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Zum Tode von Václav Havel : Das Leben in der Wahrheit

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Havel ist wohlbehütet aufgewachsen

Václav Havel war zwölf, als die Kommunisten in der Tschechoslowakei ihre Alleinherrschaft errichteten. Geboren am 5. Oktober 1936 in Prag, war er als wohlbehütetes Kind großbürgerlicher Eltern aufgewachsen. Die Jahre des Terrors, die auf Enteignung und Entrechtung folgten, überstand seine Familie in einer jener Nischen, die das Regime für den Rückzug ins Private offenließ. Freunde des jungen „Vaek“, der einen Kreis literarisch interessierter Jugendlicher inspirierte (die sogenannten „Sechsunddreißiger“), faszinierte er mit seinem Charme und seinem Talent, das Leben wie ein Schauspiel zu inszenieren.

In der Kunst, sich in unterschiedlichen Rollen (Dandy, Schriftsteller, Dissident, Präsident) darzustellen, brachte er es zu solcher Perfektion, dass die Persönlichkeit hinter diesen Rollen für das Publikum kaum noch zu erkennen war. „Das Thema der menschlichen Identität“, schrieb er 1982 seiner Frau Olga aus dem Gefängnis, „ist von jeher wesenhaft mit dem Phänomen des Theaters verbunden“.

Seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte Havel 1956 auf einer Tagung junger Schriftsteller auf Schloss Dobříš. Das war das Jahr, in dem der 20. Parteitag der KPdSU das totalitäre Kapitel in der Geschichte des sowjetischen Imperiums beendete. Im posttotalitären System, das nunmehr seine Lebenswelt begrenzte, war der offene Terror eine Ausnahme. Das Verhältnis zwischen dem kommunistischen Machtapparat und den Bürgern regelte ein „Gesellschaftsvertrag“, der den Bürgern private Freiräume konzedierte, sofern sie sich politischer Betätigung enthielten.

Der Bürger, schrieb Havel, muss „die Lüge nicht akzeptieren. Es reicht, dass er das Leben mit ihr und in ihr akzeptiert. Schon damit nämlich bestätigt er das System, erfüllt es, macht es – er ist das System“. Die Unterschiede zwischen Tätern, Mitläufern und jenen, die versuchten, ihr eigenes Leben zu leben, so gut es eben ging, hielt Havel für nahezu irrelevant. Alle seien „für den Gang der totalitären Maschinerie verantwortlich, niemand ist nur ihr Opfer, sondern alle sind wir zugleich ihre Mitschöpfer“, sollte er 1990 in seiner ersten Neujahrsansprache als Präsident sagen.

Der Lüge erteilte er eine moralische Absage

Wer wollte in dieser sanften Revolution dann noch nach Schuldigen fahnden? Havels moralische Absage an die Lüge des Systems, sein „Versuch, in Wahrheit zu leben“ schöpfte tief aus der hussitischen Quelle des tschechischen Selbstverständnisses: „Suche die Wahrheit, höre die Wahrheit, lerne die Wahrheit, liebe die Wahrheit, sprich die Wahrheit, bleib bei der Wahrheit, verteidige die Wahrheit bis zum Tod“.

Politik definierte er als „Moral in Aktion“, als „die Kunst, sich selbst und die Welt besser zu machen“. Die platonische Auffassung der Wahrheit als Staatszweck ordnete er ein in die „Tradition von Kyrill und Method über Hus bis zu Masarýk, Stefaník und Patočka“. In den Augen der Tschechen schloss sich ein Kreis: auf den „Philosophen-Präsidenten“ Masarýk am Anfang des Jahrhunderts folgte der „Schriftsteller-Präsident“ Havel an seinem Ende.

Was dazwischen lag, konnte nun ausgeklammert und abgelegt werden als ein dunkles, tragisches, niemals von der tschechischen Nation erzeugtes, sondern erlittenes, ihr zuerst von den Deutschen, dann von den Russen aufgezwungenes Übel. Nicht auf politische Ursachenforschung, sondern auf „die Perspektive einer sittlichen Rekonstitution der Gesellschaft“ kam es Havel an. In der programmatischen Erklärung des Bürgerforums (OH) vom 26. November 1989 wurde die Krise des Landes – in dieser Reihenfolge – als „tiefe moralische, geistige, ökologische, soziale“ beschrieben, dann erst als „ökonomische und politische“.

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