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Zum Tode von Muhammad Shahrour : Islamischer Aufklärer

Muhammad Shahrours 1990 erschienenes Hauptwerk „Das Buch und der Koran. Eine zeitgenössische Lesart“ war nicht allein in Saudi-Arabien verboten. Bild: AFP

Muhammad Shahrour war eine mächtige Stimme der neuen islamischen Linken und Liberalen gegen die erstarkte islamistische Bewegung. Jetzt ist er in Abu Dhabi gestorben.

          3 Min.

          Bei den traditionellen islamischen Religionsgelehrten ist Muhammad Shahrour verhasst, und sein 1990 erschienenes Hauptwerk „Das Buch und der Koran. Eine zeitgenössische Lesart“ war nicht allein in Saudi-Arabien verboten. Dutzende Erwiderungen hatte es ausgelöst. Schließlich war der 1938 in Damaskus geborene Shahrour ein Bauingenieur, der zunächst in Moskau studiert hatte, in Dublin promoviert wurde und bis zum Jahr 2000 in Damaskus als Professor für Bauwesen lehrte.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Seiner Religion begegnete der fromme Muslim mit naturwissenschaftlicher Methodik, und während seiner langen Studienjahre im Ausland beschäftigte er sich auch mit Philosophie. Besonders beeinflusste ihn der Brite Alfred North Whitehead. Wie für viele Araber war für ihn die verheerende Niederlage der arabischen Welt 1967 im Sechstagekrieg gegen Israel ein Wendepunkt. Nun dachte er über den Zustand der arabischen Welt nach, nach mehr als 20 Jahren intensiven Forschens erschien sein Werk „Das Buch und der Koran“. Mit ihm wurde Shahrour eine mächtige Stimme der neuen islamischen Linken und Liberalen, die sich der erstarkten islamistischen Bewegung entgegenstellt, die sich auf einen traditionellen Islam beruft. 

          Dabei haben Shahrour und die meisten zeitgenössischen traditionellen Religionsgelehrten denselben Ausgangspunkt. Nur blieb Shahrour dort nicht stehen. Wie sie unterscheidet auch er zwischen den ewiggültigen Grundlagen der Religion und den zeit- und ortsgebundenen Rechtsvorschriften, die aus ersteren abgeleitet werden. Die Prophetie, die Shahrour die Kategorie des „Seins“ nennt, sei göttlich und absolut; die Botschaft, für Shahrour das „Werden“, bestehe hingegen aus normativen Bestimmungen, die zu befolgen oder nicht zu befolgen der Mensch frei sei. Auch das Verständnis des koranischen Textes sei stets im Fluss und im Werden.

          Von dem Punkt an setzt sich Shahrour von den traditionellen Religionsgelehrten ab. Der islamischen Jurisprudenz wirft er vor, den Prozess des Werdens im achten Jahrhundert eingefroren zu haben. Denn deren Begründer Muhammad al Shafii habe den Hadith, also die Worte und Taten des Propheten Muhammads, die in einem konkreten historischen Kontext erfolgt sind, zur unveränderlichen Grundlage der islamischen Rechtsprechung gemacht. Alles wurde nun mit Analogien zu Muhammad begründet, das Verbotene (haram) rückte in den Vordergrund. Dieser Islam wurde zum Mittel der Herrschaft, und dieses „despotische Islamverständnis“, so Shahrour, habe sich, gepaart mit einer Unterwürfigkeit gegenüber den Autoritäten, bis heute erhalten.

          Shahrours „Theorie der Grenzen“ eignet sich, um sein neues Islamverständnis aufzuzeigen. Dem Islam hängen im Westen wie ein Mühlstein die „Hadd-Strafen“ an. So schreibt Koran 5:38 vor, einem Dieb die Hände abzuhacken. Shahrour erinnert aber daran, dass das arabische Wort „Hadd“ Grenze bedeutet.  Koranische Vorschriften seien kein eindeutiges Gebot Gottes, sondern die von Gott gesetzte Grenze. Das Abhacken der Hand sei nur die höchste denkbare Strafe, und die Aufforderung zur Verschleierung der Frau nur eine denkbare Möglichkeit, sich zu kleiden.

          Schließlich liege dem Koran der Gedanke zugrunde, dass der Mensch frei sei, zu wählen. Wo die Grenze gezogen wird, habe ein demokratisch gewähltes Parlament festzulegen. Und sobald der Muslim die Idee der Wahlfreiheit verinnerlicht habe, sei der Weg zur Demokratie ein leichtes. Konsequent fordert Shahrour vor einer politischen Reform der arabischen Welt eine religiöse Reform, denn der Islam sei ja die dominierende normative Kraft des Nahen Ostens. Sprengkraft hat ebenfalls, wenn Shahrour schreibt, dass Juden, Christen und Muslime vor Gott gleich seien.

          Shahrours Hauptwerk hat, neben den zahlreichen Anfeindungen, in der arabischen Welt eine lebhafte Debatte ausgelöst. Mitstreiter wie der Ägypter Nasr Abu Zaid mussten ins Exil, Shahrour konnte weiter in dem religiös relativ freien Syrien leben. Die Debatte, die er anstieß, führte dazu, dass sich der konservative und traditionelle Islam in Syrien stärker als in anderen Ländern von extremistischen Strömungen abgegrenzt hat. Shahrour erreicht mit seinem Denken vor allem Intellektuelle. Er zeigt jedoch, dass Veränderungen im Islam, sollen sie dauerhaft sein, von innen erfolgen müssen. Das ist auch eine Lektion für jene hierzulande, die gerne ihre Vorstellung vom Islam zur Blaupause dessen machen, wie der Islam auszusehen habe. Zuletzt lebte Shahrour in Abu Dhabi, wo er eine Fernsehsendung zum Islam moderierte. Am 22. Dezember ist er dort gestorben.

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