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Zum Tod Kardinals Martini : Liberaler Herausforderer

  • -Aktualisiert am

Kardinal Maria Martini im Jahr 2005 während einer Messe im Vatikan Bild: dapd

Er prägte Debatten über Sterbehilfe und die Beziehungen zwischen Christentum und Islam; mit öffentlichen Vorlesungen in Mailand wurde er bekannt. An diesem Freitag ist Kardinal Maria Martini im Alter von 85 Jahren gestorben.

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          Zeit seines Lebens hat sich Kardinal Maria Martini eingemischt. Zu kaum einer theologischen oder moralischen Frage hat er sich nicht geäußert, und stets haben die Menschen auf ihn gehört. Noch beim letzten Konklave 2005 galt er für die Öffentlichkeit trotz seiner Krankheit und Schwäche als „papabile“, als ein Kandidat für das höchste Amt seiner Kirche; auch wenn er bei den Kardinälen gar keine Chancen gehabt hätte. Gleichwohl hat der seinerzeit gewählte Papst Benedikt XVI. den als liberalen Herausforderer geltenden Martini stets geschätzt.

          Martini war 17 Jahre alt, als er in den Jesuitenorden eintrat. Zwischen 1958 und 1964 erwarb er sich an der päpstlichen Jesuiten-Universität Gregoriana in Rom zwei Doktortitel. Von 1979 bis 2002 leitete Martini als Erzbischof von Mailand die größte Diözese der Welt. Große Beachtung fand damals seine „lectio divina“; das waren öffentliche Vorlesungen, die Menschen auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens im Dom einen neuen Zugang zur Heiligen Schrift anboten.

          „Woran glaubt, wer nicht glaubt?“

          Einer breiten Öffentlichkeit wurde Martini auch durch das Buch über einen Briefwechsel mit dem Schriftsteller Umberto Eco bekannt. Ihre Diskussion kreiste um die Frage „Woran glaubt, wer nicht glaubt?“ Nach seiner Emeritierung lebte Martini von 2002 an abwechselnd in Jerusalem und Italien, bis ihn seine Krankheit 2008 endgültig zur Rückkehr in die Heimat zwang. Auch von Jerusalem aus nahm er an öffentlichen Debatten teil. Dabei lösten seine differenzierten Stellungnahmen zu Euthanasie und Sterbehilfe, zu Apparatemedizin und Patientenverfügung lebhafte Diskussionen aus. Beachtung fanden auch seine Stellungnahmen zum Islam, in denen er eine „gerechte Wechselseitigkeit“ zwischen Christen und Muslimen einforderte.

          Aber auch von den Juden wurde er in Jerusalem überschwänglich empfangen, als er 2005 sein in Ivrit übersetztes Buch über die spirituelle Bedeutung Zions vorstellte („Il Cammino verso Gerusalemme“). Wer die Juden nicht verstehe, sagte Martini immer wieder, könne auch das Christentum nicht ganz verstehen. “Jesus ist ganz jüdisch. Die Apostel sind jüdisch, und niemand kann daran zweifeln, dass sie an den Traditionen ihrer Väter hingen”, heißt es in einem Buch. Am Freitag ist Martini im Alter von 85 Jahren gestorben.

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