https://www.faz.net/-gpf-6lgsn

Zum Tod von Richard Holbrooke : Voller Tatendrang und Ehrgeiz

  • Aktualisiert am

Der Architekt von Dayton: Richard Holbrooke beendete den Krieg in Bosnien-Hercegovina Bild: dpa

Nach seiner Selbsteinschätzung wäre er wohl selbst der beste Außenminister der Vereinigten Staaten gewesen. Richard Holbrooke diente seinem Land fast fünf Jahrzehnte als Diplomat, doch machte sich dabei nicht überall beliebt.

          Vielleicht hat Hillary Clinton Leben und Wirken Richard Holbrookes auf den Punkt gebracht, als sie sagte: Er war einzigartig, kein zweiter in der amerikanischen und in der internationalen Diplomatie war und wirbelte so wie er; brillant in der Analyse, flamboyant im Auftritt, treibend im Einsatz, oft wenig Rücksicht auf die eigene sowie die Leistungskraft seiner Mitarbeiter nehmend.

          Eine „Dampfwalze“ ist Richard Holbrooke genannt worden. Das Pendant seines Tatendrangs und seiner Agilität war eine das Publikum suchende Eitelkeit, die ebenso ausgeprägt war; sie schloss allemal die Selbsteinschätzung ein, der beste Außenminister der Vereinigten Staaten wäre er selbst gewesen.

          Mit der Stilisierung zur Übergröße, an der viele mitwirkten, machte er sich nicht überall beliebt, zum Beispiel bei den Regierungen in Vorderasien, mit denen er es zuletzt insbesondere zu tun hatte. Aber keinen Zweifel gibt es daran, dass sein Rat von Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten gesucht war, und er, der am Montag im Alter von 69 Jahren in Washington nach einem Riss in der Hauptschlagader gestorben ist, seinem Land fast fünf Jahrzehnte lang mit großem Einsatz, mit Leidenschaft und mit Erfolg gedient hat.

          „Undiplomatische” Äußerungen belasteten Holbrookes Amt als Sonderbeauftragter für Afghanistan und Pakistan

          Der Architekt von Dayton

          Verbunden bleibt der Name Holbrooke vor allem mit dem Abkommen von Dayton. Er war der Architekt dieser Übereinkunft – mit Leuten wie Carl Bildt und Wolfgang Ischinger als Ko-Architekten –, die den drei Jahre währenden Krieg in Bosnien-Hercegovina im Jahre 1995 beendete. Die Unterzeichnung dieses Abkommens jährte sich am Dienstag zum fünfzehnten Mal – es hat etwas Tragisches, dass Holbrooke am Tag zuvor starb. Ob die Übereinkunft den Konflikt gelöst hat, ist noch nicht abschließend entschieden.

          Zwar blieb Bosnien-Hercegovina nach „Dayton“ als Staat erhalten, aber seine einzelnen Landesteile entwickeln sich in verschiedene Richtungen. Das „Nationalbewusstsein“ vieler Einwohner orientiert sich auch heute noch mehr an der eigenen ethnischen Gemeinschaft als an dem abstrakt gebliebenen Gebilde Gesamtstaat. Unbestritten ist jedoch, dass das Abkommen den Konflikt beruhigte und dessen Regelung auf den Weg brachte – soweit immerhin, dass sich das Land auch auf den Weg nach „Europa“ machen will.

          Der freundliche Schein der Diplomatie

          Der letzte Krisen- und Kriegsschauplatz, mit dem Holbrooke betraut wurde, ist von einer unzweideutig optimistisch stimmenden Beruhigung noch (weit)entfernt: Wenige Tage nach Amtsantritt ernannte ihn Präsident Obama zu seinem Sonderbotschafter für Afghanistan und Pakistan. Hatte Holbrooke es schon auf dem Balkan mit schwierigen Gesprächspartnern zu tun, so sollte er dies vermehrt in Südasien erfahren.

          Einige für ihn durchaus nicht untypische „undiplomatische“ Äußerungen über den afghanischen Präsidenten Karzai, dessen Rivalen bei der Präsidentenwahl er auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2009 seinen Zuhörern wärmstens empfahl, belasteten das Verhältnis Amerikas zur Regierung in Kabul. Trotzdem bemühten sich beide Seiten auch nach „explosiven“ Begegnungen, den freundlichen Schein zu wahren. Hinzu kam, dass Hamid Karzai spätestens bei seiner von Unregelmäßigkeiten geprägten Wiederwahl bewies, dass nicht einmal Washington kurzfristig an ihm vorbeikommt.

          Holbrooke und die Finanzkrise

          Noch ein dritter Name taucht auf, wenn von Richard Holbrooke die Rede ist: Lehman Brothers. Zwar hatte er Geschichte, Internationale Politik und Deutsch studiert. Aber das hinderte das Bankhaus, dessen Zusammenbruch 2008 die internationale Finanzkrise verschärfte, nicht daran, sich im Jahre 1981 die Dienste des eben aus dem Außenministerium Ausgeschiedenen als Berater zu sichern.

          Nach seiner diplomatischen Karriere unter Präsident Clinton, die als Botschafter 1993 in Deutschland begann, dem er vielfach verbunden blieb, und über die Balkan-Stationen als UN-Botschafter endete, kehrte Holbrooke im Jahre 2001 ein weiteres Mal in die Finanzwirtschaft zurück. Bis Juli 2008 war er Mitglied im Direktorium der American International Group (AIG). Auch AIG ist ein Unternehmen, das in engem Zusammenhang mit der Finanzkrise steht und durch Fehlspekulationen Verluste von 100 Milliarden Dollar verbuchen musste.

          „Gigant amerikanischer Außenpolitik“

          Eingestiegen in den diplomatischen Dienst war Holbrooke unmittelbar nach Ende seines Studiums im Jahre 1961. Nach einigen Jahren als Entwicklungshelfer in Vietnam arbeitete er seit 1966 im Außenministerium. Unter Präsident Carter leitete er im State Department die Abteilung für Ostasien und den Pazifik. Zwischen diesen beiden Verwendungen war er vier Jahre lang Chefredakteur der Zeitschrift „Foreign Policy“.

          Geboren wurde Richard Charles Albert Holbrooke am 22. April 1941 in New York. Seine Mutter stammte aus Stuttgart und kam über die Schweiz und Argentinien 1933 in die Vereinigten Staaten. Holbrookes Großvater mütterlicherseits, ein jüdischer Kaufmann, der im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden war, hatte Hamburg im Januar 1933 verlassen. Holbrookes Vater, in Warschau geborener Sohn russischer Juden und ebenfalls in den dreißiger Jahren in die Vereinigten Staaten eingewandert, war Arzt. Seinen Sohn nannte Präsident Obama „einfach einen Giganten der amerikanischen Außenpolitik“. Der niemals aufgebe und niemals aufhöre. Am vergangenen Freitag war Richard Holbrooke während einer Besprechung mit Außenministerin Clinton in deren Diensträumen im siebten Stock des State Department zusammengebrochen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wegen Amazonas-Bränden : Europa droht Bolsonaro mit Blockade

          Der Streit mit Brasilien um die Waldbrände eskaliert: Finnland prüft ein Einfuhrverbot für brasilianisches Rindfleisch in die EU. Irland und Frankreich drohen, ein Handelsabkommen zu blockieren. Politiker aus Europa schießen gegen Präsident Bolsonaro.
          Empfindet Schäubles Äußerungen als „wohltuend“: der frühere Präsident des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen

          Streit über Maaßen : Nach der Attacke ist vor der Attacke

          Mit einer gezielt gesetzten Äußerung heizt Wolfgang Schäuble den Streit um einen möglichen Parteiausschluss von Hans-Georg Maaßen weiter an. Wieso macht er das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.