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Zum Tode von Teddy Kollek : Vater Jerusalems

Teddy Kollek (1911 - 2007) Bild: dpa

Er rettete Juden aus Nazi-Deutschland und verhandelte mit Adolf Eichmann. Er kaufte Waffen in Amerika und wurde Israels Botschafter in Washington. 28 Jahre lang war er Bürgermeister von Jerusalem. Teddy Kollek starb im Alter von 95 Jahren.

          Während seiner Amtszeit fiel die Mauer, die Jerusalem teilte. Heute trennt eine neue den arabischen vom jüdischen Teil. Ein besseres Zusammenleben von Juden, Muslimen und Christen war eines der wichtigsten Ziele Teddy Kolleks. Als ein „Vater Jerusalems“ wurde er deshalb schon zu Lebzeiten gewürdigt. Er prägte die Stadt, deren Oberbürgermeister er 28 Jahre lang war, wie wohl kein anderer. Als „Bauherr des modernen Jerusalems“ will ihn Ministerpräsident Olmert, gegen den er 1993 in der Kommunalwahl verlor, in Erinnerung behalten.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Kollek blieb auch nach der Wahlniederlage seinen Zielen treu. Bis zuletzt engagierte er sich in der 1966 von ihm gegründeten Jerusalem-Stiftung, die sich für die Erhaltung der Stadt einsetzt und die gute Nachbarschaft aller ihrer Einwohner fördern will. Das Israel-Museum, das Jerusalem-Theater, die Cinemathèque, das Teddy-Stadion und die Ostjerusalemer Stadtbibliothek sind nur einige Beispiele für seine rastlosen Aktivitäten. Für sie fand er auch Unterstützung in Deutschland, wo er mit dem Großen Bundesverdienstkreuz und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt wurde.

          Überzeugter Zionist

          Kollek war drei Jahre im Amt, als 1968 nach dem Sechstagekrieg die Mauer zwischen dem jordanischen und dem israelischen Teil Jerusalems abgerissen wurde. Danach wollte er sogar Jerusalem und Bethlehem zu einer Einheit zusammenfassen, weil er das christliche Erbe beider Städte wahren wollte. Heute trennt eine neue und viel höhere Betonmauer Jerusalem von Bethlehem, wohin kaum noch Pilger und Israelis kommen.

          1984 mit Bundeskanzler Helmut Kohl

          Klar war für Kollek von Anfang an, dass Jerusalem vor allem Israels Hauptstadt ist. Die arabischen Einwohner sollten sie als Minderheit bereichern, aber allenfalls das Recht zur Selbstverwaltung erhalten. Er war ein überzeugter Zionist, der den Palästinensern zwar menschlich gegenübertrat, sie aber nicht als gleichberechtigte Partner ansah. „Wir haben bewiesen, dass Jerusalem geeint eine bessere Stadt ist als geteilt“, sagte er einmal rückblickend.

          Kollek wurde am 27. Mai 1911 in einem Dorf bei Budapest als Sohn eines Bankiers geboren und wuchs in Wien auf. 1935 wanderte er mit seiner Familie nach Palästina aus. Am Ostufer des Sees Genezareth lebte er zunächst im Kibbuz Ein Gev, zu dessen Gründern er gehörte. Während des Zweiten Weltkrieges organisierte Kollek von London aus Rettungsaktionen für Juden in Deutschland und der Tschechoslowakei. In Verhandlungen mit Adolf Eichmann, der damals die Gestapo-Stelle für die Auswanderung von Juden aus Österreich leitete, erreichte er die Freilassung von dreitausend jungen KZ-Häftlingen, die dann nach Palästina auswandern durften.

          Als Botschafter nach Washington

          1940 lernte er in London David Ben Gurion kennen, den damaligen Leiter der Jewish Agency, mit dem er fortan eng zusammenarbeitete. Unter anderem organisierte er für ihn jüdische Untergrundaktivitäten in Mittel- und Osteuropa und reiste 1947/48 nach Amerika, um Waffen zu kaufen. Dort war er dann 1950 auch israelischer Botschafter, bevor er von 1952 bis 1964 Ben Gurions Büro leitete. 1965 trat er mit einer Abspaltung der Arbeiterpartei bei der Wahl für das Bürgermeisteramt von Jerusalem an.

          Auch als Stadtoberhaupt suchte Kollek, der Hebräisch mit einem hörbar österreichischen Akzent sprach, die Nähe zu den Bürgern. Ohne Leibwächter war er in Jerusalem unterwegs. Für Beschwerden und Anregungen ließ er seine private Telefonnummer ins Jerusalemer Telefonbuch eintragen.

          „Teddy“ lebte zurückgezogen

          Zuletzt war es um den früheren Bürgermeister, der im Mai 95 Jahre alt geworden ist, jedoch still geworden. Kollek, der sich am liebsten „Teddy“ nennen ließ, lebte zurückgezogen. Sein wirklicher Vorname war Theodor; sein Vater hatte ihn nach dem Begründer des modernen Zionismus, Theodor Herzl, benannt.

          Am Donnerstag soll Kollek, der am Dienstag morgen starb, auf dem Herzlberg in Jerusalem beigesetzt werden, auf dem auch Theodor Herzl seine letzte Ruhestätte gefunden hat.

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