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Zum Tode von Ibrahim Rugova : Politischer und moralischer Führer

Von Kompromissen wollte Rugova nichts wissen Bild: dpa/dpaweb

Blutige Konflikte hat Ibrahim Rugova in seinem Leben oft erlebt. Dennoch oder gerade deshalb verschrieb sich der erklärte Pazifist und praktizierende Machtmensch dem gewaltlosen Widerstand gegen die serbische Apartheidspolitik im Kosovo.

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          Als Ibrahim Rugova Anfang Dezember 1944 geboren wurde, war die Wehrmacht noch nicht lange fort aus dem Kosovo. Die Besatzung durch Deutsche und Italiener hatte die Mehrheit der Albaner im ersten Jugoslawien als Befreiung begrüßt. Nicht wenige kollaborierten und nutzten die Okkupationszeit im Kosovo, um viele tausend slawische Kolonisten zu vertreiben oder zu töten. Dann kamen die kommunistischen, serbisch dominierten Partisanen, gegen die kämpfend Rugovas Vater - Patriarch eines recht wohlhabenden Klans - sein Leben ließ.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Als Ibrahim Rugova Student der Literaturwissenschaft in Prishtina war, wütete in seiner Heimat der großserbische Geheimdienstchef Aleksandar Rankovic, ein Vorläufer Milosevics. Zur gleichen Zeit errichtete der kommunistische Staat in der zurückgebliebenen Provinz aber auch Straßen, Schulen, Fabriken und Krankenhäuser.

          Nach Rankovics Absetzung durch Tito 1966 hatte es zwar mit willkürlichen Verhaftungen und der Ermordung von "unzuverlässigen" Albanern eine Ende, doch schon zwei Jahre später kam es zu von nationalistischen Tönen begleiteten Studentenunruhen in Prishtina, die auf andere Städte der Provinz übergriffen und als erste blutige Massendemonstration in dem kommunistischen Vielvölkerreich gelten. Mitte der siebziger Jahre, Rugova studierte damals in Paris Literaturwissenschaft, wurde der schleichende wirtschaftliche Verfall Jugoslawiens unübersehbar. Es gab weniger zu verteilen, man suchte die Schuld für die Löcher im Portemonnaie bei dem jeweils anderen Volk, sah sich als Zahlmeister für den Rest. Kaum ein Jahr nach dem Tode Titos, Rugova lebte nun wieder im Kosovo, kam es im Frühling 1981 zu neuen Unruhen. Gefordert wurde damals - öffentlich jedenfalls - noch nicht staatliche Unabhängigkeit, sondern zunächst die Aufwertung zu einer jugoslawischen Teilrepublik. Nach einer letzten Atempause von wenigen Jahren begann dann der Aufstieg von Slobodan Milosevic und mit ihm der kriegerische Zerfall des Vielvölkerstaats der Südslawen, dem sich dessen albanische Bürger ohnehin nie recht verbunden gefühlt hatten.

          Blutige Konflikte oft erlebt

          Blutige Konflikte hat Ibrahim Rugova in seinem Leben oft erlebt. Dennoch oder gerade deshalb verschrieb sich der erklärte Pazifist und praktizierende Machtmensch dem gewaltlosen Widerstand gegen die serbische Apartheidspolitik im Kosovo. Er war Realist genug, um einen gewaltsamen Konflikt, den sein Volk damals auf jeden Fall verloren hätte, zu scheuen. Mit dem Aufbau des albanischen Schattenstaates nach der Aufhebung der Autonomie des Kosovos durch Milosevic 1989 wurde er nicht nur zum politischen, sondern auch zum moralischen Führer der Kosovo-Albaner. Unter Rugova, der seit 1990 in inoffiziellen Wahlen mehrmals zum Präsidenten der Kosovo-Albaner gewählt wurde, entstand eine Parallelverwaltung mit eigenem Schul- und Gesundheitssystem. All das brachte ihm freundlichen Beifall aus dem Ausland, den Toleranzpreis der Stadt Münster, den Sacharowpreis des Europäischen Parlaments, diverse Ehrendoktorhüte und weitere Trostpokale für die Galerie ein - nur die Unabhängigkeit des Kosovos rückte damit nicht näher. Erst nach 1996, als junge Männer im Kosovo damit begannen, albanische und serbische Repräsentanten des Belgrader Regimes zu ermorden, aber auch Zivilisten beider Völker nicht schonten, konnte die Staatengemeinschaft das Ausmaß des Konflikts nicht länger ignorieren. Die Freischärler der Befreiungsarmee Kosovo (UCK) provozierten ein Blutvergießen, um Serbien zu Vergeltungsschlägen und die Nato zum Eingreifen zu bewegen.

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