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Endstation an der Grenze : Sturm auf Züge nach Wien

Endstation Hegyeshalom: Hier wurde der Zug mit den Flüchtlingen gestoppt. Bild: dpa

Verzweifelte Migranten stürmen ungehindert von der ungarischen Polizei in Züge, die später von Beamten in Österreich und Deutschland kontrolliert werden müssen. Viele Flüchtlinge folgten einem Gerücht, Deutschland schicke Sonderzüge für sie.

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          Einst, als der kleine Bahnhof Hegyeshalom noch an der Systemgrenze zwischen dem kommunistischen Osten und dem freien Westen lag, mögen solche Szenen weniger ungewöhnlich gewesen sein: Polizisten gehen in den Zug, der aus Budapest kommt, und holen alle heraus, die keine gültigen Reisepapiere haben. Aber die Hunderte, die an diesem Tag hier gestrandet sind, hatten eher an eine Lage geglaubt, wie sie dann im Wendejahr 1989 entstand: Freie Durchfahrt für Flüchtlinge.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Was dann kam, war ein einziges Chaos. Das Gerücht, man könne jetzt mit der Bahn durchkommen, war am Ostbahnhof der ungarischen Hauptstadt umgegangen. Sogar von Sonderzügen war die Rede, die Deutschland schicke, um Flüchtlinge abzuholen. Das wurde allerdings von den deutschen ebenso wie von den ungarischen offiziellen Stellen dementiert. Wohl aber schien die Polizei, die zuvor den Zugang zu den Zügen kontrolliert hatte, sich zurückzuziehen.

          Daraufhin hatten die unzähligen Migranten, die dort und an den anderen Budapester Bahnhöfen in immer unerträglicheren Umständen seit Tagen kampieren, Züge in Richtung Wien geentert. Doch schon vor der österreichischen Grenze war Schluss. Denn weder Österreich, noch Deutschland haben ihre Visumsvorschriften geändert. Ungarische Polizisten, von den Mitarbeitern der Österreichischen Bundesbahn in den völlig überfüllten Railjet-Zügen alarmiert, holten die Reisenden ohne gültige Papiere aus dem Zug.

          Die Grenzbahnstation war daraufhin völlig überfüllt. Viele machten sich zu Fuß auf den Weg – entlang oder auch auf den Gleisen. In der Folge war die Bahnverbindung zwischen Wien und Budapest in beiden Richtungen vollständig unterbrochen. Züge wurden umgeleitet oder Reisende auf Regionalzüge verteilt. Die Nachrichtenagentur AFP berichtet, am Wiener Westbahnhof seien in mehreren Zügen hunderte Flüchtlinge aus Budapest eingetroffen. Zahlreiche aus Ungarn angekommene Flüchtlinge haben dann am Montagabend in Wien zwei Züge nach München und Salzburg bestiegen. In Rosenheim bei München wurden die Züge am Abend kontrolliert. Die Bundespolizei ging durch die Abteile und holte 190 Flüchtlinge - darunter viele Frauen und Kinder - zur Registrierung aus dem Zug. Anschließend wurden sie in Bussen zur Dienststelle in eine ehemalige Bundeswehrkaserne gebracht. Etwa 200 weitere Flüchtlinge reisten im Zug nach München weiter. Die Flüchtlinge stammten unter anderem aus Syrien, Afghanistan und Eritrea.

          Es war eine Entscheidung der deutschen Regierung gewesen, die bei den Flüchtlingen aus Syrien falsche Erwartung geweckt hatte. Wenn Deutschland Syrer nicht mehr nach Ungarn zurückschickt, dann wird es auch allen die Einreise erlauben, so war wohl die – vorerst falsche – Schlussfolgerung. Zumal Hilfsorganisationen, die an den Bahnhöfen in Budapest tätig sind, den Eindruck erhalten hatten oder ihn jedenfalls verbreiteten, sie würden um Unterstützung solcher Sondertransporte ersucht.

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