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Zum Tode Ronald Reagans : Der Glaube an einen neuen Morgen

  • Aktualisiert am

Ronald Reagan, 1911-2004 Bild: AP

Kalter Krieger, großer Kommunikator: Der frühere amerikanische Präsident Ronald Reagan ist im Alter von 93 Jahren gestorben. In Amtsinhaber George W. Bush hat er einen Wiedergänger gefunden.

          Sein politischer Ziehsohn ist der Sohn, nicht der Vater: Ronald Reagan, der 40. Präsident der Vereinigten Staaten, der am Samstag im Alter von 93 Jahren in Los Angeles gestorben ist, sollte seinen Wiedergänger nicht in seinem unmittelbaren Amtsnachfolger George H. W. Bush finden, sondern in George W. Bush, dem 43. Präsidenten.

          Es war nicht Bush Vater, der von 1980 bis 1988 Vizepräsident unter Ronald Reagan war, ehe er selbst endlich in dessen Fußstapfen treten und ins Weiße Haus einziehen konnte; es war Bush Sohn, der nach dem „Interregnum“ des Demokraten Bill Clinton zwischen 1992 und 2000, das Erbe der „Reagan-Revolution“ antreten sollte.

          Spott für einen mäßigen Schauspieler

          Tatsächlich sind die Parallelen auffällig, in der Innen- und der Wirtschafts- wie in der Außenpolitik. Und es bedarf keiner prophetischen Gabe, um vorherzusagen, daß die Diskrepanz der Wahrnehmung Ronald Reagans und George W. Bushs zwischen Europa und den Vereinigten Staaten so stark ist wie bei kaum einem anderen Präsidenten der jüngeren Vergangenheit. Welcher Spott ergoß sich 1980 aus Europa über die Vereinigten Staaten und ihre Wähler, als diese, statt den „Gutmenschen“ Jimmy Carter wiederzuwählen, einen aus 59 „B-Movies“ mäßig bekannten Schauspieler ins Weiße Haus schickten.

          Ronald Reagan, 1911-2004 Bilderstrecke

          Eigentlich dauert dieses europäische Kopfschütteln vielerorts bis heute an, weswegen man aus den acht Amtsjahren Reagans vor allem den Waffenschmuggelskandal der Iran-Nicaragua-Affäre und die „Operetteninvasion“ in Grenada 1983 in Erinnerung behalten hat. Daheim dagegen schied Reagan Anfang 1989 mit der höchsten Popularitätsrate aller Präsidenten der jüngeren Vergangenheit aus dem Amt, und bei Umfragen über die besten Präsidenten in der amerikanischen Geschichte liegt Reagan stets auf einem der vordersten Plätze.

          Wunschpräsidenten der konservativen Rechten

          Ronald Reagan und George W. Bush sind ihrer jeweiligen Epoche die Wunschpräsidenten der evangelikalen Christen und der konservativen Rechten, die nach der moralischen Erschütterung der Vietnam-Ära und gegen die liberale „Zersetzung“ des Wertesystems für eine moralische Erneuerung auf der Grundlage von Familie, Kirche und Nation eintreten.

          Reagan wie Bush stehen für eine Wirtschafts- und Finanzpolitik zur Stärkung der „Angebotsseite“, also der Förderung von Produktion und Leistung durch Minderung der Steuerlast und Kürzung der nicht mehr zu finanzierenden Sozialleistungen.

          Und sie stehen für eine „muskulöse“ Außenpolitik mit wachsenden Militärbudgets, einer offensiven Verteidigungsdoktrin und innovativer Waffentechnik. Reagans Parolen vom „Frieden durch Stärke“ und vom „Reich des Bösen“ - gemeint war die Sowjetunion als großer Widersacher des Kalten Krieges - finden ihren Widerhall in der Bush-Doktrin von der vorbeugenden Selbstverteidigung und in der Formel von der „Achse des Bösen“ - gemeint sind die „Schurkenstaaten“ Irak, Iran und Nordkorea.

          Ganz großer Hollywood-Star

          Als Reagan im November 1980 mit deutlicher Mehrheit den demokratischen Amtsinhaber Jimmy Carter schlug, befand sich das Land in einem schlechten Zustand. Die Inflationsrate lag bei 13,5 Prozent, die Kreditzinsen gar bei sagenhaften 21,5 Prozent. Ganz großer Hollywood-Star, ließ sich Reagan die Gala zu seiner Amtseinführung 16,5 Millionen Dollar kosten, und er schleuderte, ganz „Großer Kommunikator“, Sätze von sich wie jenen, daß „in der gegenwärtigen Krise die Regierung nicht die Lösung, sondern ein Teil des Problems ist“.

          Er versprach einen Abschied vom Verteilen staatlicher Wohlfahrtsleistungen nach dem Gießkannenprinzip, die Verschlankung der Bürokratie, die Förderung wirtschaftlicher Initiative durch die drastische Minderung der Steuerlast, die Erhöhung der Verteidigungsausgaben und die Wiedererrichtung des durch Selbstzweifel und außenpolitische Niederlagen wie die Geiselnahme von Teheran ins Wanken geratenen „all-amerikanischen“ Wertesystems.

          Die ersten Wochen von Reagans Amtszeit waren chaotisch, aber fulminant. Schon im Februar 1981 stellte er sein „Programm zur wirtschaftlichen Erneuerung“ vor, kündigte die Streichung von noch unter Carter geplanten Ausgaben im Umfang von 18,8 Milliarden Dollar und eine Kürzung der Einkommenssteuer um 30 Prozent in drei Jahren an. Dann kamen, am 30. März, die Schüsse eines geistig wirren Attentäters, die der Präsident wegsteckte, als spiele er wieder einmal eine Rolle in einem Western-Film. Zu den Ärzten sagte er kurz vor der Operation: „Ich hoffe, Ihr seid alle Republikaner“, und bei seiner Frau Nancy entschuldigte er sich: „Sorry, Schatz, ich hab' vergessen, mich zu ducken.“ Der mit 69 Jahren älteste Präsident, der je ins Weiße Haus gewählt wurde, überstand den Mordanschlag und genas vollständig.

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