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Todestag Martin Luther King : Der Versöhner und sein Traum

Martin Luther King winkt von der Lincoln Gedächtnisstätte in Washington den Demonstranten zu. Bild: dpa

Martin Luther King brachte den Schwarzen die Gleichberechtigung. Vor fünfzig Jahren wurde er in Memphis ermordet. Einen Brückenbauer wie ihn könnte Amerika auch heute brauchen.

          Es gibt angenehmere Schicksale als das, als – wie man heute sagt – Afroamerikaner in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den amerikanischen Südstaaten geboren zu werden. Michael King erblickte am 15. Januar 1929 in Atlanta das Licht der Welt. Zu seinem weltberühmten Namen kam er nach einer Reise seines Vaters, eines Baptistenpredigers, nach Deutschland. Dieser bewunderte den deutschen Reformator, so dass der Sohn fortan Martin Luther King hieß. Für den Umbenannten sollte das Thema Rassentrennung beziehungsweise Rassendiskriminierung zum Lebensthema werden. Viele Schwarze haben viele Jahre die Benachteiligungen über sich ergehen lassen – weil sie es nicht anders kannten. Aber wie in jeder Lebenssituation gab es auch im amerikanischen Süden diejenigen, die sich nicht als ewig Erduldende durchs Leben schleichen wollten.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Nach 1945 war ihnen der Zeitgeist gewogener als vorher. Die europäischen Kolonialmächte zogen sich – mehr oder weniger freiwillig – nach und nach aus ihren überseeischen Besitzungen zurück. Die amerikanische Regierung unterstützte das. Es zeigte sich aber schon bald ein bemerkenswerter Zwiespalt der amerikanischen Politik. Die Emanzipation nichtweißer Völker auf anderen Kontinenten sollte etwas Gutes sein, die Emanzipation innerhalb der Vereinigten Staaten aber nicht. Dieser Spagat ließ sich nicht durchhalten.

          Die wachsende Bürgerrechtsbewegung verlangte wirklich gleiche Rechte für alle Amerikaner. In dieser Bewegung engagierte sich auch der mittlerweile promovierte Theologe Martin Luther King. Sein politischer Stil war – aus Sicht des weißen „Establishments“ – konfrontativ, aber Gewalt lehnte King ab. Die wurde aber bei zahlreichen Demonstrationen von der anderen Seite, vor allem der Polizei, in überreichem Maße angewendet. Das führte zwar dazu, dass die öffentliche Meinung mehr und mehr für die Anliegen der Demonstrierenden eingenommen wurde, dass sich aber andererseits die Polarisierung innerhalb der Gesellschaft massiv verschärfte. Das alles passierte in einem gesellschaftlichen Klima, das einerseits – gefördert durch die Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson – aufgeschlossener als früher war. Andererseits aber zog besonders Präsident Johnson wegen des Krieges in Vietnam den geballten Unmut gerade der jungen Generation auf sich, die wiederum die Bürgerrechtsbewegung unterstützte.

          „Ich habe einen Traum“

          Einen großen Erfolg erzielten die Bürgerrechtler im Juni 1964. Ein Gesetz erklärte die Rassentrennung für illegal. Knapp ein Jahr zuvor, am 28. August 1963, hatte Martin Luther King seinen wohl berühmtesten Auftritt. Vor etwa 250.000 Demonstranten formulierte er in Washington seinen Traum einer Gesellschaft: „Ich habe den Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden.“ Nicht zuletzt diese Rede mag dazu beigetragen haben, dass King 1964 der Friedensnobelpreis zuerkannt wurde.

          Die alltägliche Wirklichkeit war aber weiter wenig traumhaft. Immer wieder kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Andererseits wurde die Gesetzgebung weiter liberalisiert. Der Voting Act aus dem Sommer 1965 sollte Schwarzen die Teilnahme an Wahlen erleichtern oder gar erst ermöglichen. Bis dahin hatten findige Gesetzgeber in den einzelnen Bundesstaaten (durchaus nicht nur im Süden) durch die Einführung von Wahlsteuern beziehungsweise Lese- und Wissenstests dafür gesorgt, dass viele Schwarze ihr Bürgerrecht nicht ausüben konnten.

          Ralph Abernathy (r.) und Bishop Julian Smith (l.) flankieren Martin Luther King im März 1968 bei einer Bürgerrechts-Demonstration in Memphis. Bilderstrecke

          Juristisch hatte die Bürgerrechtsbewegung zwar eine Menge erreicht. Aber erstens richtete sich der Alltag oft nicht nach den Buchstaben der Gesetze. Und zweitens passierte das, was in ähnlichen Situationen oft passiert: Ein Teil der Schwarzen radikalisierte sich. Die Prediger der Gewaltlosigkeit wie Martin Luther King wurden bekämpft und mit Schimpfworten wie „Onkel Toms“ bedacht. Im Sommer 1967 forderten Radikale gar die Teilung des Landes in einen schwarzen und einen weißen Teil.

          Er wäre den Regierenden weiter „auf die Nerven“ gegangen

          Martin Luther King kümmerte sich in dieser Zeit schon längst nicht mehr nur um spezifisch „schwarze“ Themen. Vielmehr engagierte er sich verstärkt in der Kampagne gegen den Vietnamkrieg. Das brachte ihm im Weißen Haus wenig Sympathien ein. Am 3. April 1968 hielt er eine große Rede. In dieser gebrauchte er eine Formulierung, die man im Nachhinein als eine Art Abschiedsgruß lesen kann. King sagte, er sei auf einem Berg gewesen und habe „das Gelobte Land gesehen“. Am nächsten Tag wurde Martin Luther King auf dem Balkon des Lorraine Motels in Memphis von einem weißen Rassisten erschossen.

          Als Reaktion auf das Attentat brachen einerseits in vielen Städten schwere Unruhen aus. Andererseits verabschiedete der Kongress noch im selben Monat eine Erweiterung der Bürgerrechtsgesetzgebung, die Diskriminierung beim Wohnungskauf oder Vermietung verbot. Diese Regelungen hätten dem Ermordeten sicher gefallen. Aber er wäre auch nicht müde geworden, auf weiter bestehende Missstände aufmerksam zu machen, den Regierenden also weiter „auf die Nerven“ zu gehen.

          Sich einen Afroamerikaner als Präsident im Weißen Haus vorzustellen, ist mutmaßlich mehr als Martin Luther King in den sechziger Jahren zu träumen gewagt hätte. Aber auch hier sieht man, dass Geschichte nicht linear verläuft. Zwar hat Barack Obama zwei Amtszeiten absolviert. Aber heute werden im Weißen Haus wieder Dinge gesagt, getan und gedacht, die naive Optimisten für immer im Dunkel der Geschichte verschwunden glaubten. Die Träume unterschiedlicher Gruppierungen prallen im heutigen Amerika unversöhnlicher aufeinander als seit Jahrzehnten. Das Land könnte einen Versöhner wie Martin Luther King brauchen, auch wenn der sich wegen der Polarisierung der Gesellschaft wieder in akute Lebensgefahr begäbe.

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