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Zerstörungen in Mali : Steinzeit-Islam

  • -Aktualisiert am

Wut der Eiferer: zerstörtes Heiligen-Grab in Timbuktu Bild: AFP

In Timbuktu wüten Fanatiker gegen die sufische Volksfrömmigkeit. Die Islamisten zerstören jahrhundertealte Kulturgüter, die sie als unislamisch ablehnen. Das erinnert an andere islamische Weltgegenden.

          Man fühlt sich an die Aufsehen erregende, mutwillige Zerstörung der monumentalen Buddha-Statuen im afghanischen Bamian erinnert, und es ist auch derselbe fanatische Geist, der jetzt in Mali die Zerstörer antreibt: Radikale Islamisten, die Al Qaida im arabischen Maghreb nahestehen sollen, wüten in der historischen Stadt Timbuktu; sie zerstören dort Heiligengräber, sogenannte Marabuts, kleine, einfach gehaltene Mausoleen für Sufi-Heilige, welche die Bevölkerung verehrt und die im gesamten westafrikanischen und maghrebinischen Raum seit vielen Jahrhunderten zur Volkskultur und Volksfrömmigkeit gehören. Auch eine Tür zur Sidi Yahya-Moschee wurde zerstört. In Marokko, Mauretanien, im Senegal, in Algerien, Tunesien und Libyen, aber auch in Mali und Niger sind solche Mausoleen weit verbreitet. Dass Timbuktus Bauten durch Entscheidung der Unesco zum Weltkulturerbe gehören, dürfte den „Eifer“ der Fanatiker eher noch stärker angefacht haben, denn sie lehnen dergleichen Verehrung als Teufelswerk ab.

          In Mali haben sich im März, als das Militär in Bamako putschte, die Tuareg in der nördlichen Hälfte des Landes für unabhängig erklärt. Diese Proklamation des Tuareg-Staates „Azawad“ gelang ihnen nicht zuletzt durch die Unterstützung von fundamentalistisch-militanten Gruppen. Diesen Fanatikern werden auch Verbindungen zur radikalen und militanten Sekte Boko Haram nachgesagt, die im Norden Nigerias ihr Unwesen treibt und dort vornehmlich gewalttätig gegen Christen vorgeht, Anschläge auf Kirchen unternimmt. Die Tuareg in Mali sind nun offenbar Opfer ihrer eigenen Helfer geworden, die sich offiziell Ansar Dine, arabisch Ansar al Din („Helfer des Glauebns“) nennen; inwieweit die Tuareg dort überhaupt noch Macht haben, ist schwer einzuschätzen.

          Timbuktu, unweit des Nigerbogens gelegen, hat für den schwarzafrikanischen Islam eine große historische und religiöse Bedeutung, die so schnell nicht übertroffen werden kann. Sein heutiger Ruhm geht auf die Glanzzeit der Stadt im 15. und 16. Jahrhundert, teilweise auch noch früher zurück, als dort eine große Gelehrsamkeit blühte und die Stadt so etwas wie das spirituelle Zentrum der west- und südwestafrikanischen Muslime war. Sogar Gelehrte aus dem islamischen Osten oder aus Marokko, das damals bis zum Senegal und weit in die Wüste Sahara hinein herrschte, kamen nach Timbuktu, das infolge des Aufblühens der Reiche von Mali und Ghana vermögend geworden war. Das „Gold Timbuktus“, halb legendär, halb wirklich, wurde sprichwörtlich und lockte – als Mythos – im 19. Jahrhundert indirekt auch westliche Forschungsgreisende wie Mungo Park oder, nach ihm, Heinrich Barth in die Niger-Region.

          Kampf um die reine Lehre

          Die Errichtung der Marabut-Gräber wurzelt im Sufismus, jener spezifisch islamischen Ausprägung der Mystik. Viele Jahrhunderte lang ist die islamische Religion wie Kultur von den verschiedenen Formen eines kontemplativen Lebens begleitet, innerlich durchdrungen und getragen worden, als Ergänzung zur Gesetzes-Frömmigkeit, wie sie die Scharia, das religiöse Gesetz des Islam, fordert. Neben hochintellektuellen Formen der Mystik (al tasawwuf), wie sie vor allem in Persien und der Türkei lange blühten, verbreitete die Mystik sich in vielen Gegenden, wie dem Maghreb oder Westafrika und den saharischen Regionen, gerade unter dem Volk. Vor allem der schwarzafrikanische Islam galt immer als relativ ungelehrt. Die Sufi-Bruderschaften, wie die Tidjanija, Shadhiliya, Qadirija, Darqawija und etliche andere, spielen und spielen in allen Ländern des Maghreb wie Westafrikas eine wichtige Rolle.

          Die in den Marabuts beerdigten Scheichs, die man selbst auch Marabut nennt, waren oft Führer von Sufi-Orden und werden als solche verehrt. Man schreibt ihnen eine segensreiche Kraft zu, die sogenannte Baraka; Frauen erflehen an den Gräbern Heilung von Krankheiten und bitten um Fruchtbarkeit. Doch auch Männer beten an den Heiligen-Gräbern. Bis heute üben die Sufi-Bruderschaften einen großen Einfluss auf das soziale und gesellschaftliche Leben der afrikanischen Gemeinschaften aus, sofern sie muslimisch geprägt sind. Sie fördern den Zusammenhalt und bedienen wichtige emotionale Bedürfnisse der Gläubigen, etwa durch den „dhikr“, das gemeinsame Psalmodieren bestimmter religiöser Formeln. Dabei hat jede Bruderschaft, jede Tariqa, ihren eigenen dhikr entwickelt. Die Kultur der Sufi-Bruderschaften befruchtet bis heute auch die religiöse Musik des Maghreb, Westafrikas und vieler anderer Regionen.

          Den islamischen Fundamentalisten, vor allem jenen Salafisten, die sich auf die wahhabitische Lehre Saudi-Arabiens beziehen, ist all dies ein Greuel. Nicht allein in Timbuktu, auch andernorts kämpfen sie für das, was sie als „reine Lehre“ verstehen; auch in Libyen und Ägypten wurden gelegentlich schon Heiligengräber zerstört. Die volkstümlichen Formen islamischer Religiosität werden von ihnen - in der Nachfolge ihres Theoretikers Muhammad Ibn Abdal Wahhab (1703–1792)) – als Entartung und Überformung des Islams durch „abergläubische Praktiken“ denunziert und bekämpft. Selbst das Anlegen von Gräbern ist vielen ein Götzendienst, ebenso die Verehrung von Menschen, und seien sie auch bekannte Sufis gewesen. Die jüngsten Zerstörungen in Timbuktu zeigen, wer gegenwärtig im Norden Malis die Macht innehat. Das Treiben der Ansar Dine, die mit ihren Zerstörungen auch die Kultur der Tuareg attackieren, ist auch politisch beängstigend. In einigen Gebieten der Sahara drohen Verhältnisse wie im Afghanistan der Taliban zwischen 1996 und 2001, als am Hindukusch, fußend auf einer ähnlich freudlosen und rigiden Lehre, ein Steinzeit-Islam eingeführt worden war, der den mannigfaltigen religiösen Traditionen der Afghanen völlig widersprach.

          Mausoleen in Timbuktu zerstört

          Radikale Islamisten haben im Timbuktu im Norden Malis die Zerstörung von Moscheen und Mausoleen fortgesetzt, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören. Am Montag zerstörten Kämpfer der mit Al Qaida verbündeten Organisation Ansar al Din mit Spitzhacken die sogenannte „Heilige Tür“ der Sidi-Yahya-Moschee aus dem 15. Jahrhundert gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Die seit Jahrhunderten verschlossene Tür führt zu mittelalterlichen Heiligengräbern. Laut der örtlichen Überlieferung bringt es Unglück, die Tür zu öffnen. Am Wochenende hatte Ansar al Din bereits sieben der 16 Mausoleen Timbuktus eingerissen, die Grabstätten von Führern von Sufi-Orden waren. Die Unesco hatte die Kulturschätze erst am vergangenen Donnerstag auf die Liste gefährdeter Weltkulturerbestätten gesetzt. Ein Sprecher der Islamisten kündigte gegenüber dem Sender BBC an, „alle Mausoleen ohne Ausnahme“ zu zerstören. Zu neunzig Prozent habe man dieses Ziel am Montag schon erreicht. Die salafistische Ansar al Din sieht den in Mali verbreiteten Sufismus als götzendienerisch an. Laut französischen Medienberichten verbietet sie Gräber, die höher als 15 Zentimeter sind. Die neue Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs, Fatou Bensouda, bezeichnete die Zerstörung als Kriegsverbrechen. Die Vereinigung der religiösen Führer Malis nannte sie einen „Akt der Intoleranz“.

          Die Islamisten haben im April die Macht in Timbuktu übernommen. Sie waren zunächst mit Tuareg-Rebellen verbündet, die nach dem Militärputsch in Mali im März Anfang April einen unabhängigen Staat namens „Azawad“ ausgerufen hatten. Mittlerweile haben die Islamisten die Tuareg-Rebellen aus Timbuktu, Gao und Kidal –den wichtigsten Städten im Norden Malis – vertrieben. (stah.)

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