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Liu Xiaobo gestorben : Tod eines Unbeugsamen

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Eine undatierte Aufnahme von Liu Xiaobo und seiner Frau Liu Xia. Bild: ACTIVIST YE/REX/Shutterstock

Er erlebte die Repression Chinas in ihrer vollen Härte. Doch Liu Xiaobo kämpfte weiter für Demokratie und Bürgerrechte – trotz Berufsverbot, Zwangsarbeit und Haft. Jetzt ist er im Alter von nur 61 Jahren agestorben.

          Bis zum Ende blieb die chinesische Regierung hart und unnachgiebig. Den todkranken Liu Xiaobo ließ sie nicht ausreisen. Ein deutscher und ein amerikanischer Arzt durften ihn zum Schluss noch sehen, und erklärten ihn für transportfähig, doch musste Liu Xiaobo in China sterben, ohne noch einmal Freiheit erlangt zu haben. Zu sehr fürchtete die chinesische Führung wohl, dass der Friedensnobelpreisträger sich im Ausland noch frei äußern würde, ohne die ständige Überwachung, der er und auch seine Frau in den letzten Tagen auch im Krankenhaus noch unterlagen.

          Mit Liu Xiaobo verliert die chinesische Bürgerrechts- und Demokratiebewegung einen ihrer wichtigsten Führer. Seit Jahrzehnten hat sich Liu Xiaobo für Demokratie in China eingesetzt und ist dafür immer wieder inhaftiert worden. Der Friedensnobelpreis wurde ihm verliehen, als er inhaftiert war, wegen „Anstiftung zum Umsturz“ war er zu elf Jahren verurteilt worden. Das Nobelpreiskomitee zeichnete ihn für seinen langen und gewaltlosen Kampf für Menschenrechte in China aus. Bei der Verleihung wurde sein Essay „Ich habe keine Feinde“, den er bei seiner Gerichtsverhandlung als Verteidigung hatte vortragen wollen, vorgelesen.

          Arbeitslager wegen „Störung der öffentlichen Ordnung“

          Der 1955 geborene Liu Xiaobo gehörte zu der Generation von reformgesinnten Intellektuellen, die nach der Kulturrevolution und während der ersten Öffnungsphase Chinas in den achtziger Jahren den intellektuellen Diskurs bestimmten. Als Literaturwissenschaftler war Liu Xiaobo zu einem Studienaufenthalt in den Vereinigten Staaten, als im Frühjahr 1989 in China die Demonstrationen der Studenten gegen Korruption in der Kommunistischen Partei und für demokratische Reformen begannen. Auf dem Höhepunkt der Bewegung traten tausende Studenten im Mai 1989 in einen Hungerstreik, auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens. Liu Xiaobo kehrte aus Amerika zurück, um sich den Demonstranten anzuschließen.

          Trauer um einen unbeugsamen Kämpfer: In Hongkong liegen Kondolenzbücher für den verstorbenen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo aus. Bilderstrecke

          Er war einer von vier prominenten Intellektuellen, die auf dem Platz des Himmlischen Friedens in einen Hungerstreik traten. Als die chinesische Regierung das Kriegsrecht verhängte und deutlich wurde, dass sie die Demonstration mit Gewalt beenden würde, waren es Liu Xiaobo und seine drei Mitstreiter, die zwischen den Studentenführern und den Militärs vermittelten und erreichten, dass Studenten in letzter Minute vom Platz des Himmlischen Friedens abziehen konnten. Damit verhinderten sie, dass es bei dem Einsatz der Volksbefreiungsarmee gegen die Demonstranten noch mehr Todesopfer gab.

          Nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung am 4. Juni 1989 wurde Liu Xiaobo inhaftiert. Die chinesische Regierung bezeichnete ihn als Drahtzieher der Proteste. Seine Bücher wurden verboten. Nach 19 Monaten in der Haft wurde er wegen konterrevolutionärer Propaganda verurteilt, aber bald freigelassen. Er schrieb wieder, durfte aber nicht in der Volksrepublik veröffentlichen. Im Jahr 1995 führte seine Petition für eine Rehabilitierung der Studentenbewegung und demokratische Reformen zu abermaliger Haft. Im Jahr 1996 wurde er zu drei Jahren Arbeitslager wegen „Störung der öffentlichen Ordnung“ verurteilt. Im Arbeitslager heiratete er die Dichterin Liu Xia.

          Nach seiner Entlassung im Jahr 1999 stand er unter polizeilicher Überwachung, übernahm aber trotzdem die Präsidentschaft des inoffiziellen chinesischen Pen-Clubs. Im Jahr 2008 wagten Liu Xiaobo und seine Mitstreiter einen großen Vorstoß. Sie verfassten die „Charta 08“ eine radikal-kritische Bestandsaufnahme der politischen Lage in China und einen dringenden Appell für politische Reformen. Dort wird der kommunistischen Führung vorgehalten, eine politische Wende zu verweigern, was „die Schaffung einer legitimen Herrschaft erschwert, die Rechte der Menschen einengt, die Ethik zerstört und die Wirtschaft in abnormaler Weise entwickelt“. In der Charta werden Gewaltenteilung, eine demokratische Legislative und freie Wahlen, Presse- und Versammlungsfreiheit gefordert.

          Bei der Verleihung des Friedensnobelpreises blieb sein Stuhl leer – Liu Xiaobo saß in China im Gefängnis.

          Nach der Veröffentlichung der „Charta 08“ wurde Liu Xiaobo festgenommen und im Dezember 2009 zu elf Jahren Haft verurteilt. Auf seine Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis reagierte die chinesische Regierung erbost. Liu Xiaobos Frau, die Künstlerin Liu Xia, wurde während der gesamten Haftzeit ihres Mannes ohne rechtliche Grundlage in Peking unter Hausarrest gehalten, ohne Telefon und Internetverbindung. Sie durfte ihren Mann einmal im Monat für eine halbe Stunde im Gefängnis besuchen. Erst nachdem die Behörden den an Leberkrebs erkrankten Liu Xiaobo im Mai zur medizinischen Behandlung aus dem Gefängnis in ein Krankenhaus überstellten, durfte seine Ehefrau bei ihm bleiben. Ein letztes Bild, das im Internet kursiert, zeigt beide mit kahlgeschorenen Köpfen, er seinen Arm um sie legend.

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