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Zum Tode von Václav Havel : Das Leben in der Wahrheit

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Totalitarismus als Ausdruck einer Krise der Zivilisation

Havel propagierte eine „existentielle Revolution“, eine „neue Erfahrung des Seins“, die „Erneuerung der Verankerung im Universum“. Der Totalitarismus war ihm Ausdruck einer existentiellen Schieflage, extremste Erscheinungsform einer tiefen Krise der westlichen Zivilisation. Eine zweite Traditionslinie wird hier sichtbar, die von Havels verehrtem Lehrer Jan Patočka über Hannah Arendt zurück zu Heidegger führt.

„Die planetare Krise der menschlichen Situation durchdringt freilich die westliche Welt genauso wie die unsere, nur dass sie dort andere gesellschaftliche und politische Formen annimmt“: Sätze wie dieser machen die Anziehungskraft verständlich, die Havel im politikverdrossenen und von moralischen Selbstzweifeln befallenen Westen ausüben sollte, als der ideologische Bankrott des Marxismus nicht mehr geleugnet werden konnte und sich die Utopie um neue Kleider umsehen musste. Im tschechischen Diskurs bestätigten sie die moralische Mission, die sich die Nation selbst zuschreibt und in der sie den Sinn ihrer Geschichte zu erkennen vermeint.

Der Kommunismus wurde ausgesondert

Im November 1989, als das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei implodierte, rekonstruierte sich die Nation zunächst nicht auf der Grundlage eines politischen Programms, sondern einer Wertordnung, die als eigentümlich „tschechische“ verstanden wurde. Der Kommunismus wurde aus der Nationalgeschichte ausgesondert, als von einem Systemwechsel zum Kapitalismus noch gar nicht die Rede war.

Noch am 23. und 24. November 1989 hatte das Institut für die Untersuchung der Öffentlichen Meinung (UVVM) eine Umfrage durchgeführt, in der sich 45 Prozent „für den sozialistischen Weg“ aussprachen, drei Prozent „für den kapitalistischen“ und 47 Prozent „für etwas dazwischen“. Die Hoffnung, dass nun, ähnlich wie im Prager Frühling, etwas Neues, bisher nicht Gekanntes, noch nicht einmal Definierbares entstehen könnte, das die Vorteile beider Systeme bündelt und zugleich Freiheit und Sicherheit garantiert, war nicht auf Havel und den kleinen Kreis der Dissidenten beschränkt.

Zum Problem wurde das erst in den Mühen der Ebene. Die „Charta 77“ war ein Zweckbündnis gewesen zwischen Intellektuellen mit sehr unterschiedlichen Ansichten auf der einen und Reformkommunisten auf der anderen Seite. Die Gemeinsamkeiten beschränkten sich auf die Ablehnung des Regimes und die Forderung nach Respektierung der Menschenrechte. Im Bürgerforum gab es Sozialisten, Christdemokraten, Liberale, Kommunisten.

Havel begann mit harter Hand zu regieren

Havel, der Ende Dezember in der Prager Burg einzog und dort mit viel Enthusiasmus und harter Hand zu regieren begann, wollte diese lose Form der Organisation bewahren und die Herausbildung von politischen Parteien oder auch nur festen ideologischen Kernen verhindern. Wechselnde Arbeitsgruppen, Klubs und bunte Initiativen aller Art sollten den Schwung erhalten, die Führung sollte dem Machtzentrum der Burg vorbehalten bleiben. Mit der Lösung konkreter Fragen sollten sich die „Techniker“ beschäftigen. Unter ihnen Václav Klaus, ein Ökonom des Prognostischen Instituts der Akademie der Wissenschaften, über den Havel damals im Gespräch mit dem Reformkommunisten Valtr Komarek einmal bemerkt haben soll: „Klaus wird allem zustimmen, was Sie ihm sagen oder was ich ihm sage“.

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