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Zukunft der Gülen-Bewegung : Staatsfeind auf Abruf

Erleuchter seiner Bewegung: Gülen in seinem Zuhause in Pennsylvania Bild: dpa

In Erdogans Türkei gilt Fethullah Gülen als der gefährlichste Terrorist, doch der Exilant ist schon alt. Gibt es eine Gülen-Bewegung ohne ihren Gründungsvater?

          Die Türkei hat ihn zum gemeingefährlichen Terroristen erklärt, Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan fordert seine Auslieferung: Fethullah Gülen, Oberhaupt einer nach ihm benannten religiösen Bewegung mit obskuren Zügen, ist für die Regierung in Ankara Staatsfeind Nummer eins. Laut offizieller türkischer Lesart steckt der islamische Prediger hinter dem Putschversuch von Teilen des türkischen Militärs im Juli 2016, der nach wenigen Stunden in sich zusammenbrach. Zehntausende sind in der Türkei verhaftet worden seither, weil sie der zur Terrororganisation erklärten Gülen-Bewegung angehören oder mit ihr sympathisiert haben sollen, doch ihr oberster Führer ist selbst für den mächtigen Staatschef Erdogan nicht zu fassen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Seit 1999 lebt Gülen im Exil im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania. Da die Justiz in den Vereinigten Staaten anders als jene der Türkei nicht auf präsidialen Zuruf hin spurt, kann der amerikanische Präsident Donald Trump der Forderung seines türkischen Gegenparts nach einer Auslieferung Gülens nicht so einfach nachkommen, wie man sich das in Ankara denkt. Nach rechtsstaatlichen Standards ist eine Überstellung Gülens in die Türkei einstweilen unerfüllbar. Aus anderen Staaten, etwa aus dem Kosovo, Aserbaidschan oder Malaysia, hat der türkische Geheimdienst MIT vermeintliche Gülenisten kurzerhand entführt, aber das wird man in den Vereinigten Staaten schwerlich wagen.

          Reformen im Entscheidungsprozess?

          Doch der Fall Gülen wird sich für die Türkei schon aus biologischen Gründen ohnehin von selbst erledigen. Gülen ist, je nach Quelle, 1938 oder 1941 geboren, also Ende siebzig oder Anfang achtzig. Seine Gesundheit gilt als angeschlagen. Über kurz oder lang wird die Gülen-Bewegung ohne ihren Führer auskommen müssen. Dann wird sich zeigen, ob sie das überhaupt kann – oder ob sie, sobald Gülens Charisma als einigendes Band fehlt, rasch zerfallen wird. In der Geschichte gibt es schließlich viele Beispiele dafür, dass Kultgemeinschaften nach dem Tod ihrer Erleuchter zerfielen, sich aufspalteten, bis zur Unkenntlichkeit wandelten oder schlicht irrelevant wurden.

          Was wird in diesem Fall geschehen? Ist eine Gülen-Bewegung ohne Gülen vorstellbar? Wenn ja, wie sähe eine Post-Gülen-Bewegung aus, wer stünde an ihrer Spitze, was würde sich ändern? Der Politikwissenschaftler Ilnur Kalin beobachtet die Bewegung seit langem und prophezeit: „Wenn es der Bewegung gelingt, sich zu reformieren, wenn sie institutionalisierter, dezentralisierter und transparenter wird, während Gülen noch lebt, dann könnte sie in gewandelter Form fortbestehen. Scheitern die Umstrukturierung und der Aufbau von Institutionen jedoch, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass die Bewegung ihre Vitalität einbüßt und möglicherweise sogar kurz nach dem Tod von Gülen zerfällt.“ Ilnur Kalin hat in Wirklichkeit einen anderen Namen. Er lebt in der Emigration und arbeitet für ein renommiertes politikwissenschaftliches Institut in einem europäischen Land, doch aus Rücksicht auf Verwandte in der Türkei hat er die Unkenntlichmachung seines Namens zur Bedingung für ein Gespräch über seine Erkenntnisse gemacht.

          Jedwede wissenschaftliche, unvoreingenommene Beschäftigung mit dem Phänomen Gülen kann Forscher in der Türkei nämlich in Haft bringen, und auch die Sippenhaft ist im Staate Erdogan nicht unbekannt. Eine von Kalins Ausgangsthesen ist, dass es in der Bewegung keine natürliche „Nummer zwei“ gibt, die Gülen nachfolgen und ihn angemessen ersetzen könnte. „Zu verschiedenen Zeiten mag es Leute mit größerem Einfluss gegeben haben, aber auch sie bezogen ihr Ansehen allein von Gülen. Sie hatten keinerlei unabhängige, individuelle Autorität.“ Einen Kopf, der das Erbe Gülens im Sinne einer charismatischen, religiösen Führerschaft antreten könnte, hat Kalin bisher nicht entdeckt. „Wichtiger ist aber ohnehin, dass die Entwicklungen der vergangenen Jahre zu einer internen Kritik geführt haben. An der Basis gibt es eine weitverbreitete Übereinkunft darüber, dass der Entscheidungsprozess der Bewegung zutiefst mangelhaft ist und reformiert werden muss.“ Neu daran sei, dass solche Kritik inzwischen öffentlich geäußert wird. So sei Twitter für Gülenisten ein wichtiges Forum für Debatten über nötige Reformen geworden.

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