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Zum 70. von Martin Kämpchen : Wie ein weiser Brahmane

Martin Kämpchen Bild: Isolde Ohlbaum/laif

Als Indien spirituell immer faszinierender für den Westen wurde, aber kaum jemand sich richtig auf das Land einlassen wollte, zog Martin Kämpchen dorthin. Jetzt wird der Autor und Forscher siebzig.

          Schon seit einem Vierteljahrhundert ist Martin Kämpchen dieser Zeitung verbunden: Im Juli 1993 erschien in „Bilder und Zeiten“ seine Reportage über die benachteiligten Ureinwohner, die Adivasis. Da war Martin Kämpchen aber bereits seit zwei Jahrzehnten in Indien ansässig, zunächst als Deutschlehrer und Religionsforscher, und in den 45 Jahren seither hat er den Blick immer wieder besonders auf Ausgestoßene und Opfer einer Gesellschaft gerichtet, der sich der deutsche Gast längst tief verbunden fühlt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Im westbengalischen Santiniketan, dem Ort, der wie kein anderer mit Leben und Wirken des indischen Literaturnobelpreisträgers Rabindrantah Tagore verbunden ist, lebt Kämpchen seit 1980. Die vergleichsweise kleine Stadt ist eine Akademikersiedlung, aber in ihrer Nähe liegen zwei Stammesdörfer, deren Armut er durch ein eigenes Hilfsprojekt zu lindern sucht. Die Verantwortung für dessen Organisation und Durchführung hat Kämpchen schon vor Jahren den Dorfeinwohnern übertragen, aber immer noch ist er mindestens einmal im Jahr im deutschsprachigen Raum unterwegs, um dort Unterstützung einzuwerben. Wer den weißhaarigen eleganten Herrn dabei trifft, möchte ihn ob seines Aussehens und seiner Herzlichkeit für einen weisen Brahmanen wie aus dem Bilderbuch halten, aber niemand weiß besser als Kämpchen um die Realität des indischen Kastendaseins, dessen Protagonisten sich mit dem Abschied vom Althergebrachten schwertun.

          Kämpchen kämpft nicht dagegen an, er lebt ein Toleranzideal vor, das den gebürtigen Bopparder seit dem Philosophiestudium in Wien prägt und durch seine zweite Promotion, die dem Vergleich Franz von Assisis mit dem indischen Guru Ramakrishna galt, in Santiniketan vertieft wurde. Über die eigenen sozialen Aktivitäten hat er vor sieben Jahren sein bislang eindrucksvollstes Buch geschrieben: „Leben ohne Armut – Wie Hilfe wirklich helfen kann“, eine Handlungsempfehlung inklusive Autobiographie, allerdings beschränkt auf Kämpchens Zeit in Indien. Es ist jedoch nicht übertrieben zu sagen, dass er dort ohnehin ein ganz neues Leben begonnen hat, in einer Zeit, als Indien spirituell immer faszinierender für den Westen wurde, aber kaum jemand die Konsequenz zog, sich auch im Alltag auf das Land derart einzulassen, wie Kämpchen es tat. Kompensiert wurde dieser mühevolle Einsatz durch die Begeisterung für Tagores Dichtung und Bekanntschaften mit Persönlichkeiten wie Günter Grass, der Indien ähnlich zugeneigt war und sich bei seinen dortigen Aufenthalten immer wieder mit Kämpchen traf. Enttäuscht wird er aber immer wieder durch die politischen Entwicklungen – aktuell durch die hindunationalistische Regierung unter Ministerpräsident Narendra Modi, dessen Aufstieg Kämpchen genau beobachtet und beschrieben hat.

          Mittlerweile mehr als dreihundert Beiträge verdankt diese Zeitung ihrem in jeder Hinsicht freien Mitarbeiter. Dass er seinen morgigen siebzigsten Geburtstag in Santiniketan groß feiern wird, ist nicht zu erwarten; Kämpchen nimmt sich selbst nicht so wichtig. Umso wichtiger ist seine Stimme zu allem, was in Indien geschieht.

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