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Zentralafrika : Mehr als 500 Tote bei Kämpfen in Tschad

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Bei einer Rebellen-Offensive in Tschad sind nach offiziellen Angaben vom Freitag mehr als 500 Menschen ums Leben gekommen. Der Weltsicherheitsrat zeigt sich „tief besorgt“ über die Lage im Land.

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          In Tschad ist ein gewaltsamer Regimewechsel abgewendet worden. Nur mit äußerster Mühe konnte die tschadische Armee am Donnerstag einen Angriff der Rebellen des „Front uni pour le changement“ (FUC) auf die Hauptstadt N'Djamena zurückschlagen. Die Kämpfe hätten von Morgengrauen bis in den Nachmittag gedauert, berichtete die Nachrichtenagentur AFP. Der tschadische Präsident Idriss Deby teilte am Donnerstag mit, er „kontrolliere“ die Situation und sprach gar von einem „glorreichen Sieg über die Rebellen“.

          Allein in der Hauptstadt N'Djamena und Umgebung kamen laut Regierungsangeben 370 Rebellen und etwa 30 Soldaten um. In der osttschadischen Stadt Adre unmittelbar an der sudanesischen Grenze wurden nach Angaben des tschadischen Verteidigungsministeriums mehr als 150 Menschen bei den Kämpfen getötet. Dort sei der Angriff abgewehrt worden und die Rebellen seien nach Sudan geflohen. Tschad beschuldigt Sudan, bewaffnete Gruppen zur Destabilisierung des Regimes in N'Djamena zu unterstützen und kündigte am Freitag an, die diplomatischen Beziehungen abzubrechen. Die Rebellen des FUC hatten ihre Angriffe am Sonntag mit der Eroberung einer Garnisonsstadt an der Grenze zu Zentralafrikanischen Republik begonnen und waren anschließend bis in die Vororte N'Djamenas vorgestoßen. Der UN-Sicherheitsrat verurteilte die Angriffe ebenso wie die Afrikanische Union und die Europäische Union. UN-Generalsekretär Annan sagte, er sei sehr beunruhigt über die Kämpfe und verurteile jeglichen Versuch, die Herrschaft durch Gewalt an sich zu bringen.

          Nur wenige Informationen über Rebellen

          Über die Rebellengruppe FUC ist nur wenig bekannt. Sie soll eine Koalition aus verschiedenen Rebellengruppen sein, in der das „Rassemblement pour la democratie et la liberte“ (RDL) die einflußreichste Gruppe sein soll. Die RDL wiederum ist eine Gruppe auf rein ethnischer Basis. Sie setzt sich aus Angehörigen der Ethnie der Tama aus dem Osten Tschads zusammen. Die FUC war Anfang Dezember vergangenen Jahres gegründet worden und wird von einem ehemaligen Hauptmann der tschadischen Armee, Mahamat Nour Abdelkerim, kommandiert. Der Versuch, den desertierten Teil der Präsidentengarde, der sich im Oktober vergangenen Jahres nach Sudan abgesetzt hatte, in die neue Rebellengruppe zu integrieren, scheint fehlgeschlagen zu sein, wobei auch in diesem Fall die ethnische Zugehörigkeit ausschlaggebend war. Die Präsidentengarde setzt sich ausschließlich aus Angehörigen von Debys Ethnie, den Zaghawas, zusammen, die wiederum die Regierung des Landes kontrollieren.

          Rebellen wollen Präsident Debys Kandidatur verhindern

          Der FUC-Kommandant Nour gilt als Gefolgsmann des ehemaligen Generalstabschefs der tschadischen Armee, Mahamat Garfa, der sich vor geraumer Zeit mit Deby überworfen und seine eigene Rebellengruppe gegründet hatte, die allerdings nach einem „Friedensvertrag“ mit dem Regime 2003 auseinandergefallen war. Garfa hatte seinerzeit Unterstützung aus Khartum erhalten. Zudem unterhält FUC ihre Hauptbasis in Darfur - dort, wo auch Idriss Deby Zuflucht nahm, bevor er 1990 den damaligen tschadischen Präsidenten Hissene Habre stürzte.

          Paris: „Warnschüsse ohne Ziel“

          Deby steht seit einiger Zeit unter starkem innenpolitischen Druck. Zum einen hat sein eigener Clan, die Zaghawas, ihm offenbar nicht verziehen, daß er angesichts der Vertreibungen der Zaghawas aus Darfur untätig geblieben war, zum anderen gibt es seit langem Streit über die Verwendung der Öleinnahmen, über die Tschad seit dem Bau einer Pipeline verfügt, die die Ölfelder im Süden mit dem kamerunischen Hafen Kribi verbindet. Die Weltbank hatte unlängst alle weiteren Kredite für Tschad gekündigt, weil Deby entgegen den vertraglichen Verpflichtungen die Einnahmen aus dem Öl nicht in Bildung und Gesundheit, sondern in Waffenkäufe steckte.

          Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich bestritt am Donnerstag, militärisch zugunsten von Deby in die Kämpfe eingegriffen zu haben. Frankreich unterhält ein kleines Truppenkontingent von rund 1200 Soldaten in Tschad, verfügt aber mit sechs Kampfflugzeugen vom Typ Mirage F-1, mit Tank-, Transport- und Spionageflugzeugen sowie mehreren Hubschraubern über eine schlagkräftige Luftwaffe. Bislang hatten sich die Franzosen darauf beschränkt, für das Regime Deby Aufklärungsflüge zu unternehmen. Am Donnerstag aber hatte ein Mirage-Kampfjet in die Kämpfe eingegriffen, als er Raketen abfeuerte, die Paris später als „Warnschüsse ohne festes Ziel“ bezeichnete. Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) forderte unterdessen ein sofortiges Ende der Auseinandersetzungen, weil sie die aus Sudan nach Tschad ausgewichenen Flüchtlinge bedrohe. Seit Beginn den massiven Vertreibungen in Darfur haben rund 200 000 Sudanesen in Tschad Zuflucht gefunden.

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