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Zentralafrika : Im Windschatten von Darfur

  • -Aktualisiert am

Präsident Bozize putschte mit der Billigung Frankreichs Bild: AP

Die Gewalt in Darfur steht derzeit im Interesse der Weltöffentlichkeit. Weniger beachtet wird die Lage in der Zentralafrikanischen Republik südlich der sudanesischen Konfliktregion. Aber auch diese droht nun im Chaos zu versinken.

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          Im Windschatten des Darfur-Krieges droht außer Tschad ein weiteres Land verwüstet zu werden: die Zentralafrikanische Republik. Seit Monaten ist der Norden des Landes Schauplatz einer „Rebellion“, deren Verursacher mutmaßlich aus Sudan heraus operieren und ihre Waffen auch über Khartum beziehen.

          Was die Rebellen der „Union des Forces democratiques pour le rassemblement“ eigentlich wollen, außer den Präsidenten zu stürzen, ist nicht klar. Sie halten mehrere Orte besetzt, unter anderen die Regionalstädte Birao und Bria. Seit Wochenbeginn läuft eine Offensive gegen ihre Stellungen, an denen neben der regulären Armee auch Soldaten aus Gabun und Kongo-Brazzaville sowie Frankreich teilnehmen. Mittlerweile sind die französischen Truppen in einen ausgewachsenen Krieg verwickelt.

          „Logistische Unterstützung“

          Am vergangenen Montag hatten französische Sonderkommandos den Flughafen von Birao freigekämpft, um einem französischen Militärflugzeug mit zentralafrikanischen Soldaten an Bord die Landung zu ermöglichen. Gleichzeitig hatten Kampfflugzeuge vom Typ Mirage F1 Stellungen der Rebellen in der Stadt bombardiert.

          Seither haben französische Soldaten in mindestens drei weiteren Ortschaften mit heftigem Beschuß den zentralafrikanischen Truppen und ihren eigenen Sonderkommandos den Weg gesichert. Gleichzeitig erhöhte Frankreich, das mit seiner ehemaligen Kolonie Oubangui-Shari ein Verteidigungsabkommen geschlossen hat, seine Truppenstärke im Land auf nunmehr mindestens 300 Soldaten. Der Pariser Generalstab hatte eigentlich nur „logistische Unterstützung“ angekündigt.

          Ähnlicher Leidensweg wie in Kongo

          Anscheinend wird die Zentralafrikanische Republik abermals zum Schauplatz einer bewaffneten Auseinandersetzung, unter der die Bevölkerung des bitterarmen Landes zu leiden hat. Die Menschen haben einen ähnlichen Leidensweg hinter sich wie die des großen Nachbarn Kongo im Süden. Nur daß der „Mobutu“ aus Bangui Bokassa hieß und sich in einem Anfall von Größenwahn selbst zum Kaiser krönte.

          Dem vorangegangen waren zahlreiche Interventionen der ehemaligen Kolonialmacht, die in der Zentralafrikanischen Republik die eigentliche Regierung gestellt hatte. Der Nachfolger von Bokassa, der „Demokrat“ Ange-Felix Patasse, war weniger blutrünstig als sein Vorgänger, aber genauso korrupt - in den Amtsstuben saßen nur Beamte seiner Ethnie. Daß selbst Staatssekretäre weder lesen noch schreiben konnten, gehört zu den vielen Anekdoten, die vor allem Franzosen gern verbreiten.

          Bembas Rebellen in Zentralafrika

          Als der ehemalige General und Dissident Francois Bozize im März 2003 gegen Patasse putschte, schien das Land zunächst aufzuatmen. Bozize war mit französischer und wohl auch amerikanischer Billigung gekommen, und er hatte tschadische Soldaten im Gefolge, die den anfänglichen Plünderungen seiner eigenen Rebellen in Bangui schnell und korrekt ein Ende bereiteten.

          Damals versammelte sich in einem Hotel der gesamte tschadische Geheimdienst, um einen Blick über den Grenzfluß Oubangui zu werfen - dorthin, wo jener Jean-Pierre Bemba als Rebellenführer sein Unwesen trieb, der vorigen Monat seine Niederlage in der kongolesischen Präsidentenwahl eingestehen mußte. Denn um ihn war es bei dem Putsch eigentlich gegangen.

          Bemba tauschte in Bangui die im kongolesischen Equateur geraubten Edelhölzer gegen Treibstoff für seine Rebellen. Und immer, wenn Patasse sich der unzufriedenen eigenen Armee erwehren mußte, waren Bembas Kämpfer zur Stelle. Seine Klage gegen Bemba wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag hat ihren Ursprung im Wüten von Bembas Rebellen in der Zentralafrikanischen Republik.

          „Gandhi der Zentralafrikanischen Republik“

          Da es bald in Bangui nichts mehr zu stehlen gab, waren Bembas Leute immer weiter nach Norden vorgestoßen und damit den Ölfeldern im südlichen Tschad gefährlich nahe gekommen. Bozize saß im Exil in Paris, Tschad war bereit, ihn zu reaktivieren. Die Franzosen lieferten Aufklärung, die Waffen sind dem Vernehmen nach mit amerikanischer Unterstützung von Nigeria geliefert worden. Kurz nach dem Auftauchen tschadischer Soldaten unterzeichnete der von seinen Nachschubwegen abgeschnittene Bemba einen Friedensvertrag für Kongo.

          Doch Bozize, der neue Herrscher in Bangui, entpuppte sich bald als einer der alten. Für seine „Regierung der nationalen Einheit“ hatte er zunächst den als „Gandhi der Zentralafrikanischen Republik“ bekannten, damals schon mehr als achtzig Jahre alten Professor Adel Goumba zum Ministerpräsident ernannt, was auf allgemeines Wohlwollen stieß.

          Die Saat für den nächsten Aufstand

          Doch nur Tage nach seiner Nominierung hegte Goumba schon Zweifel an der Aufrichtigkeit Bozizes, dem er schon deshalb nicht traute, weil er ein Militär war. „Wir müssen abwarten, ob die Herren nicht doch noch ihr wahres Gesicht zeigen“, sagte Goumba damals dieser Zeitung in Bangui, „und wenn ich in zwei Monaten nicht mehr Ministerpräsident bin, dann weil ich die Herren störe“. Zwei Monate später wurde Goumba tatsächlich abgesetzt. In Bangui machte sich schnell wieder das alte Muster der ethnischen Vetternwirtschaft breit. Zwar konnte Bozize die mehr oder weniger freien Wahlen im Mai 2005 mit satter Mehrheit gewinnen, doch sind die Spannungen im Land nicht geringer geworden.

          Der jüngsten Bedrohung wiederum begegnet Bozize mit einem alten Reflex: dem Ruf nach Hilfe aus Tschad. Knapp 200 tschadische Soldaten schlagen neben der französischen und der regulären Armee die Rebellion nieder. Doch gerade letztere sind dabei, die Saat für den nächsten Aufstand auszusäen.

          Nach Aussagen des UN-Sondergesandten Ibrahim Fall brennen die Soldaten der Präsidentengarde systematisch alle Dörfer nieder, die sie verdächtigen, Rebellen beherbergt zu haben. Daß man sich als Bewohner eines Buschweilers seine Gäste nicht aussuchen kann, zumal wenn sie bewaffnet auftauchen, scheint die Soldaten nicht zu stören.

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