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Zum Tod Husni Mubaraks : Die Ägypter nannten ihn Pharao

Am Ende vom Volk davongejagt: Ägyptens Langzeitherrscher Husni Mubarak Bild: dpa

Als Nachfolger des 1981 ermordeten Anwar al Sadat kam Husni Mubarak an die Macht. Auch als Präsident blieb er ein Offizier – und schaffte es nicht, eine Vision für Ägypten zu entwickeln. Am Ende schaute die Armee bei seinem Sturz zu. Ein Nachruf.

          3 Min.

          Der Westen hat Husni Mubarak als Garanten für Stabilität geschätzt. Zum Verhängnis wurde dem Präsidenten Ägyptens der Jahre von 1981 bis 2011 aber, dass er im eigenen Land zunehmend zum Synonym für Stagnation geworden war. Eine Folge bestand darin, dass Ägypten den Rang als Führungsmacht in der arabischen Welt verlor, eine andere, dass Anfang 2011 Millionen Ägypter auf die Straße gingen, um einen Neuanfang zu ermöglichen. Am 11. Februar 2011 ließ der 1928 geborene Mubarak seinen Rücktritt erklären. In der langen Geschichte Ägyptens hatten nur zwei Pharaonen länger regiert als er. Daher wurde „Pharao“ der einzige Spitzname, den die Ägypter dem farblosen Langzeitherrscher verpassten.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          An die Spitze der Republik Ägypten rückte der in der Sowjetunion ausgebildete Kampfpilot durch ein Attentat. Denn am 6. Oktober 1981 hatten islamistische Extremisten den charismatischen Präsidenten Anwar al Sadat wegen dessen Friedensschlusses mit Israel während einer Militärparade ermordet. An seiner Seite hatte Mubarak, den Sadat 1975 zu seinem Vizepräsidenten berufen hatte, überlebt. Mubarak war als Kommandeur der Luftwaffe im Jom-Kippur-Krieg vom 6. bis 24. Oktober 1973 ein Nationalheld geworden. Als Vizepräsident blieb er aber blass.

          Ägypten im Zenit seiner Macht

          Außenpolitisch war er zunächst jedoch erfolgreich. Er hielt am Frieden mit Israel fest, selbst wenn es ein kalter Frieden blieb. Ägypten wurde dafür belohnt, indem Israel 1989 den letzten Streifen der 1967 besetzten Sinai-Halbinsel zurückgab, den für den Tourismus wichtigen Streifen von Taba. Auch gelang es Mubarak, die Isolierung Ägyptens zu beenden, welche die arabischen Bruderstaaten als Strafe für Sadats Friedensabkommen verfügt hatten. Bis 1989 nahmen die meisten arabischen Staaten wieder diplomatische Beziehungen mit Ägypten auf. 1990 kehrte das Land in die Arabische Liga zurück, und das Gremium verlegte seinen Sitz von Tunis wieder zurück nach Kairo.

          Dass sich Ägypten Anfang 1991 an der Seite der Vereinigten Staaten mit 35.000 Soldaten an der „Operation Wüstensturm“ und der Befreiung Kuweits beteiligt hat, brachte dem Land einen großzügigen Schuldenerlass ein und stärkte vorübergehend den Ruf Ägyptens als Schlüsselmacht im Nahen Osten. Vergebens hatte Mubarak 1990 noch versucht, den irakischen Diktator Saddam Hussein von einem Einmarsch in Kuweit abzuhalten.

          Damals stand Ägypten im Zenit seiner Macht und seines Ansehens. Die drei anderen großen Staaten im arabischen Nahen Osten konnten es mit Ägypten nicht aufnehmen. Der Irak hatte sich selbst aus der Geschichte katapultiert, Syrien war mit sich selbst beschäftigt, und Saudi-Arabien kapselte sich nach innen ab und war noch lange nicht zu einer Öffnung bereit.

          Ein Demonstrant zerreißt am 25. Januar 2011 in Alexandria ein Mubarak-Plakat Bilderstrecke

          Nach außen hin erschien Mubaraks Ägypten im ersten Jahrzehnt seiner Herrschaft als ein gemäßigtes Land, das sich von den ideologischen Grabenkämpfen früherer Generationen, etwa unter dem arabischen Sozialisten Gamal Abd al Nasser, längst gelöst hatte. Dann scheiterte Mubarak daran, dass er seine gemäßigte Politik nicht in eine Aufbruchsstimmung im Land verwandeln konnte. Eine lange Phase der Stagnation und des Niedergangs setzte ein. Das machte sich auch außenpolitisch bemerkbar, denn die ägyptische Führung kümmerte sich fast nur noch um die Beilegung von Flügelkämpfen unter den Palästinensern, trug so aber zur Sicherheit Israels bei. Der Bedeutungsverlust machte sich besonders stark bei den Medien bemerkbar. Die ägyptischen Zeitungen verloren ihre Stellung als arabische Leitmedien; der 1996 gegründete qatarische Nachrichtensender sowie saudische Zeitungen und Fernsehsender liefen ihnen rasch den Rang ab.

          Mubarak reagierte zu spät

          Mubarak war auch als Präsident ein Offizier geblieben. Er nahm gesellschaftliche Veränderungen nicht wahr und entwickelte keine Vision für ein Land, in dem bei seinem Sturz bereits mehr als eine Million Jugendliche jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt drängten und nur wenige von ihnen eine Arbeit fanden. Das Bildungswesen wurde schlechter, ebenso das Gesundheitswesen, die Infrastruktur hielt mit dem hohen Wachstum der Bevölkerung nicht Schritt, und jeglicher Reformansatz verpuffte am öffentlichen Dienst, der Veränderungen verhinderte. Die Weltbank schätzte, dass schon 42 Prozent der 75 Millionen Ägypter mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen mussten.

          Als Mubarak 2004 eine Öffnung der vom Staat gelenkten Wirtschaft einleitete, war es schon zu spät. Zudem entwickelte sich die Liberalisierung in eine falsche Richtung. Denn Mubaraks Sohn Gamal scharte Unternehmer um sich, die von den Reformen profitierten, und so brachte sich der ehemalige smarte Investmentbanker, unterstützt durch seine Mutter Suzan, als Nachfolger für seinen Vater ins Spiel. Das führte letztlich zu dessen Sturz. Denn das Militär, das schon damals 40 Prozent der ägyptischen Wirtschaft kontrolliert hatte (heute sind es mutmaßlich mehr als 60 Prozent), wollte einen weiteren Bedeutungsverlust nicht hinnehmen. Schließlich hatte Mubarak in seinen letzten Regierungsjahren mehr dem Geheimdienst vertraut als der Armeespitze. So schaute die Armee beim Sturz Mubaraks zu, um nach einem Regierungsjahr des gewählten, islamistischen Präsidenten Muhammad Mursi mit einem Putsch die Macht an sich zu reißen.

          Eine mangelnde Teilhabe, eine wachsende soziale Ungerechtigkeit, eine Repression, die heute indes ungleich größer ist, und eine generelle Perspektivlosigkeit trieben Millionen Ägypter auf die Straße. Ein Gericht verurteilte Mubarak 2012 wegen der Tötung von mehr als 800 Demonstranten zu lebenslanger Haft. Er zeigte keine Reue. 2017 wurde er von allen Anklagepunkten freigesprochen und wieder freigelassen. Er hatte sechs Jahre in einem Gefängnis für politische Häftlinge verbracht. Am Dienstag starb er im Militärkrankenhaus Galaa im Alter von fast 92 Jahren.

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