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Islamistische Anschläge : Nährboden des Terrorismus

Freitagsmoschee in Taschkent (Archiv) Bild: Konstanze Gruber

Istanbul, Petersburg, Stockholm, New York: Die Liste der Anschläge durch radikale Muslime aus Usbekistan wird immer länger. Warum finden sich so viele Islamisten in der zentralasiatischen Republik?

          Die Liste ist lang. Istanbul, 28. Juni 2016: Bei einem Selbstmordanschlag reißen drei Attentäter 44 Menschen in den Tod; die Terroristen waren, wie die türkischen Behörden später mitteilten, Staatsbürger Russlands, Kirgistans und Usbekistans. Istanbul, 1. Januar 2017: In der Neujahrsnacht erschießt ein Mann in einem Nachtklub 39 Menschen; der zwei Wochen später festgenommene Täter kommt aus Usbekistan. St. Petersburg, 3. April 2017: Eine Bombe in der Metro tötet 15 Menschen; als Selbstmordattentäter wird ein 22 Jahre alter ethnischer Usbeke aus der kirgisischen Stadt Osch identifiziert, wenige Tage später verhaften die russischen Sicherheitskräfte zwei weitere Usbeken aus Kirgistan, denen sie vorwerfen, den Anschlag organisiert zu haben. Stockholm, 7. April 2017: Ein Mann steuert einen Lastwagen in ein Kaufhaus und tötet vier Menschen – auch dieser Attentäter ist Usbeke.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Der Anschlag von New York ist damit das fünfte mutmaßlich islamistisch motivierte Attentat innerhalb von anderthalb Jahren, dessen Spuren nach Zentralasien führen – in eine Region, in der der „Islamische Staat“ in den vergangenen Jahren massiv versucht hat, Kämpfer zu rekrutieren. Die Schätzungen darüber, wie viele Menschen aus Usbekistan, Kirgistan, Kasachstan und Tadschikistan nach Syrien gezogen sind, gehen indes weit auseinander – was nicht verwunderlich ist angesichts des Umgangs, den diese Staaten seit langem mit dem islamistischen Extremismus pflegen. Dass dieser in Zentralasien nach dem Ende der Sowjetunion Wurzeln geschlagen hat, ist unbestritten, doch autoritäre Regimes wie das in Usbekistan haben die Gefahr mal betont, um Repressionen gegen Gegner aller Art zu rechtfertigen, mal heruntergespielt, wenn sie sich politische Vorteile davon versprachen, sich als Hort der Stabilität zu präsentieren. Ähnlich verhalten sich auch die Regierungen des relativ offenen, sich selbst gerne als einzige Demokratie Zentralasiens darstellenden Kirgistans.

          Islamisten finden Nährboden in Zentralasien

          In ganz Zentralasien finden die Islamisten einen ähnlichen Nährboden: Die staatlichen Institutionen sind schwach, korrupt und erfüllen wesentliche Aufgaben nicht, die wirtschaftliche Lage ist verheerend, und wegen der massenhaften Arbeitsmigration nach Russland werden Familien und traditionelle Sozialstrukturen zerrissen. Hinzu kommen ethnische Konflikte. So wurden 2010 in Osch im Süden Kirgistans bei Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und der großen usbekischen Minderheit Hunderte Menschen getötet. In russischen Medien wurde vermutet, der Attentäter von St. Petersburg habe seine Heimat 2011 im Alter von 16 Jahren deshalb verlassen.

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          Auch westliche Beobachter warnen seit langem, dass das Staatsversagen in Zentralasien zu einer Radikalisierung beitragen könne. Dennoch hat es in der Region seit dem westlichen Einmarsch in Afghanistan 2001 nur wenige Anschläge gegeben. In den Jahren zuvor war es einer mit den Taliban verbundenen Terrorgruppe namens „Islamische Bewegung Usbekistans“ (IBU) mehrmals gelungen, in das dichtbesiedelte Fergana-Tal einzudringen, in dem sich die Grenzen Usbekistans, Kirgistans und Tadschikistans verwirrend ineinander verschlingen. Nach dem Sturz der Taliban wurde die IBU nach Pakistan verdrängt und durch den Tod mehrerer Anführer und mehrere Spaltungen geschwächt. Doch seit ihr Anführer Ende 2014 dem „Islamischen Staat“ Treue geschworen hat, scheint sie wieder an Kraft zu gewinnen – und zwar als dessen Rekrutierungs- und Propagandavehikel, wie aus einem Bericht des Thinktanks „International Crisis Group“ von 2015 hervorgeht.

          Da im IS russischsprachige Islamisten aus dem Nordkaukasus eine große Rolle spielen, ist es dem IS offenbar gelungen, im Internet über soziale Netze in starkem Maße Migranten aus Zentralasien zu erreichen. Laut „International Crisis Group“ gelingt es den Islamisten in Zentralasien, das gesamte soziale Spektrum von unterprivilegierten Jugendlichen bis zu wirtschaftlich relativ erfolgreichen Kleinunternehmern anzusprechen. Soweit man etwas über die Lebensläufe der Attentäter von Istanbul, Petersburg, Stockholm und New York weiß, sind auch darin keine klaren Muster zu erkennen. Die Täter der Istanbuler Anschläge waren mutmaßlich schon als Extremisten in die Türkei gelangt, der Petersburger Täter hat sich offenbar in seiner neuen Heimat radikalisiert, beim Stockholmer Täter gibt es widersprüchliche Angaben, wo er zum Islamisten wurde.

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