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Zum Tode von Václav Havel : Das Leben in der Wahrheit

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Ein Jahr später war das Bürgerforum zertrümmert und die von Klaus gegründete Demokratische Bürgerpartei (ODS) die stärkste politischen Kraft. Klaus strebte die parlamentarische und marktwirtschaftliche Normalität an, die Havel ein Greuel war. Er legte ein Programm der politischen und ökonomischen Transition vor, an dem er mit einem kleinen Kreis von liberalen Ökonomen seit Jahren gearbeitet hatte. Was sich zunächst ausnahm wie eine persönliche Rivalität zwischen Klaus und Havel, schlug um in einen Kampf um die Macht.

Formen und Anlässe wechselten, aber stets ging es um die Austragung des Grundsatzkonfliktes zwischen Havels „Bürgergesellschaft“ und einer klassischen Parteiendemokratie. Auf Jahre hinaus belastete dieser fruchtlose Streit, bei dem Havel nicht gewinnen und Klaus sich nicht durchsetzen konnte, die junge Demokratie. Er behinderte das Wechselspiel der Parteien auf parlamentarischen Boden und ließ politische Konflikte in Verfassungskonflikte ausufern. Die Diskreditierung demokratischer Verfahren war die Folge.

Nationale Interessen irritierten ihn

Manchmal stand sich Havel selbst im Weg. Als er sich auf seiner ersten Auslandsreise als Präsident moralisch von der Vertreibung der Deutschen distanzierte, brachte ihm das in Deutschland Beifall ein, schwächte aber seine Position im Lande. In der Folge distanzierte er sich immer mehr von dieser Distanzierung und äußerste sich schließlich gar nicht mehr zu diesem Thema. Es irritierte ihn, wenn es um nationale Interessen ging. Den Zerfall des gemeinsamen Staates der Tschechen und Slowaken erlebte er als Niederlage; in der Emanzipation der Slowaken sah er nicht eine Folge der Demokratisierung, sondern ein historisches Missgeschick, das beide Völker vom Ziel der sittlich erneuerten und national indifferenten Gesellschaft entfernte.

Als er als tschechischer Präsident wiedergewählt wurde, hatte es zunächst den Anschein, als würde er sich nun auf die repräsentativen Aufgaben eines Staatsoberhauptes beschränken. Aber noch einmal verwandelte er die Prager Burg in ein Machtzentrum für seinen aussichtslosen Kampf gegen eine Gesellschaft, die nicht bereit war, auf materielle Werte zu verzichten und sich geistig-sittlich zu erneuern. 2003 endete seine Präsidentschaft nach mehr als zwölf Jahren. Dass an seine Stelle ausgerechnet Klaus trat, sein ewiger Widersacher, hat er nicht verwinden können.

Havel, der Präsident, wurde wieder zu Havel, dem Dissidenten. Seit November 1996, als ihm ein bösartiger Tumor und die Hälfte des rechten Lungenflügels entfernt werden musste, führte er einen ständigen Kampf gegen seine Krankheit. Jede Entzündung der Atemwege konnte ihn auf Tage oder Wochen der Öffentlichkeit entziehen. Die Zeit, die ihm blieb, widmete er der Literatur und seinem Einsatz für die Menschenrechte, von China bis Kuba, von Burma bis Weißrussland. Immer seltener kam er in die Hauptstadt, immer mehr Zeit verbrachte er in seinem Bauernhaus in Hradeek. Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte er vor einer Woche in Prag, als er gemeinsam mit dem Dalai Lama einen Aufruf für die Freiheit der Völker der Welt unterzeichnete. Seine zweite Frau Dagmar war bei ihm, als er am Sonntagmorgen friedlich entschlief.

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