https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/zensur-im-iran-harte-strafen-fuers-tanzen-zum-happy-video-13203321.html

Iranische Zensur : Glücklich sein ist verboten

  • -Aktualisiert am

Sittenwächter schauten genau hin: Nach der Veröffentlichung des Videos zu Pharrells „Happy“ werden die Studenten verhaftet. Bild: Youtube

Millionen Menschen auf der ganzen Welt tanzten zum Lied „Happy“ von Pharrell Williams. Auch sechs Iraner. Sie wurden zu harten Strafen verurteilt.

          4 Min.

          Wochenlang war es Mode, zum Song „Happy“ zu tanzen und Videos davon online zu stellen. Es gab Clips aus Saudi-Arabien, Indien, Slowenien und Israel. Die Tänzer zeigten, wie glücklich sie sind. Auch sechs junge Iraner machten mit. Drei Männer, drei Frauen. Sie zogen sich knallbunte Kleider an, die offensichtlich aus den Achtzigern übrig geblieben sind. Komische Hüte, Schals, Sonnenbrillen waren darunter. Aber kein Kopftuch. Die sechs tanzten, während Pharrell Williams’ Lied zu hören war: „Klatsch mit, wenn du dich wie ein Raum ohne Dach fühlst. Denn ich bin glücklich.“

          Acht Stunden dauerte der Dreh. Die vielen Szenenwechsel im Video mussten aufwendig inszeniert werden. Meist sieht man die Tänzer auf den Dächern von Teheran, einige Szenen sind in einer Wohnung aufgenommen worden, ein paar in einem Treppenhaus. „Wir haben jede Sekunde des Drehs genossen“, schrieben die Iraner im Abspann ihres Films. „Wir hoffen, es bringt ein Lächeln in euer Gesicht.“ Kein politisches Statement, nur knapp vier Minuten Spaß von Freunden. Sie sind Studenten oder haben ihr Studium kürzlich abgeschlossen. Alle haben beruflich mit Fotografie oder Film zu tun.

          Druck der Polizei war zu groß

          Reihane Taravati, die selbst im Video auftritt, veröffentlichte das Filmchen Mitte April bei Youtube. Und forderte ihre Facebook-Freunde auf, den Clip zu verbreiten. Auch Roham Shamekhi, der ebenfalls im Happy-Video mitspielt, rührte die Werbetrommel. Er lud ein Foto von den Dreharbeiten hoch und stellte einen kurzen Ausschnitt des Films online. Er steht immer noch auf seiner Seite beim Fotodienst Instagram. Die sechs Iraner waren happy, ihr Video wurde mehr als 100.000 Mal geklickt, sogar ausländische Zeitungen schrieben darüber. Sie lobten, das Video zeichne ein anderes Bild Irans, als der Westen kennt.

          Because I’m happy: Die Strafe wurde zum Glück „nur“ auf Bewährung ausgesetzt.
          Because I’m happy: Die Strafe wurde zum Glück „nur“ auf Bewährung ausgesetzt. : Bild: Youtube

          Vier Wochen nach der Veröffentlichung, am 19. Mai, wurden die sechs Freunde festgenommen. Der Vorwurf: Sie hätten einen „vulgären Clip“ gedreht und „verbotene Beziehungen“ gepflegt. Sie wurden vor die Kameras des Staatsfernsehens gezerrt. Mit dem Rücken zur Kamera standen sie da, die Köpfe gesenkt. Nur der strenge Blick des Reporters war zu sehen. Mehr Verhör als Interview. Die Beschuldigten gestanden, das Video gedreht zu haben. Offensichtlich standen sie unter einem massiven Druck, den die Polizei ausübte. Sie behaupteten öffentlich, vom Regisseur ausgetrickst worden zu sein. Keiner von ihnen habe gewusst, dass das Video online gestellt werde. Natürlich war das gelogen. Die Einträge in sozialen Medien zeigen, dass es nicht stimmt. Und natürlich wussten alle Zuschauer vor den Fernsehern, dass es gelogen war.

          „Happy zu sein, ist das Recht der Menschen.“

          Was abseits der Fernsehkameras geschah, erzählte ein Bruder von Reihane Taravati dem Sender CNN. Er lebt in Amerika und muss keine Repressionen fürchten. Die Frauen hätten sich im Gefängnis ausziehen müssen. Die sechs seien in dreckigen Zellen festgehalten und schlecht behandelt worden. Das Verhalten der Gefängniswärter habe sich erst verändert, als sich der iranische Präsident Hassan Rohani mit den Gefangenen solidarisierte. Er schrieb am 21. Mai bei Twitter: „Happy zu sein, ist das Recht der Menschen.“ Kurz darauf kamen die Jugendlichen auf Kaution frei.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen warten lange auf therapeutische Hilfe. (Symbolbild)

          Hilfe für psychisch Kranke : Kummer verdrängt Depression

          Neunzig Prozent der Menschen, die Suizid begehen, sind psychisch krank. Es fehlt aber an Therapieplätzen – auch, weil Menschen mit leichten Erkrankungen bevorzugt behandelt werden. Wie lässt sich das ändern?
          Wie lange drehen sich die Baukräne – wie hier in Hamburg – noch? Die Rahmenbedingungen sind extrem schwierig, die Regierung ist ratlos.

          Baupolitik der Regierung : Dieses Haus braucht niemand

          Erst hatte sie keine Kompetenzen – dann kam auch noch Pech dazu: Bauministerin Klara Geywitz will für mehr bezahlbaren Wohnraum sorgen. Ihre Bemühungen wirken zunehmend verzweifelt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.