das Bürgerforum zertrümmert und die von Klaus gegründete Demokratische Bürgerpartei (ODS) die stärkste politischen Kraft. Klaus strebte die parlamentarische und marktwirtschaftliche Normalität an, die Havel ein Greuel war. Er legte ein Programm der politischen und ökonomischen Transition vor, an dem er mit einem kleinen Kreis von liberalen Ökonomen seit Jahren gearbeitet hatte. Was sich zunächst ausnahm wie eine persönliche Rivalität zwischen Klaus und Havel, schlug um in einen Kampf um die Macht.

          Formen und Anlässe wechselten, aber stets ging es um die Austragung des Grundsatzkonfliktes zwischen Havels „Bürgergesellschaft“ und einer klassischen Parteiendemokratie. Auf Jahre hinaus belastete dieser fruchtlose Streit, bei dem Havel nicht gewinnen und Klaus sich nicht durchsetzen konnte, die junge Demokratie. Er behinderte das Wechselspiel der Parteien auf parlamentarischen Boden und ließ politische Konflikte in Verfassungskonflikte ausufern. Die Diskreditierung demokratischer Verfahren war die Folge.

          Nationale Interessen irritierten ihn

          Manchmal stand sich Havel selbst im Weg. Als er sich auf seiner ersten Auslandsreise als Präsident moralisch von der Vertreibung der Deutschen distanzierte, brachte ihm das in Deutschland Beifall ein, schwächte aber seine Position im Lande. In der Folge distanzierte er sich immer mehr von dieser Distanzierung und äußerste sich schließlich gar nicht mehr zu diesem Thema. Es irritierte ihn, wenn es um nationale Interessen ging. Den Zerfall des gemeinsamen Staates der Tschechen und Slowaken erlebte er als Niederlage; in der Emanzipation der Slowaken sah er nicht eine Folge der Demokratisierung, sondern ein historisches Missgeschick, das beide Völker vom Ziel der sittlich erneuerten und national indifferenten Gesellschaft entfernte.

          Als er als tschechischer Präsident wiedergewählt wurde, hatte es zunächst den Anschein, als würde er sich nun auf die repräsentativen Aufgaben eines Staatsoberhauptes beschränken. Aber noch einmal verwandelte er die Prager Burg in ein Machtzentrum für seinen aussichtslosen Kampf gegen eine Gesellschaft, die nicht bereit war, auf materielle Werte zu verzichten und sich geistig-sittlich zu erneuern. 2003 endete seine Präsidentschaft nach mehr als zwölf Jahren. Dass an seine Stelle ausgerechnet Klaus trat, sein ewiger Widersacher, hat er nicht verwinden können.

          Havel, der Präsident, wurde wieder zu Havel, dem Dissidenten. Seit November 1996, als ihm ein bösartiger Tumor und die Hälfte des rechten Lungenflügels entfernt werden musste, führte er einen ständigen Kampf gegen seine Krankheit. Jede Entzündung der Atemwege konnte ihn auf Tage oder Wochen der Öffentlichkeit entziehen. Die Zeit, die ihm blieb, widmete er der Literatur und seinem Einsatz für die Menschenrechte, von China bis Kuba, von Burma bis Weißrussland. Immer seltener kam er in die Hauptstadt, immer mehr Zeit verbrachte er in seinem Bauernhaus in Hradeek. Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte er vor einer Woche in Prag, als er gemeinsam mit dem Dalai Lama einen Aufruf für die Freiheit der Völker der Welt unterzeichnete. Seine zweite Frau Dagmar war bei ihm, als er am Sonntagmorgen friedlich entschlief.

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