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Kommentar zur WM in Russland : Zu Gast in Putins Reich

Kinder lassen sich am Mittwoch in St. Petersburg mit den WM-Maskottchen fotografieren. Bild: EPA

Im Glanze der WM sonnen sich Russlands Mächtige. Das Land hat sich herausgeputzt. Das ist nicht nur Fassade – aber es ist auch nur ein Teil der Wahrheit.

          Wenn an diesem Donnerstag die Fußball-Weltmeisterschaft eröffnet wird, richten sich alle Augen auf Russland. Die Fans werden ein Land erleben, das sich herausgeputzt hat, nicht nur mit zwölf schicken Stadien. Wer Russland mit Sowjettrübsal verbindet, kann sein Bild zurechtrücken: In Parkanlagen fahren junge Leute Skateboard; man kann am Smartphone Taxis bestellen, mit Kreditkarten bezahlen, in guten Restaurants auf Englisch Burger und Sushi bestellen.

          Freundliche Freiwillige weisen Wege, wie bei anderen Sportfesten in Russland in den vergangenen Jahren. Wieder präsentiert sich das Land als weltoffen und modern. Das ist nicht nur Fassade. Aber es ist nur ein Teil der Wahrheit.

          Selbst HIV wird als Propaganda abgetan

          Die Gäste werden auf hilfsbereite, freundliche Gastgeber treffen. Die Klage über Russen, die nicht lächelten, geht fehl. Gelächelt wird, vor allem gegenüber Besuchern aus dem Westen. Das Interesse ist groß. Das mag erstaunen, denn Moskauer Rhetorik stellt „den Westen“ vor allem als Rivalen und Feind dar. Aber „er“ war und ist in Russland immer beides, Vorbild und Bedrohung. China ist, anders als zeitweise von der Führung suggeriert, kein Bezugspunkt.

          Die Botschaft der Führung – Russland als Opfer ständiger Kränkungen – setzt der Weltoffenheit aber einen Rahmen. Ukraine-Krieg, MH17-Abschuss, Staats-Doping, Skripal-Vergiftung, Streubomben in Syrien: Der Kreml nutzt die Vorwürfe, um über seine Medien eine Wagenburgmentalität zu schaffen. Ihm hilft der weiterlebende Sowjetmythos von der fortschrittlichen, friedlichen, gutmütigen, aber von inneren und äußeren Feinden bedrohten Gesellschaft. Nationalstolz schaltet schnell in den Defensivmodus. Heimische Missstände werden verschwiegen, beschönigt oder geraten im Zerrspiegel der Propaganda zu westlichen Machenschaften.

          Ein besonders beunruhigendes Beispiel ist die HIV-Epidemie mit schon mehr als einer Million Infizierten. Sie wird als „Element des Informationskriegs gegen Russland“ abgetan; Helfer, die aufklären, werden als „ausländische Agenten“ schikaniert. Solche Maßnahmen richten sich gegen Russen, selten gegen Ausländer, gar nicht gegen Touristen und Fans. Willkommen sind auch Isländer und Engländer, deren Regierungen die WM boykottieren: Die Politiker stritten zwar, werden die Gäste hören, aber die einfachen Leute verstünden einander.

          Das sagt man auch im Westen. Aber anders als Bürger demokratischer Länder können die Russen bitten, jubeln und danken, aber nicht mitbestimmen. Echte Wahlen oder Abstimmungen über Putins Prestigeprojekte gibt es nicht. Engagement ist erwünscht, wenn es im Sinne der Führung ist; wird es kritisch, schlägt der Repressionsapparat zu. Auch deshalb bleiben Proteste wie gegen Maut und Mülldeponien vereinzelt, isoliert. Teil des Systems ist, dass in Russland Wohlstand so ungleich verteilt ist wie in wenigen anderen Ländern. Dass viele Supermärkte immer geöffnet sind, erlauben das Gesetz und viele billige Arbeitskräfte.

          So soll es bleiben: Modernität verstehen die Mächtigen nicht politisch, sondern technisch, und sie liefern diese zu überhöhten Preisen. Die Olympischen Winterspiele 2014 waren mit Kosten von mehr als 37 Milliarden Euro die teuersten aller Zeiten. Die Fußball-WM ist mit voraussichtlich mehr als zwölf Milliarden Euro die teuerste aller Zeiten. Während bei Krankenhäusern und Schulen gespart wird, erhielten Städte, deren zweit- oder drittklassige Fußballklubs vor wenigen tausend Zuschauern spielen, Stadien für Zehntausende. Gedanken zur nachhaltigen Nutzung von Arenen wie denen in Saransk und Kaliningrad dürften Lippenbekenntnis bleiben.

          Öffentlicher Raum ohne freie Meinungsäußerung

          Die Kluft zwischen bitterarmer Provinz, selbst zwischen Moskauer Peripherie und Schaufenster-Metropolen ist riesig. Das Zentrum der Hauptstadt erstrahlt nach jahrelangen Umbauten in einem von Granit geprägten Glanz, mit breiten, blitzsauberen Bürgersteigen und einem neuen, von New Yorker Architekten entworfenen Park am Kreml. Der Wandel ist spektakulär – und unpolitisch: Für freie Meinungsäußerung ist in Russlands öffentlichem Raum kaum Platz.

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          So ist es für den Antikorruptionspolitiker Nawalnyj und dessen Anhänger unmöglich, mit behördlicher Erlaubnis in Moskau zu demonstrieren. Als sie dort Anfang Mai zuletzt auf die Straße gingen, hieben Männer in Kosakenuniform mit Peitschen auf sie ein. Haftstrafen erhielten nicht die Schläger, sondern Nawalnyj und etliche Mitstreiter. Kosaken dienen bei der WM als Hilfspolizisten. Im Spielort Jekaterinburg wurde gerade der letzte oppositionelle Bürgermeister einer Großstadt aus dem Amt gedrängt. Dessen Nachfolger wird nicht mehr direkt gewählt.

          Dutzende politische Gefangene sitzen in Haft; der bekannteste, Oleg Senzow von der annektierten Krim, hungert seit mehr als vier Wochen für die Freilassung seiner ukrainischen Leidensgenossen. Er hofft auf die WM, in deren Glanz sich Russlands Mächtige sonnen; so wie der tschetschenische Gewaltherrscher Kadyrow und seine Entourage, die jüngst mit einer Folter- und Mordkampagne gegen Homosexuelle auffielen. Nun ließen sie sich im Stadion von Grosnyj an der Seite des ägyptischen Stürmerstars Mohamed Salah bejubeln.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

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